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Europa

Norwegen debattiert über Beschneidungen

Ein Gesetzesentwurf, demzufolge Beschneidungen von Männern in öffentlichen Krankenhäusern zugelassen werden sollen, entzweit derzeit Norwegen. Dabei beträfe das Gesetz gerade einmal ein Prozent der Jungen im Land.

Beschneidungen von Männern sind in Norwegen derzeit zwar legal - allerdings werden sie im öffentlichen Gesundheitswesen offiziell nicht durchgeführt. Das soll sich jetzt ändern, wenn es nach der Mitte-Rechts Regierung von Ministerpräsidentin Erna Solberg geht. Die will die umstrittene OP in Zukunft von öffentlichen Krankenhäusern durchführen lassen.

"Das Gesetz ist ein guter Kompromiss, der sowohl die Anliegen der religiösen Minderheiten, als auch die notwendige Regulierung dieser Operationen mit einbezieht", so Bent Høie, norwegischer Gesundheitsminister, im Interview mit der DW. "In den letzten Jahren hat es immer wieder ernste Komplikationen bei Beschneidungen gegeben - weil sie nicht unter der Aufsicht des Gesundheitssystems stattgefunden haben", sagt Høie.

Bent Hoie, Gesundheitsminister Norwegens, Copyright: DW

Bent Høie, Gesundheitsminister Norwegens

So sei zum Beispiel 2012 ein Junge muslimischer Eltern an den Folgen einer Operation gestorben, die in einer Osloer Privatklinik durchgeführt wurde.

Opposition fordert Beschneidungsverbot

Der Entwurf hat in weiten Teilen des liberal-säkular geprägten Norwegen für Empörung gesorgt. Das Kindeswohl müsse an erster Stelle stehen, meinen viele Kritiker, auch, wenn dadurch bestimmte religiöse Freiheiten eingeschränkt werden würden. Jenny Klinge von der oppositionellen Zentrumspartei meint: "Es wäre ein ganz fundamentaler Fehler, diese Operationen innerhalb des öffentlichen Gesundheitssystems zu legalisieren. Kinder haben das Recht, vor solchen Eingriffen geschützt zu werden."

Klinge fordert gar ein komplettes Verbot der männlichen Beschneidung. Die weibliche Genitalverstümmelung sei schließlich auch verboten: "Das würde der Welt zeigen, dass wir Kinderrechte schützen. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat eine Resolution verabschiedet, die die körperliche Unversehrtheit von Kindern garantiert - männliche Beschneidung wird darin als Problem genannt."

Juden würden "aufhören zu existieren"

Ervin Kohn, Jüdische Gemeinde Oslo, Foto: DW

Ervin Kohn, Jüdische Gemeinde Oslo

Die meisten Juden sehen die Beschneidung bei Jungen allerdings als existentiellen

Bestandteil ihrer Religion

, und auch die meisten Muslime bestehen auf der Operation. In Norwegen betrifft das Problem trotzdem nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung. Rund 2000 Jungen werden in Norwegen pro Jahr beschnitten, weniger als ein Prozent. Auch wenn das wenig anmutet: Die religiösen Minderheiten treten umso stärker für den Gesetzesentwurf der Regierung ein und kämpfen gegen ein Verbot.

"Es handelt sich um ein religiöses Gesetz", erklärt Ervin Kohn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Oslo. "Im ersten Buch Mose steht geschrieben, dass die Beschneidung, also der Pakt zwischen Abraham und Gott, bis zum achten Tag nach der Geburt eines männlichen Babys durchgeführt werden soll", so Kohn. "Durch ein Beschneidungsverbot in Norwegen könnte die jüdische Gemeinde hierzulande aufhören zu existieren." Auch muslimische Verbände in Norwegen haben klargemacht, dass für sie die Forderung nach einem Beschneidungsverbot ein Ausdruck religiöser Intoleranz sei.

Diskussion um Altersgrenze

Während dem Gesetzesentwurf im norwegischen Parlament wohl eine breite Mehrheit sicher sein dürfte, bleibt die Ablehnung der Beschneidung trotzdem ein Streitthema - auch bei Norwegens skandinavischen Nachbarn. "Alle skandinavischen Ombudsmänner sind sich einig: Die Beschneidung von Jungen darf frühestens dann durchgeführt werden, wenn der Junge alt genug ist, eigenständig darüber zu entscheiden", sagt Anna Lindboe, Norwegens Ombudsfrau für Kinderrechte. "Natürlich sollten die OPs unter höheren Sicherheitsstandards durchgeführt werden - aber das ganze ins öffentliche Gesundheitswesen zu überführen, löst das Problem nicht. Die Operation trifft schließlich immer noch ein Baby, dass seine Einwilligung zu dem Eingriff nicht geben kann", kritisiert Lindboe.

Symbolbild Beschneidung

Oft finden Beschneidungen in Privatkliniken statt

Die norwegische Medizinervereinigung spricht sich gemeinsam mit ihren Schwesterverbänden in Dänemark und Schweden deshalb gegen die Beschneidung aus. Für Anna Lindboe könnte eine Altersbeschränkung einen Kompromiss zwischen Religionsausübung und Kinderrechten darstellen: "Läge das Alterslimit bei sagen wir 16 Jahren, dann könnten religiöse Menschen dieses wichtige Ritual ja immer noch begehen - einzig, dass man halt warten muss, bis der Junge alt genug dazu ist. Dann hätten wir wenigstens die Gewissheit, dass die OP nicht gegen den Willen des Kindes geschieht". Die Jüdische Gemeinde lehnt ein Alterslimit allerdings ab, da in der Bibel die Beschneidung am achten Tag streng vorgeschrieben ist.

Eine heikle Angelegenheit

Der Streit um die Beschneidung hat aufgezeigt, wie ambivalent die norwegische Rechtsprechung sein kann: Religionsfreiheit und Kinderrechte sind nämlich beide rechtlich geschützt. Frithjof Jacobsen, Kommentator bei der Osloer Tageszeitung "Verdens Gang" (deutsch: "Der Gang der Welt"), zeigt dies auf: "Wenn man unser norwegisches Werteverständnis zu Grunde legt, dann ist die Sache ganz klar: Kein Erwachsener hat das Recht, den Körper eines jungen Menschen zu manipulieren. Andererseits sehen wir hier, wie es ist, wenn Prinzipien auf die Realität treffen: Denn was würde mit der jüdischen Bevölkerung passieren? Ein Beschneidungsverbot wäre doch eine religiöse Diskriminierung. Eine heikle Angelegenheit für die Regierung."

Das norwegische Parlament soll noch im Verlauf dieses Jahres über den geplanten Gesetzesentwurf entscheiden.

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