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Geschichte

NS-Folterkeller ist heute Gedenkstätte

Erst Jahrzehnte nach dem Ende der NS-Herrschaft wurde ein ehemaliges Foltergefängnis der SA in einem Berliner Keller entdeckt. Dass daraus eine Gedenkstätte wurde, ist der Beharrlichkeit engagierter Bürger zu verdanken.

Lange haben sie nach dem richtigen Ort gesucht - der Historiker Matthias Heisig und seine Mitstreiter von der 'Geschichtswerkstatt Papestraße'. Sie wussten von der Existenz des berüchtigten Gefängnisses der SA-Feldpolizei, das die Berliner schon 1933, kurz nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten, als Folterhölle kannten. Sie waren sich sicher: Hier irgendwo musste es sein, auf dem ehemaligen Kasernengelände der preußischen Armee, wo man sich schnell verirrt zwischen den einförmigen roten Klinkerbauten, auf dem riesigen Areal, das sich hinter dem heutigen Bahnhof Südkreuz versteckt. Im Jahr 1933 war diese Gegend noch abgelegener als heute, die General-Pape-Straße damals eine Sackgasse.

Aber wo genau lag der Keller, in dem die SA-Feldpolizei Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Juden grausam folterte? Selbst ehemalige Häftlinge konnten ihn nicht ausfindig machen, waren sie doch oft schon bei der Verhaftung misshandelt oder bei Nacht und Nebel die Kellertreppe hinabgestoßen worden. Auch eine offizielle Gedenktafel für die "Opfer des frühen Naziterrors", die die Stadt 1981 an einem Haus auf dem Gelände anbringen ließ, wies nicht den richtigen Weg.

Späte Entdeckung

Vier Jahre lang suchten Bewohner des Areals, die sich 1988 in der Geschichtswerkstatt Papestraße zusammengeschlossen hatten, nach dem ehemaligen Folterkeller. Doch erst 1992 konnte ein Zeitzeuge das frühere Gefängnis lokalisieren: "Es meldete sich ein Würstchenverkäufer", erzählt Matthias Heisig, "der uns sagte, dass die SA hier im Keller war." An die SA-Leute hatte der Mann 1933 seine Würstchen verkauft, er war sich seiner Sache sicher. Und tatsächlich: In dem schwach beleuchteten Kellergang des Hauses am Werner-Voß-Damm 54a fanden sich Wandkritzeleien, darunter das Kürzel der SA-Feldpolizei.

Der Kellergang des ehemaligen SA-Gefängnisses Papestraße in Berlin. Foto: DW/Nina Werkhäuser

Gedenkstätte SA Gefängnis Papestraße in Berlin

Matthias Heisig erinnert sich mit gemischten Gefühlen an diesen Tag: Zu der Freude darüber, dass der Ort endlich gefunden war, kam Entsetzen: Er wohnte selbst in dem Haus, genau wie andere Mitstreiter aus der Geschichtswerkstatt. Der ehemalige Folterkeller lag quasi unter ihren Füßen. "Wir hatten sofort den Impuls, auszuziehen und das Haus zu verlassen." Doch sie blieben vorerst - mit dem Ansinnen, diesen Ort des Schreckens weiter zu erforschen und irgendwann einmal öffentlich zugänglich zu machen.

1992 waren die Kellerräume, acht zu jeder Seite eines langen, klammen Ganges, allesamt vermietet. 1933 waren dort die Gefangenen zusammengepfercht und gefoltert worden. Wie sich später herausstellte, waren die Räume weitgehend im Originalzustand. Kritzeleien und Zeichnungen an den Wänden sind erhalten, weil der Kellergang glücklicherweise nie neu getüncht wurde. Die tiefen Abriebspuren im Mauerwerk zeigen, wie oft die schweren Türriegel geöffnet und geschlossen wurden. Für Matthias Heisig zeichnet nicht nur die späte Entdeckung diesen Ort aus, sondern auch seine Authentizität: "Das ist der einzige nahezu original erhaltene frühe Haftort, der eine zentrale Bedeutung hatte."

Durch Terror zur Diktatur

Das SA-Foltergefängnis diente den Nationalsozialisten dazu, ihre Herrschaft mit brutaler Gewalt zu festigen. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begann der offene Terror der Nationalsozialisten gegen alle politischen Gegner. Der Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 war ein weiterer Dammbruch: Kabinett und Reichspräsident setzten die politischen Grundrechte der Weimarer Verfassung de facto außer Kraft. Der systematischen Verfolgung der politischen Gegner war damit Tür und Tor geöffnet.

