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Deutschland

NSU-Prozess: Zschäpe hüllt sich in Schweigen

Zweiter Verhandlungstag des NSU-Prozess: In München wurde die Anklageschrift gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer der Terrorbande verlesen. Zschäpe verweigerte die Aussage, zeigte jedoch Emotionen.

Nach vielen Anträgen, die am zweiten Prozesstag gestellt werden, kommt es doch noch zur Vernehmung der Angeklagten. Beate Zschäpe verweigert die Aussage über die Daten zu ihrer Person. Richter Manfred Götzl liest daher aus der Anklageschrift vor: Zschäpe sei ledig und zuletzt wohnhaft in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau. André Eminger hingegen gibt Auskunft über seinen Wohnort. Die zwei anderen Angeklagten Holger Gerlach und Carsten Schultze betonen, sie seien zu laden über das Bundeskriminalamt. Ralf Wohlleben aus Jena gibt zu Protokoll, in der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim inhaftiert zu sein.

"Heimtückische und niedere Beweggründe"

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl mit Kollegen (Foto: dpa)

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl (2.v.l.)

Herbert Diemer, Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe, beantragt die Anklageschrift zu verlesen. Richter Götzl setzt sich gegen juristische Winkelzüge der Verteidigung durch und gibt Diemers Antrag statt. Diemer erhebt sich, um die Anklage zu verlesen. Er klagt Zschäpe unter anderem an in neun Fällen Menschen aus heimtückischen und aus niederen Beweggründen ermordet zu haben. Zschäpe spielt nervös mit ihren Fingern, dabei tippt sie sich damit auf ihre Handfläche.

Dem Angeklagten André Eminger wird vorgeworfen, eine Vereinigung unterstützt zu haben, deren Ziel gemeiner Mord und die Schädigung des Staates gewesen sei. Eminger verschränkt die Arme vor seiner Brust und schaut Diemer böse an. Wohlleben, dem Beihilfe in neun Mordfällen zu Last gelegt werden, erträgt die gegen ihn verlesene Anklage ruhig und bedächtig. Er hat die Hände in seinem Schoß wie zum Gebet gefaltet und richtet seine Blicke auf einen Aktenordner, der vor ihm aufgeschlagen liegt. Dem, so die Bundesanwaltschaft, seit 2001 unter dem Namen NSU auftretenden Trio, bestehend aus Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, wirft Diemer vor, dass sie mit ihren Taten Ausländer zum Wegzug aus Deutschland bewegen wollten. Ihrem Motto "Taten statt Worte" fielen mindestens zehn Menschen zum Opfer - neben neun Menschen mit Migrationshintergrund auch eine deutsche Polizistin.

Medienvertreter auf der Pressetribüne (Foto: Reuters)

Medienvertreter am zweiten Verhandlungstag auf der Pressetribüne

Die Tatumstände

Bundesanwalt Diemer kommt nun zu den Tatumständen. Er schildert, wie Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) neun Schüsse auf den Floristen Enver Şimşek abgeben, der an seinem Stand in Nürnberg gerade seine Blumen sortiert. Während Diemer die blutigen Details der Exekution bekannt gibt, schüttelt sich Zschäpe. Anschließend erläutert Diemer, wie der Schichtarbeiter Abdurrahim Özüdoğru mit zwei Kopfschüssen in Nürnberg hingerichtet wurde. Zschäpe zuckt kurz zusammen. Diemer beschreibt danach, wie der Obst- und Gemüsehändler Süleyman Taşköprü in Hamburg mit drei Kugeln durchsiebt wurde. Zschäpe senkt den Kopf. Jetzt schildert Diemer, wie der Händler Habil Kılıç in seinem Münchner Geschäft erschossen wurde. Zschäpe starrt auf ihren Laptop. Die Auflistung der Morde geht weiter: Diemer erörtert, wie Mehmet Turgut in einem Döner-Imbiss in Rostock durch mehrere Kopfschüsse starb. Zschäpe wippt zweimal nervös auf ihrem orangefarbenen Stuhl hin- und her. Diemer beschreibt, wie die Mitglieder des NSU den Geschäftsmann İsmail Yaşar in seinem Laden in Nürnberg mit fünf Schüssen in seinen Kopf und in sein Herz hinrichteten. Zschäpe zeigt keine Rührung mehr.

Diemer beschreibt, wie Theodoros Boulgarides, Mitinhaber eines Schlüsseldienstes, aus nächster Nähe mit einer Pistole in München exekutiert wurde. Zschäpe bleibt regungslos. Diemer legt dar, wie Mehmet Kubaşık, Besitzer eines Kiosks, in Dortmund aus nächster Nähe hingerichtet wird. Zschäpe zupft den Stoff ihres Hosenanzugs zurecht. Diemer stellt fest, wie Halit Yozgat, Betreiber eines Internetcafés, in Kassel durch Kopfschüsse ermordet wurde. Sein Fazit lautet: "Beate Zschäpe war Mitglied eines Tötungskommandos." Zschäpe senkt ihren Blick. Die anderen Angeklagten flegeln sich derweil lässig in ihren Stühlen.

Ein Jurist ringt um Fassung

Der Staatsanwalt Stefan Schmidt (in Roben, l-r), der Bundesanwalt Herbert Diemer, die Oberstaatsanwältin Anette Greger und der Bundessanwalt Jochen Weingarten (Foto: dpa)

Bundesanwalt Herbert Diemer (2.v.l.)

Diemer, der seit 25 Jahren für den Generalbundesanwalt tätig ist und seit 2004 in der Abteilung Terrorismus leitend ermittelt, fällt es spürbar schwer, diese Verbrechen nüchtern zu schildern. Mehrmals pausiert er, nimmt einen Schluck Wasser. Auch die 100 Zuschauer auf der Empore sind erschüttert. In diesem Moment erfahren sie aus dem Mund des Bundesanwalts auf einen Schlag all die grausamen Details dieser Mordserie. Angewidert stöhnen sie, als Diemer die Folgen des Nagelbombenattentats in Köln schildert. Eine Zuschauerin hält sich fassungslos ihre Hand vor den Mund. Ihre Augen blicken traurig ins Leere.

"So", sagt Diemer in dem Moment, als er die Schilderung der Anschläge und Raubzüge des NSU beendet. In diesem kurzen "so" stecken all die Schuld, welche die Täter auf sich geladen haben und auch das Streben des Bundesanwalts nach Sühne. Das von Diemer geforderte Strafmaß für Zschäpe lautet lebenslange Haft und anschließende Sicherungsverwahrung. Zschäpe verschränkt die Arme und beißt sich auf die Unterlippe.

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