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Deutschland

NSU-Opfer aus der Keupstraße: Belastende Aussagen vor Gericht

Sie schildern Todesangst, Schmerzen, Demütigungen - Verletzte des Nagelbomben-Anschlags in der Kölner Keupstraße lassen beim NSU-Prozess ahnen, was die Täter im Juni 2004 angerichtet haben. Andrea Grunau aus München.

"Sie haben mich reingeholt, ich war sehr angestrengt und nervös. Dann sah ich diese Frau direkt mir gegenüber, da ging es mir schlecht", so schildert der Juwelier Metin Ilbay (Artikelbild) seine Zeugenvernehmung im NSU-Prozess. Durch den Anblick der Hauptangeklagten Beate Zschäpe wenige Meter vom Zeugenstand entfernt kann er schon bald nicht mehr weiter sprechen. Er entschuldigt sich beim Gericht, muss sich ein Glas Wasser bringen lassen, weil ihm schlagartig die Spucke weggeblieben ist.

Metin Ilbay sitzt auf einem Hocker vor seinem Geschäft (Foto: DW/A. Grunau)

So saß Metin Ilbay am 9. Juni 2004 vor seinem Geschäft

Dann gibt er sich

wie alle Zeugen große Mühe

, die Fragen des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl zu beantworten: Wie haben Sie den 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße erlebt? Welche Verletzungen haben Sie erlitten? Welche psychischen Folgen hatte das für Sie? Ilbay berichtet, er habe auf einem Hocker vor dem Geschäft gesessen und sich bei der Explosion auf den Boden geworfen. Er hatte drei Nägel im Körper und könne nicht rumsitzen, sonst gehe es ihm schlecht. Manchmal habe er Angst, es könne wieder etwas passieren. Götzl fragt auch: Haben Sie an dem Tag etwas Auffälliges beobachtet? Ilbay verneint wie fast alle Zeugen.

Dem Täter ins Auge gesehen

"Etwa eine Sekunde haben wir uns angeblickt", berichtet der Friseur Hasan Yildirim, wie am Tattag ein etwa 1,80 Meter großer Mann vor seiner Schaufensterscheibe ein Fahrrad abstellte. In diesem Moment blickt auch die Hauptangeklagte Beate Zschäpe auf. Sie schaut den Zeugen an, wendet den Blick schnell wieder ab. Die Anklage geht davon aus, dass Zschäpe als Teil des rechtsterroristischen "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) ebenso wie Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die 2011 tot aufgefunden wurden, für den Anschlag verantwortlich ist. Hasan Yildirim begriff damals erst im Krankenhaus, wen er gesehen hatte, als im Fernsehen berichtet wurde, dass eine Bombe auf dem Fahrrad die schwere Explosion mit den vielen Verletzten ausgelöst hatte: "Ich erlitt noch mal einen Schock."

Der Frisör Hasan Yildirim schneidet einem Kunden die Haare (Foto: DW/A. Grunau)

Der Friseur Hasan Yildirim bediente einen Kunden, als das Fahrrad mit der Nagelbombe abgestellt wurde

Der Polizei habe er gesagt, ihm seien unter der Baseballkappe des Mannes die blonden Koteletten aufgefallen, dafür habe er als Friseur einen Blick. Daraufhin habe man ihn gefragt: "Könnte er nicht dunkel gewesen sein?" In späteren stundenlangen Vernehmungen seien er und sein Bruder, dem der Friseursalon gehört, nicht vernommen worden wie Zeugen, sondern wie Schuldige: "Das war für uns eine zweite Verletzung", sagt Yildirim. Eine Erfahrung, die er mit den Kunden teilt, die auch im Friseursalon verletzt wurden.

"Ich habe gedacht, ich bin in der Hölle, ich hatte Angst um mein Leben", erinnert sich der Elektriker Abdullah Ö. Eine dunkle Rauchwolke, Stichflammen, schreiende, blutüberströmte Menschen, Scherben der zerborstenen Schaufensterscheiben, die sich tief in die Haut gegraben haben, überall Trümmer - so schildern er und andere Augenzeugen das Schreckens-Szenario nach dem Attentat. Einem Zeugen spritzte das Blut aus der verletzten Arterie im Arm, einer merkte erst, dass ein Nagel aus der Bombe in seinem Hinterkopf steckte, als ihm das jemand auf der Straße sagte und den Nagel herauszog. Eine Zeugin schildert, wie sie einem Verletzten die brennenden Beine löschte, dann müsse sie in Ohnmacht gefallen sein.