Aktuelle Außenansicht des Hauses, in dessen Keller sich 1933 das SA-Gefängnis befand. Foto: Matthias Heisig.

Lange wußte niemand, dass das SA-Gefängnis 1933 in diesem Haus war

Dabei spielte die SA (Sturmabteilung) eine entscheidende Rolle. Die SA-Feldpolizei war eine kasernierte Elitetruppe, die der SA-Führung direkt unterstand. 1933 beschlagnahmte sie das Haus und errichtete in den Kellerräumen ein Gefängnis, das insgesamt neun Monate lang bestand. Die ersten Häftlingseinlieferungen sind für den 15. März 1933 belegt. Schätzungsweise 2000 Menschen waren insgesamt in dem Gefängnis inhaftiert, vorwiegend Vertreter der demokratischen, linken Gesellschaft, die sich in der Weimarer Republik herausgebildet hatte.

Brutale, sadistische Misshandlungen

Im Visier hatte die SA-Feldpolizei Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Juden. Die Berichte der ehemaligen Häftlinge sind erschütternd. So gab es beispielsweise Schein-Hinrichtungen: Gefangene wurden in einem Wasserbecken untergetaucht oder in Särge gelegt, auf die geschossen wurde. Georg Doehring, damaliger Betriebsrat bei den Berliner Elektrizitätswerken Bewag, berichtet über seine Haft im März 1933:

"Mit Stockschlägen wurden wir in den Keller getrieben und in einem dunklen Raum, dessen Wände viele Blutspritzer aufwiesen, eingesperrt. Zu unserem Entsetzen hörten wir auf dem Kellergang ohne Unterbrechung fürchterliche Schreie von gefolterten Häftlingen. Bald wurden wir auf den Gang getrieben und mussten zuschauen, wie ein jüdischer Arzt aus Biesdorf von den SA-Mördern zu Tode geprügelt wurde."

Mit dem Gefängnis wollte die SA-Feldpolizei Angst und Schrecken verbreiten. Mindestens 20 Häftlinge, vielleicht viel mehr, wurden ermordet. Die Anwohner hörten die Schreie der Misshandelten. "Das war Absicht", ist sich der Historiker Heisig sicher, "weil das Motto hieß: Du kannst der nächste sein!"

Endlich ein Ort des Erinnerns

Ein SA-Mann bewacht im März 1933 mit vorgehaltenem Gewehr verhaftete Anhänger der Linken, die in einem Keller in Berlin an der Wand angekettet sind.

Die SA terrorisiert im März 1933 Gegner der Nationalsozialisten

Es ist der Beharrlichkeit der Geschichtswerkstatt zu verdanken, dass dieser besondere historische Ort seit 2011 eine Gedenkstätte ist. Doch bis dahin war es ein weiter Weg: Die Kellerräume waren vermietet und daher nicht zugänglich. Die zuständige Berliner Behörde ließ es anfangs an Gespür für die historische Bedeutung des Ortes fehlen, schlug sogar eine Renovierung des Kellergangs vor. Eine erste Ausstellung im Jahr 1995 und später jährlich zwei Führungen mit Zeitzeugen war alles, was den engagierten Bürgern zugestanden wurde.

Mitte der Zweitausender Jahre flossen erstmals öffentliche Gelder, nach und nach entstand die Gedenkstätte mit einer kleinen Dauerausstellung. Inzwischen hat der zuständige Berliner Bezirk das Heft in die Hand genommen und plant für 2013 eine neue Austellung, 80 Jahre nach dem Reichstagsbrand.

Den größten Teil der Forschungsarbeit haben unterdessen "ganz normale Bürger" geleistet, die Mitglieder der Geschichtswerkstatt. Getreu dem Motto: "Wo du wohnst, da grabe" haben sie Licht in ein dunkles Kapitel der frühen NS-Geschichte gebracht. Und so einen Gedenkort von ungeheurer Wirkung für die Allgemeinheit zugänglich gemacht. Ein Gang durch die feuchtkalten Kellerräume, vor allem aber die Berichte der Zeitzeugen sind so erschütternd, dass es unmöglich ist, sie je wieder zu vergessen.

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