Nowitschok-Nervengifte - die gefährlichen und unbekannten Chemiewaffen | Wissen & Umwelt | DW | 13.03.2018
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Nowitschok-Nervengifte - die gefährlichen und unbekannten Chemiewaffen

Doppelagent Sergej Skripal wurde mit einer recht unbekannten Verbindung aus der Nowitschok-Chemiewaffen-Gruppe vergiftet. Die Sowjets hatten derartige Waffen einst entwickelt, um die Chemiewaffenkonvention zu umgehen.

Das russische Wort "Nowitschok" heißt etwa "der Neue" auf Deutsch. Dabei ist Nowitschok gar nicht so "neu": Sowjetische Chemiker haben diese Familie von Verbindungen schon in den 1970er und 80er Jahren entwickelt. 

Eigentlich sind es eine ganze Reihe von Nervengiften, die unter diesem Namen zusammengefasst werden. Alle von ihnen haben einen Organophosphor-Kern, ähnlich wie viele Insektizide, also Insektenschutzmittel.

Novichok-5 und Nowitschok-7 gelten als bis zu achtmal toxischer als der Kampfstoff VX – eines der gefährlichsten Giftgase der Welt. Es gibt mehr als einhundert Varianten in der weitverzweigten Nowitschok-Familie.

Produktion unter zivilem Denkmantel

Einige der weniger gefährlichen Verbindungen wurden bereits in Zeiten der Sowjetunion in chemischen Fachzeitschriften veröffentlicht - als Organophosphat-Insektizide. Offenbar war das ein Versuch, die militärische Forschung mit einem zivilen Forschungsprogramm zu tarnen. 

Aber das Täuschungsmanöver geht noch weiter: Sogar Zutaten zur Chemiewaffe selbst waren als normale Chemikalien gegenüber der internationalen Gemeinschaft getarnt. "Die Sowjetunion produzierte Nowitschok-Verbindungen, um die Chemiewaffenkonvention zu umgehen", sagt Dr. Michelle Carlin gegenüber der Deutschen Welle. Sie arbeitet als Toxikologin an der Northumbria Universität in Newcastle, Großbritannien.

Der Trick, den die Chemiker nutzten: Sie produzierten zwei Komponenten in Form eines ultrafeinen Pulvers. Beide Komponenten waren nicht oder nur wenig giftig und standen auf keiner Verbotsliste. "Solange die Chemiker die ungiftigen Komponenten einzeln hergestellt haben, war es nicht illegal. Das wurde es erst beim Zusammenmischen", sagt Carlin.

Seitdem hat sich die Lage jedoch geändert. Nach der heutigen Chemiewaffenkonvention sind auch die Einzelbestandteile verboten. Doch über die Welt der Nowitschok-Chemie ist noch immer wenig bekannt.

Unkontrollierte Nerven-Signale führen zum Tod

So bleibt weiterhin unklar, welche der Nowitschok-Verbindungen genutzt wurden, um Skripal und seine Tochter zu vergiften. Aber immerhin verstehen die Ärzte die Auswirkungen der Gifte gut.

"Sie reagieren sehr ähnlich wie andere Nervengifte", sagt Carlin. Im Prinzip löst das Gift eine Protein-Kettenreaktion aus, die dazu führt, dass Körpergewebe, Organe und Muskeln unkontrolliert mit Signalen bombardiert werden. Das geschieht durch den Neurotransmitter Acetylcholin, den der vergiftete Körper ungehemmt produziert.

"Die Signale kommen ununterbrochen und überlasten das Körpergewebe, die Muskeln und Organe. Das führt zu übermäßigem Speichelfluss und Atemproblemen, weil die Muskeln nicht mehr kontrollierbar sind. Es kann zu Lähmungen, Krämpfen und letztlich zum Tode führen, wenn die Dosis hoch genug ist oder die Belastung lange genug anhält." 

Weil Nowitschok-Verbindungen viel mächtiger sind als andere bekannte Nervengifte, reichen geringere Mengen davon aus, oder auch eine kürzere Zeit, um den gleichen Schaden anzurichten.

Dr. Michelle Carlin (Northumbria University)

Michelle Carlin lehrt forensische und analytische Chemie an der Northumbria Universität in Newcastle

Ein Medikament, um die Nervensignale zu bändigen, ein zweites als Gegengift

Ärzte behandeln eine Nowitschok-Vergiftung indem sie zwei Medikamente verabreichen: Zum Einen Pralidoxim, das die Produktion von Cholesterase beschleunigt. Dieses Enzym wird durch das Nervengift blockiert, dadurch wird der ganze Signalweg durcheinandergebracht.

Sobald wieder Cholesterase produziert wird, kann auch der Neurotransmitter Acetylcholin wieder unter Kontrolle gebracht werden. Dadurch geht die Flut der Signale an die Muskeln und Organe zurück, die Nerven beruhigen sich wieder.

Zum Anderen verabreichen die Ärzte Atropin, ein Alkaloid, das auch in Tollkirschen vorkommt und als Gegengift nicht nur gegen Nowitschok-Verbindungen wirkt. "Es ist auch ein Gegengift gegen andere Organophosphat-Insektizide und Pestizide", erklärt Toxikologin Carlin.

Auch für den Mörder nicht ungefährlich

Wenn Nowitschok in die Umwelt gelangt, stellt es dort nur für einen begrenzten Zeitraum eine Gefahr dar. "Wenn das Nervengift mit der Luftfeuchtigkeit interagiert, zerfällt es", sagt Carlin. Zudem kann ist das Gift mit Wasser abwaschbar.

Mörder, die diese Substanz nutzen, gehen dennoch ein ziemlich hohes Risiko ein. Zwar sei es leichter, die zwei ungiftigen Ausgangssubstanzen zu handhaben, sagt die Toxikologin, doch sobald man sie zusammenmischt, könne man ein Problem bekommen.

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