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Politik & Gesellschaft

Notizen vom NSU-Prozess

Der Start des Strafverfahrens gegen den "Nationalsozialistischen Untergrund" war holprig. Inzwischen scheinen alle ihre Rolle gefunden zu haben: Ankläger, Richter, Anwälte - und die Angeklagten.

Endlich Pause! Nach 32 Verhandlungstagen seit dem 6. Mai sind alle Beteiligten froh, dass der Prozess gegen den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) bis zum 5. September unterbrochen ist. Vier Wochen lang wird im Oberlandesgericht (OLG) München ein wenig Ruhe einkehren – nach drei Monaten Ausnahmezustand. Das Verfahren gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe (im Artikelbild 2.v.l.) und vier weitere Angeklagte gilt als das spektakulärste seit den Prozessen gegen die Linksterroristen der "Roten Armee-Fraktion" (RAF) in den 1970er Jahren. Nach einem holprigen Auftakt - das Bundesverfassungsgericht musste in die Verteilung der Presseplätze eingreifen - geht der Prozess in Sitzungssaal A 101 inzwischen seinen, man kann sagen: gewohnten Gang.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl (2.v.l.) und sein Staatsschutzsenat stehen hinter den Stühlen der Richterbank. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl (2.v.l.) nebst Kollegen vom Staatsschutzsenat am OLG München.

Mehr oder weniger pünktlich um 9 Uhr 30 betritt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl den Raum. Beate Zschäpe und ihre wegen Beihilfe zum Mord vier Mitangeklagten haben zu diesem Zeitpunkt bereits ihr stets wiederkehrendes Ritual hinter sich gebracht. Denn wenn sie in Begleitung ihrer Anwälte den Saal betreten, beginnt auch nach drei Prozess-Monaten das Blitzlichtgewitter.

Die Jagd nach dem perfekten Bild

Pressefotografen und Kameraleute der TV-Sender nehmen die mutmaßliche NSU-Terroristin und ihre Helfer ins Visier. Wer Glück hat, dem gelingt ein Zschäpe-Schnappschuss wie am Dienstag, dem letzten Verhandlungstag vor der einmonatigen Prozess-Pause. Michaela Rehle von der Agentur Reuters "erwischte" die Hauptangeklagte in dem kurzen Moment, bevor sie der wartenden Meute wie jedes Mal blitzartig den Rücken zukehrt und dabei meistens die Arme verschränkt.

Beate Zschäpe mit gesenktem Blick beim Versuch, nicht frontal fotogafiert zu werden. (Foto: REUTERS/Michaela Rehle)

Seltene Momentaufnahme: Beate Zschäpe von vorne

Ganz selten gibt sich Zschäpe eine Blöße, so am vergangenen Dienstag. Ein Experte des Bundeskriminalamtes (BKA) erläuterte Fundstücke aus der Zwickauer Wohnung, in der Zschäpe gemeinsam mit den beiden anderen mutmaßlichen NSU-Mördern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gelebt hat. Die beiden Männer haben sich 2011 umgebracht, um ihrer Festnahme zu entgehen. Dass Zschäpe kurz danach die Wohnung in Brand setzte, um Spuren zu verwischen, gilt als sicher. In der Ruine entdeckten die Ermittler trotzdem ein paar aufschlussreiche Dinge, wie die vom BKA-Beamten präsentierten Karten und Stadtpläne aus Nürnberg.

Den Nürnberger Stadtplan will Zschäpe ganz genau sehen

Zschäpe setzt ihre Brille auf, um die an eine Wand projektierten, vergrößerten Kartenausschnitte besser erkennen zu können. Das Material ist brisant, denn es sind Markierungen zu sehen, die sich als gezielt ausgewählte Anschlagsziele interpretieren lassen. Darunter die Scharrerstraße, wo sich auf einem Parkplatz der Döner-Imbiss des 2005 erschossenen Ismail Yasar befand. Von den zehn mutmaßlichen NSU-Opfern starben drei in Nürnberg.

Blick auf das am 4.11.2011 durch eine Explosion zerstörte Haus in der Frühlingsstraße in Zwickau, (Foto: Jan Woitas dpa/lsn/lsw)

Das Haus in Zwickau, in dem Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wohnten.

Ob Beate Zschäpe am Ende als Mörderin verurteilt werden kann, ist nach wie vor schwer einzuschätzen. Vielleicht bricht sie ja doch noch ihr Schweigen. Ein Geständnis könnte strafmildernd wirken. Insgesamt erweckt sie aber nicht den Eindruck, dass sich bei ihr ein Sinneswandel vollziehen könnte. Das gilt auch für Ralf Wohlleben. Im Unterschied zu Zschäpe scheint es der ehemalige Funktionär der rechtsextremen NPD fast zu genießen, wenn er den Gerichtssaal betritt. Er macht keine Versuche, den neugierigen Blicken zu entgehen. Am ersten Prozesstag begrüßte er seine Anwältin Nicole Schneiders mit einem Wangenkuss. Die Fotografen und Kameraleute hatten leichtes Spiel.

Augenzwinkernd begrüßt Wohlleben Prozess-Zuschauer

Wer am vergangenen Dienstag genau hinschaute, konnte Wohlleben dabei beobachten, wie er augenzwinkernd Besucher auf der Zuschauertribüne begrüßte. In der ersten Reihe saßen mehrere auffällig tätowierte Frauen und Männer. Tätowierungen sind auch das Markenzeichen des Angeklagten André E. Wie Wohlleben macht er keine Anstalten, sein Gesicht zu verbergen, sieht man von der Sonnenbrille ab, die er nach dem Verschwinden der Fotografen auf den Tisch legt.

Ralf Wohlleben auf der Anklagebank im Oberlandesgericht München. (Foto: CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images)

Fester Blick: Ralf Wohlleben

Tiefere menschliche Regungen haben von den fünf Angeklagten bislang nur Holger G. und vor allem Carsten S. gezeigt. Während es G. bei einer gebrochen vorgetragenen Erklärung beließ, legte S. ein umfangreiches Geständnis ab. Demnach hat er in Wohllebens Auftrag die Tatwaffe, eine Pistole der Marke "Ceska", besorgt und an das mutmaßliche NSU-Terror-Trio übergeben. Während seiner Schilderungen brach S. mehrmals in Tränen aus.

Selbstbewusst die Einen, schüchtern die Anderen

Im Gerichtssaal sitzen die beiden Geständigen immer in der dritten Reihe der Anklagebank, im Rücken von Wohlleben und Zschäpe, die ganz vorne zwischen ihren drei Pflichtverteidigern Platz nimmt. Wenn der NSU-Prozess am 5. September weitergeht, wird es wie in den ersten drei Monaten sein: Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben und André E. betont selbstbewusst, Holger G. und Carsten S. schüchtern, fast ängstlich und ihr Gesicht verbergend. An dieses Auftreten haben sich regelmäßige Prozessbeobachter schnell gewöhnt. Es lässt viel Raum zum Spekulieren über Fragen von Verantwortung, Schuld und Reue.

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