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Deutschland

NS-Prozess: Aussagen unter Tränen

Im Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher Demjanjuk haben Nebenkläger geschildert, wie sie ihre Angehörigen im Holocaust verloren haben. Demjanjuk wird Beihilfe zum Mord im Vernichtungslager Sobibor vorgeworfen.

Der Nazi-Dienstausweis von John Demjanjuk (Foto: AP)

Der Nazi-Dienstausweis von John Demjanjuk

"Sobibor ist für mich eine schmerzliche und unheilbare Wunde", sagte ein 86 Jahre alter Nebenkläger aus Amsterdam am Montag (21.12.2009) bei der Verhandlung vor dem Landgericht München. Seine Eltern, seine Schwester und seine Freundin seien in Sobibor ermordet worden, sagte der ehemalige Apotheker unter Tränen.

Tägliches Leid durch NS-Verbrechen

Er selbst habe rechtzeitig über Belgien, Frankreich, Spanien und Kanada nach England fliehen können. Aber er habe Schuldgefühle, dass er seine liebsten Menschen damals zurückgelassen habe. "Die Ereignisse von damals prägen alle Tage meines Lebens."

Demjanjuk wird im Rollstuhl in den Gerichtssaal gefahren (Foto: AP)

Demjanjuk wird im Rollstuhl in den Gerichtssaal gefahren

"Ich bin als Nebenkläger hier für meine Eltern", sagte ein 70-Jähriger. Er sei noch ein kleiner Junge gewesen, als seine Eltern in das Vernichtungslager im besetzten Polen deportiert und dort 1943 in die Gaskammern getrieben wurden. "Meine Mutter war hochschwanger", sagte der Nebenkläger. "Deshalb bin ich auch hier für meinen ungeborenen Bruder oder für meine ungeborene Schwester." Er selbst überlebte den Holocaust im Schutze einer anderen Familie.

Ein 83-jähriger berichtete, er habe im niederländischen NS-Sammellager Westerbork Strohmatratzen stopfen müssen, während seine Eltern und sein Bruder nach Sobibor gebracht wurden. "Ich wollte auch deportiert werden. Wir waren sehr naiv damals. Ich dachte, ich würde meine Familie dann wiedersehen."

Der Angeklagte schweigt

Der 89-jähige Angeklagte John Demjanjuk, der in einem Rollstuhl in den Gerichtssaal gebracht worden war, hielt wie an den beiden Prozesstagen zuvor während der Verhandlung die Augen fast durchweg geschlossen und äußerte sich nicht. Der gebürtige Ukrainer war im Zweiten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft geraten und soll daraufhin für die Nazis in Sobibor im deutsch besetzten Polen als Wächter gearbeitet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zum Mord an 27.900 Menschen, vorwiegend Juden, vor. Er soll Kinder, Frauen und Männer in Gaskammern getrieben haben.

Wichtigstes Beweismittel der Staatsanwaltschaft sind Demjanjuks Dienstausweis und Listen der SS mit den Kriegsgefangenen, die als KZ-Wachmänner rekrutiert worden waren.

Der Verteidiger provoziert

Demjanjuk-Verteidiger Ulrich Busch (Foto: AP)

Demjanjuk-Verteidiger Ulrich Busch

Demjanjuks Wahlverteidiger Ulrich Busch rief erneut Empörung hervor, als er einen Überlebenden fragte: "War nach Ihrem Eindruck die Judenpolizei schlimmer als die Nazis?" Er habe gelesen, dass der jüdische Ordnungsdienst in Westerbork schlimmer als die SS gegen zum Abtransport nach Sobibor festgenommene Juden vorgegangen sei, sagte Busch.

Auf Nachfragen des Gerichtes und der aufgebrachten Anwälte der Nebenkläger nannte er aber keine Quelle. "Wenn Sie es googeln, finden Sie es", sagte Busch. Schon am ersten Prozesstag hatte er mit mit der Gleichsetzung Demjanjuks und der jüdischen KZ-Häftlinge Empörung ausgelöst.

Der Vorsitzende Richter Ralph Alt lehnte alle Anträge Buschs auf Einstellung oder Aussetzung des Verfahrens und Freilassung Demjanjuks ab.

Autor: Michael Wehling (dpa,rtr,apd)
Redaktion: Anna Kuhn-Osius

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