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Fokus Osteuropa

"Nowaja Gaseta": Das Risiko der Pressefreiheit

Die "Nowaja Gaseta", für die auch Anna Politkowskaja schrieb, ist eine der wenigen unabhängigen Zeitungen Russlands. Kritischer Journalismus ist lebensgefährlich. DW-Reporterin Gesine Dornblüth hat die Redaktion besucht.

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Zehn Männer sitzen um einen Tisch, die meisten in Jeans und abgetragenen Pullovern, vor sich mehrere volle Aschenbecher und ein paar lose Blätter – es ist Redaktionskonferenz bei der "Nowaja Gaseta" in Moskau. Wie so oft in den vergangenen Jahren geht es um Verbrechen in Tschetschenien und um Korruption: Themen, die in den meisten russischen Medien nicht vorkommen. Chefredakteur Dmitrij Muratow sagt, das sei wegen der Zensur. "Im Fernsehen wird vor allem das gezeigt, was dem Präsidenten gefällt: dass in Tschetschenien eine erfolgreiche Anti-Terror-Operation läuft, dass die Leute gut leben, und dass das Land stabil ist. Aber das stimmt nicht", so Muratow. Denn: "Das ist keine Anti-Terror-Operation, sondern das ist Krieg. Und darüber schreiben wir."

Druck von oben

Die Staatsmacht reagiert auf solche Kritik, indem sie die "Nowaja Gaseta" mit Klagen überzieht. Oder indem sie Anzeigenkunden unter Druck setzt und einschüchtert. "Vor einiger Zeit wollte die russische Filiale eines weltweit operierenden Konzerns eine Anzeige schalten. Sie wurde aufgefordert, das zu unterlassen", erzählt Muratow. "Sie haben uns das Geld trotzdem überlassen, aber wir wurden gebeten, die Anzeige nicht zu drucken." Von den Anzeigen einmal abgesehen, wird die "Nowaja Gaseta" unter anderem von Ex-Präsident Michail Gorbatschow finanziert.

Drei Journalisten-Morde in sechs Jahren

Der Mord an Anna Politkowskaja ist bereits der dritte an einem Redakteur der "Nowaja Gaseta". Der erste, der ermordet wurde, war Igor Domnikow. Das war vor sechs Jahren. Immerhin stehen die mutmaßlichen Täter inzwischen vor Gericht. Anders der Fall des vor vier Jahren verstorbenen stellvertretenden Chefredakteurs und Leiters der Investigativabteilung der "Nowaja Gaseta", Jurij Schtschekotschichin. Er erkrankte urplötzlich und starb binnen einer Woche, erzählt sein Nachfolger Roman Schlejnow. "Es gibt bis heute keine offizielle Untersuchung, und niemand wollte Strafanzeige stellen, obwohl alle wussten, dass Jurij Schtschekotschichin eine Menge Feinde hatte", sagt er. Zuletzt hatte Schtschekotschichin an einer Geschichte über internationale Geldwäsche und Waffenhandel recherchiert, in die auch hohe Regierungsbeamte verstrickt waren. Er starb unter rätselhaften Umständen. Die Verwandten Schtschekotschichins haben noch nicht einmal Einsicht in den ärztlichen Untersuchungsbericht erhalten. "In Europa gilt das als Verbrechen", sagt Schlejnow.

Unabhängig trotz Lebensgefahr

Auch auf Anna Politkowskaja war bereits 2004 ein Anschlag verübt worden: Sie war unterwegs, um von dem Geiseldrama in einer Schule im nordossetischen Beslan zu berichten. Auf dem Flug dahin trank sie einen Tee, der vermutlich vergiftet war. Politkowskaja entging nur knapp dem Tod. "Wir mussten sie damals mit einem Flugzeug aus dem Kaukasus holen. Wir brauchten einen Privatjet, weil sie nicht sitzend transportiert werden konnte", erinnert sich Chefredakteur Muratow. "Damals haben uns Bankiers geholfen. Sie teilten zwar nicht die politische Auffassung Anna Politkowskajas zu Tschetschenien. Aber sie wussten, was ein Menschenleben wert ist."

Der Anschlag hielt Anna Politkowskaja jedoch nicht davon ab, kritisch über Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien zu berichten. Zwei Tage vor ihrem Tod war sie im Radiosender "Echo Moskwy" aufgetreten und hatte den derzeitigen tschetschenischen Premier, Ramsan Kadyrow, scharf angegriffen. Ihre Kollegen von der "Nowaja Gaseta" sind sich sicher, dass der Mord mit ihren Recherchen über Kadyrow zu tun hat.

Gesine Dornblüth
DW-RADIO/Russisch, 9.10.2006, Fokus Ost-Südost