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Deutschland

NSU-Prozess: Das Eigenleben der V-Leute

Ein Spitzel des Verfassungsschutzes konnte anscheinend machen, was er wollte. Diesen Eindruck vermittelt sein langjähriger Kontaktmann, der sich an nichts erinnern will. Sein Auftritt löst Fragen und Verärgerung aus.

Piatto im NSU-Prozess im Dezember 2014 (Foto: dpa)

"Piatto" im NSU-Prozess im Dezember 2014

Z eugen mit großen Erinnerungslücken sind im Strafverfahren gegen den sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund keine Seltenheit. Davon betroffen sind insbesondere Angehörige zweier Milieus: Männer und Frauen aus dem persönlichen Umfeld des mutmaßlichen NSU-Trios und ihrer Helfer sowie aktive oder ehemalige Mitarbeiter des Verfassungsschutzes. Dieser Zeugentypus ist im Strafverfahren gegen Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte vor dem Münchener Oberlandesgericht häufig anzutreffen. Am Mittwoch soll der Brandenburger Verfassungsschützer Reinhardt G. Auskunft über die von ihm geführte Topquelle mit dem Decknamen "Piatto" geben.

Der Verbindungsmann aus Berlin war bestens vernetzt in der rechtsextremistischen Szene Ostdeutschlands. Er sollte dabei helfen, die 1998 untergetauchten Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe aufzuspüren. Dafür wurde dem wegen versuchten Mordes im Gefängnis einsitzenden "Piatto" sogar Freigang gewährt. V-Mann-Führer G. hat jahrelang engen Kontakt zu seiner wichtigsten menschlichen Quelle gepflegt - aber er hat erstaunlich wenige Erinnerungen an ihn. Erklärung: Für die Auswertung der von "Piatto" gelieferten Informationen sei er nicht zuständig gewesen.

Beate Zschäpe im Gerichtssaal mit ihren Verteidigern (Foto: dpa)

Beate Zschäpe im Gerichtssaal mit ihren Verteidigern

Zeuge ermahnt

Immerhin weiß G. zu berichten, sein V-Mann habe erfahren, die drei Flüchtigen wollten sich nach Südafrika absetzen. Versuche, eine Waffe zu besorgen, seien "Piattos" Angaben zufolge erfolglos geblieben. Trotz dieser brisanten Details beharrt G. darauf, nicht mehr zu wissen. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl ist spürbar unzufrieden mit dem vergesslichen Zeugen und erinnert ihn an seine Beamtenpflichten. Redseliger wird G. trotzdem nicht. Rund drei Stunden dauert die mehrfach unterbrochene Befragung des wortkargen V-Mann-Führers, der sein Gesicht mit einer hellgrauen Kapuze und Brille verdeckt hat.

Auch alle Versuche der Nebenkläger-Anwälte, mehr aus G. herauszulocken, schlagen fehl. Der Zeuge wirke "absolut unglaubwürdig", empört sich Sebastian Scharmer. Der Berliner Anwalt vertritt die Tochter des 2006 in seinem Dortmunder Kiosk ermordeten Mehmet Kubasik im NSU-Prozess. Es sei offensichtlich, "dass der Zeuge mauert", heißt es in Scharmers Erklärung. "Möglich wäre, dass er seinen ehemaligen Kollegen und jetzigen Präsident des Verfassungsschutzes in Sachsen, Gordian Meyer-Plath, schützt." Der war in diesem Jahr auch schon als Zeuge geladen. Sein Erinnerungsvermögen war ebenfalls lückenhaft. Nicht nur Scharmer fragt sich, woran das liegt.

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