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Sport

Nowitzki: "Du musst können, was keiner kann!"

Dirk "Dirkules" Nowitzki gehört seit Jahren zu den besten Basketballern der Welt. Im DW-Interview verrät der 34-jährige Superstar der "Dallas Mavericks" einige seiner Trainingsgeheimnisse.

DW: Herr Nowitzki, viele Fans glauben, dass Sie vor allem wegen Ihres großen Talents so erfolgreich sind. Mit Ihrem Entdecker und Mentor Holger Geschwindner gehen Sie auch ungewöhnliche Trainingswege...

Dirk Nowitzki: Stimmt, wir haben schon immer anders trainiert. Wir sind viel gerudert. Dann haben wir Fechten probiert und in das Basketballspiel einfließen zu lassen. Die Fechter machen das super: Sie sind im Angriff, haben aber gleichzeitig immer eine Verteidigungsposition. Dann wollten wir die Beinarbeit verbessern. Wir haben beim Boxtraining vorbeigeschaut. Ich wollte mal sehen, wie die es schaffen, zwölf Runden lang herumzutippeln. Wir sind auch mit Handstand durch die Halle gelaufen.

Holger Geschwindner trainiert mit Ihnen seit 1994. Wie hat er Sie von seinen Methoden überzeugen können?

Sein Ansatz war: Wenn du aus Deutschland heraus willst, wenn du etwas schaffen willst, dann musst du etwas können, was keiner kann. Wenn du dasselbe machst, wie alle anderen, dann kommst du nicht weiter. Das war unser Ansatz: Dass wir etwas kreieren, um aus jeder Basketball-Position heraus, aus jeder Lage werfen zu können. Wir wollten einen ganz eigenen Schuss kreieren.

Sportwissenschaftler vertreten die These, dass man Trainingsroutinen durchbrechen soll, um leistungsfähiger zu werden.

Ich trainiere mit Holger Geschwindner seit 18 Jahren, da sind natürlich Trainingsroutinen dabei. Unser Ansatz war, dass ich eigentlich alles können muss, dass wir alle Übungen machen: mit Dribbling, ohne Dribbling, Dreier, nah am Korb, hook shot (Anm. Hakenwurf), dass wir uns nicht auf eine spezifische Bewegung konzentrieren, sondern auf alles, auf ein Allround-Programm.

Nowitzki übergibt US-Präsident Obama ein Meistertrikot der Dallas Mavericks. Foto: Reuters

Gegen den 2,13-Meter-Mann Nowitzki wirkt US-Präsident Obama (1,85 Meter) wie ein kleiner Mann

Was macht den Erfolg eines Leistungssportlers aus, was entscheidet über Sieg oder Niederlage: Talent, Willenskraft, hartes Training, Disziplin?

Alles zusammen. Man muss ein gewisses Talent mitbringen. Das bekommt man in die Wiege gelegt. Wenn nicht ein gewisses Grundlevel, ein Ballgefühl vorhanden ist, das Gefühl zum Korb, dann kann man so viel trainieren wie man will, dann hat man keinen Erfolg. Andererseits ist Talent nicht alles: Es geht nicht nach oben, wenn man sich nicht quälen kann. Bei uns in der NBA gibt es Beispiele dafür. Einige Spieler waren durchaus talentierter als ich, aber die haben nicht den richtigen Biss. Die legen eine viel zu lange Sommerpause ein.

Neue Trainingsmethoden wurden für die breite Öffentlichkeit 2006 sichtbar, als der damalige Fußballbundestrainer Jürgen Klinsmann seine Schützlinge zur WM-Vorbereitung mit Stretchbändern aus den USA trainieren ließ. Als Klinsmann danach Übungsleiter beim FC Bayern München wurde, ließ er auf dem Trainingsgelände kleine Buddha-Figuren aufstellen, um - so Klinsmann damals - "einen gewissen Energiefluss" zu ermöglichen. Die Spieler lachten darüber hinter seinem Rücken. Wie bewerten Sie das?

Gute Frage. Ich glaube, das muss man mitgemacht haben, um sich ein Urteil aus erster Hand bilden zu können. Vielleicht hätten beide Seiten etwas offener sein müssen. Vielleicht hätten die Spieler versuchen müssen, es anzunehmen. Ich mache zweimal die Woche etwas Yoga, auch um mich zu dehnen, aber natürlich auch mental, um zu entspannen, mich gehen zu lassen, den ganzen Druck und die ganze Spannung wegzulassen. Aber ich habe zu Hause keine Buddhas stehen.

Holger Geschwindner ist studierter Mathematiker und Physiker. Wie zeigt sich das im Training?

Im Training eigentlich nicht so direkt, aber außerhalb der Sporthalle rechnet er immer herum: Wie muss die perfekte Wurfkurve aussehen, dass der Ball in den Korb geht? Wie müssen die Beine stehen, um die optimale Balance in der Luft zu bekommen? Das hat er alles ausgerechnet. Er hat sogar schon ein Computerprogramm über den perfekten Wurf geschrieben.

Geschwindner hat Sie nicht nur auf allen Spielpositionen beim Basketball ausgebildet, sondern Sie auch ins Theater mitgenommen und Ihnen ein Saxophon geschenkt.

Er hat mich schon immer zu pushen versucht - auch in anderen Sachen im Leben, nicht nur im Basketball. Als wir uns kennenlernten, war ich ein unterdurchschnittlicher Schüler. Ich überlegte, die Schule abzubrechen, kein Abitur zu machen. Aber das stand überhaupt nicht zur Diskussion, da waren auch meine Eltern hinterher, ich musste mich durch das Abitur kämpfen. Holger hat immer versucht, den Intellekt nach vorne zu bringen. Ab und zu gibt er mir ein Buch, eines, durch das ich mich richtig durchbeißen muss. Am Anfang hat er mir von Carl Friedrich von Weizsäcker "Die Geschichte der Natur" in die Hand gedrückt. Ich war gerade 18, da musste ich schon schlucken. Wenn man jedes Wort zwei- oder dreimal lesen muss, das ist schon zäh.

Hat Ihnen das Spaß gemacht?

Wenn man sich durchbeißen muss, dann geht der Spaß beim Lesen verloren. Aber Holger hat mir immer über die Jahre auch den einen oder anderen Roman empfohlen, darunter auch griechische Tragödien.

Es heißt, er hätte Ihnen auch Joseph Conrad zum Lesen empfohlen?

Stimmt, "Taifun", aber das ist schon lange her. Auf einer Reise gerät ein Schiff in einen Taifun, die Seeleute kämpfen ums Überleben. In dem Buch geht es darum: Wenn im Leben etwas Wichtiges passiert, dann darf man dem nicht ausweichen. Das ist für mich zur Lebensweisheit geworden: Wenn etwas im Leben passiert, dann geht man da voll rein, versucht das Beste daraus zu machen und lernt daraus.

Was ist Ihre beste Eigenschaft?

Der Arbeitswille, die Disziplin. Mir hat in den USA ein Spieler gesagt: Du darfst nie denken, dass du es geschafft hast, dass du ausgelernt hast. Wenn du dich verbessern willst, musst du Augen und Ohren offenhalten. Ein guter Ratschlag.

Dirk Nowitzki, 34 Jahre alt, spielt seit 1998 in der Nordamerikanischen Basketball-Liga (NBA) spielt. 2007 wurde der blonde 2,13-Meter-Mann als erster Europäer zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt, 2011 gewann er als erster Deutscher (mit seinem Club Dallas Mavericks) die NBA-Meisterschaft.

Das Interview führte Michael Marek.

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