Stundenlange Vernehmungen, nackt bis auf die Unterhose

Abdullah Ö. und sein Freund Atila Ö. berichten beide, dass sie nach der Erstversorgung im Krankenhaus von der Polizei stundenlang vernommen wurden, "nackt bis auf die Unterhose", dass ihnen Fingerabdrücke abgenommen wurden und DNA-Proben, dass sie gefragt wurden nach Kontakten zum Drogen- und Rotlichtmilieu und zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Kaum waren sie wieder zuhause, sei erneut die Polizei erschienen. Beide waren wegen ihrer Kopfverletzungen in so schlechter Verfassung, dass sie noch einmal ins Krankenhaus fuhren, wo sie fünf Tage behandelt wurden. Abdullah Ö. berichtet, dass seine Tochter in der Schule wegen einseitiger Medienberichte Freunde verlor. Jahrelang versuchte er, durch Therapien mit den Ereignissen fertig zu werden. Bei ihm wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.

Verwüstung nach dem Bombenanschlag in der Keupstraße 2004 (dpa)

Anwohner kümmern sich nach dem Anschlag um einen Verletzten

Der Zeuge Gerd H., ein Rentner, hatte mit seinem Fahrrad gerade den Friseursalon passiert, als der ohrenbetäubende Knall der Explosion durch die Keupstraße hallte. Sein Trommelfell platzte, sein Gehör sei bis heute geschädigt, berichtet er vor Gericht. Ihn habe die Polizei erst zwei Tage nach dem Attentat angerufen, an seinem Geburtstag. "Feiern Sie erst mal", habe man ihm gesagt und ihn für die nächste Woche aufs Polizeirevier gebeten. Einen DNA-Test musste er auch machen, Fingerabdrücke wollte man von ihm nicht. Friseur Hasan Yildirim erfährt von einem Nebenklage-Anwalt, dass er von der Polizei noch zwei Jahre nach der Tat observiert wurde. Er sagt, er habe damals unter Angstzuständen gelitten und eigentlich um Personenschutz gebeten.

Angst vor "Nazi-Terrorismus" - Dankbarkeit für Solidarität

Demonstranten mit dem Schriftzug 'Keupstaße ist überall' (Foto: DW/Marcel Fürstenau)

Solidarität für die NSU-Nebenkläger aus der Keupstraße

"Ich hätte noch viel mehr erzählen wollen vor Gericht", sagt Metin Ilbay. Doch er hat es in den zwölf Minuten seiner Befragung nicht geschafft. Er weiß heute, dass die Polizei auch gegen ihn ermittelte, bis nach Nürnberg, wo er seinen Cousin besuchte: "Die wollten uns als Täter sehen". Nach verdächtigen Bombenbastlern suchte man nur in Köln und Umgebung. Metin Ilbay lebt heute nicht mehr so unbeschwert in Deutschland wie früher: "Die meisten Sorgen mache ich mir um meine Kinder und meinen Enkel", sagt der Juwelier, "sie sind alle hier geboren, werden aber immer noch als Türken oder Ausländer gesehen." Er habe Angst vor Ausländerfeindlichkeit und "Nazi-Terrorismus".

Die Aussage beim NSU-Prozess hat er als sehr belastend erlebt.

Das ging anderen Zeugen ähnlich

. Viele fühlten sich 2011 nach dem Auffliegen des NSU zwar vom Verdacht befreit, doch ihre traumatischen Erinnerungen quälen sie sehr. Hasan Yildirim sagte dem Gericht: "Das Vortragen dieser Ereignisse fügt mir große Schmerzen zu." Als Metin Ilbay nach seiner Aussage aus dem Gericht kam, freute er sich über

die Solidaritätsbekundungen der Initiative "Keupstraße ist überall"

in dieser Woche in München. Als er die Demonstranten sah, habe er eine Gänsehaut bekommen, erzählt der Kölner Geschäftsmann: "Das hat mich gestärkt."

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