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Kultur

Note eins für Deutsch

Für acht Monate ist Student Jörg Waber nach Brasilien gegangen. Integriert in ein Auslandssemester unterrichtet der gebürtige Bonner Deutsch in einem Berufsbildungszentrum - und hat damit großen Erfolg.

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"Hallo" statt "Oi"

"Schon in der Schule habe ich mich für Brasilien interessiert. Damals in der Oberstufe half ich bei einem Projekt, das Bildungseinrichtungen in Südamerika unterstützt." Bis heute hat sich das Interesse des Bad Godesbergers am größten Land Südamerikas gehalten. Noch bis Mitte Juni 2004 lehrt er Deutsch in dem Viertel "Oswaldo Cruz".

Unterstützt wird das Berufsbildungszentrum "Centro Educac Oliviera Reis" von "Campo" – einer brasilianischen Organisation, die mit deutschen Geldern unterstützt wird. Seit dem 12. Oktober 2003 unterrichtet Waber seine 20 Schüler. Diese sind zwischen 13 und 15 Jahren. Morgens gehen sie, wie alle Schulkinder, in die Schule, machen nachmittags ihre Hausaufgaben und besuchen zwei Mal in der Woche abends das Zentrum. Jeden Dienstag und Mittwoch zwischen 19 und 21 Uhr findet der Deutschkurs statt.

15.000 Kilometer entfernt von Deutschland

Jörg Waber

Jörg Waber studiert Geschichte

Bereits im Jahr 2002 besuchte Jörg Waber (Foto) das Berufsbildungszentrum. Damals gab er einen Filmkurs. Jetzt unterrichtet er, 15.000 Kilometer entfernt von seiner Heimat, ehrenamtlich Deutsch. Das Zentrum bietet Kurse an, die über den normalen Schulstoff hinaus gehen. Wabers Schüler bezahlen monatlich umgerechnet vier Euro für den Kurs. Viel Geld für die Familien der Kinder – aber eine Investition in die berufliche Zukunft.

Bewerbungen um einen Arbeitsplatz laufen in Brasilien anders als in Deutschland. Für fast jeden Beruf existiert eine Aufnahmeprüfung, in der man spezifische Kenntnisse für den angestrebten Beruf nachweisen muss. Unter dem Namen "Concurso" sind die Prüfungen bekannt. Deutsch als Fremdsprache ist laut dem Auswärtigen Amt zur Zeit eine gefragte Sprache bei den wachsenden Schülerzahlen im Süden des Landes. Dabei wird Deutsch heute zunehmend als wichtige Berufsqualifikation betrachtet, teilt die Einrichtung weiter mit.

Der Kurs

Keine Grundkenntnisse besaßen Wabers Schüler zu Beginn des Deutschkurses im Oktober 2003. "Ich versuchte, so viel Deutsch wie möglich mit ihnen zu sprechen. Meist redete ich erst auf Deutsch und übersetzte dann ins Portugiesische. Nur so war gewährleistet, dass meine Schüler jeden Satz verstanden." Im ersten Unterrichtsintervall vermittelte der Geschichtsstudent Grammatik und Basiswissen. Nach diesen sechs Monaten nahm er eine Prüfung ab, die alle Kursteilnehmer bestanden.

Der zweite, freiwillige Kurs erstreckt sich über zwei Monate und läuft zur Zeit noch. "Nach sieben Monaten Deutschkurs versuche ich nur noch auf Deutsch zu sprechen und kaum mehr zu übersetzen." Inhalt des Kurses sind Kultur und Geschichte Deutschlands. Themen sind deutsche Musik, deutsche Literatur und weitere Themen, die von den Schülern selbst angesprochen werden.

Studium – Deutschkurs – Privatunterricht

Üblich ist, dass der Lehrer anteilig Geld für die Kurse erhält. Waber hat dies aber abgelehnt. "Ich habe mich als ehrenamtlicher Helfer beworben und möchte deshalb kein Geld von dem Zentrum bekommen." Dabei erzählt der Bonner, dass er "gerade so über die Runden kommt". Tagsüber besucht der 24-Jährige die Universität. Er studiert brasilianische Geschichte.

Um seinen Lebensunterhalt in Brasilien zu bestreiten, gibt Waber außerdem Privatunterricht. Hier lehrt er ebenfalls Deutsch. "Die Nachfrage nach Deutschkursen ist hoch – die Menschen wollen Deutsch lernen. Deutsch ist hier wirklich ein Marktprodukt." Ein Grund für diesen Trend sind möglicherweise die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Brasilien: Brasilien ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in Lateinamerika.

Hohes Engagement der Schüler

Knapp einen Monat vor seiner Rückkehr nach Deutschland zieht Waber Bilanz. "Ich bin positiv überrascht über das Interesse und die Konzentration meiner Schüler. Sie haben Elan, sind immer pünktlich und Fragen nach weiteren Unterrichtsmaterialien." Der Deutsche glaubt, den Unterschied zu deutschen Schülern an zwei Punkten festzumachen: "Die jungen Leute erkennen, dass der Kurs eine Chance für sie ist. In Brasilien ist es nicht sicher, einen guten Job zu bekommen." Den zweiten Grund sieht Waber in den Kosten für den Kurs: "Niemand zahlt unnötig Geld für etwas, von dem er nichts hat."

Rückblickend auf die letzten sieben Monate erzählt der Student, dass ihm die Zeit sehr viel Spaß gemacht hat. Für ihn ist die dreifache Belastung (Studium, Deutschkurs, Privatunterricht) viel Arbeit. Dennoch freut er sich über seine erbrachten Leistungen und ist begeistert, wenn er die Fortschritte seiner Schüler betrachtet.

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