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Sport

Normal, verdächtig, mutantenhaft

Zum Jubiläum der Tour de France wollen die Veranstalter gerne das Doping-Image endlich loswerden. Die gute Nachricht: Die EPO-Ära ist vorbei. Die schlechte: Die Athleten dopen mit anderen Mitteln, beispielsweise Aicar.

Etappensieger Marc Cavendish muss zur Dopingkontrolle. Foto: Laurent Cipriani

Dopingkontrolle bei de rour de France

Immerhin: Epo haben die Dopingfahnder inzwischen gut im Griff. Denn die Nachweisverfahren hätten sich verbessert, meint Mario Thevis, Dopinganalytiker am Kölner Dopingkontrolllabor. So seien jetzt auch kleinere Mengen des leistungssteigernden Mittels noch besser zu finden. "Zum anderen kommt es immer wieder auch auf den Zeitpunkt der Kontrolle an. Wenn der gut gewählt ist, dann haben wir auch deutlich mehr Chancen, in den Urinproben fündig zu werden.“

Thevis’ Labor spürte zum Beispiel solche Epo-Präparate auf, von denen die Giro d’Italia-Teilnehmer Danilo di Luca und Mauro Santambrogio erwartet hatten, dass sie nicht entdeckbar seien. Epo nehmen also nur noch die ganz Unbelehrbaren. Oder die, die wissenschaftlichen Fortschritt nicht mitbekommen haben. Denn mittlerweile sind Präparate auf dem Markt, die zwar nicht die Anzahl der Blutkörperchen im Kreislauf erhöhen, aber dennoch für mehr Power in den Muskeln sorgen. Aicar und GW1516 etwa bauen zudem Fett ab - und sind deshalb gerade für Athleten interessant, die Gewicht sparen wollen, um besser über die Berge zu kommen und gleichzeitig Muskelkraft gut gebrauchen können.

Muskelaufbau und Fettabbau

"In Tierversuchen und klinischen Testphasen konnte man zeigen, dass GW1516 die Mitochondrienzahl, also die Anzahl der sogenannten Kraftwerke in den Muskelzellen, steigen lässt. Das heißt nicht, dass Sie an Muskelmasse zunehmen, sondern dass Sie die Effektivität der vorhandenen Muskulatur steigern. Und es kommt in der Tat zu einem geringeren Fettaufbau, unabhängig davon, ob Sie sich fettreich oder weniger fettreich ernähren", erklärt Thevis.

Contador (r.) führt bei der 8. Etappe eine Gruppe an. Foto: JOEL SAGET/AFP/Getty Images

Unter Doping-Generalverdacht: die Fahrer bei der Tour de France

GW1516 hat allerdings sehr problematische Nebenwirkungen: Tumorbildungen in Leber, Blase und Niere. Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline stellte deshalb 2006 die Forschung ein. Vom Markt war GW1516 deshalb aber noch lange nicht. Man konnte - und kann es weiterhin - im Internet bestellen. Im Oktober 2012 wurde der erste Leistungssportler mit GW1516 erwischt: ein Eisschnellläufer. Ihm folgten im Frühjahr 2013 ein halbes Dutzend Radprofis.

Immerhin kann GW1516 leicht nachgewiesen werden. Es ist eine körperfremde Substanz. Auch geringste Spuren sind als Doping sanktionierbar. Bei Aicar ist die Sachlage anders. Denn es wird auch vom menschlichen Organismus produziert. "Es ist nun an uns, zu zeigen, dass es sich nicht oder nicht ausschließlich um körpereigenes Aicar handelt, wenn wir einen Sportler des Dopings mit Aicar überführen wollen, sondern dass es tatsächlich körperfremd ist und von außen zugeführt wurde", meint Mario Thevis.

Grenzwertig

Nachdem während der Tour de France 2009 leere Verpackungen von Aicar in einem Teamhotel des Astana-Rennstalls sichergestellt wurden - damals fuhren Lance Armstrong und Alberto Contador unter kasachischer Flagge - machten die Dopingjäger mobil. Thevis nahm mit seinen Kölner Kollegen eine Studie zur natürlichen Verteilung von Aicar im menschlichen Organismus vor und fand einen Grenzwert. Doch bis heute wird er im Dopingkontrollregime nicht benutzt. Die Weltantidopingagentur WADA wehrte eine Nachfrage mit dem Hinweis ab, dass man potentiellen Betrügern keine Hinweise geben wolle.

Bis es einen juristisch gültigen Nachweis von körperfremden Aicar gibt, sollen laut Thevis immerhin "auffällige Proben langzeitgelagert und bei einem späteren Test, der beweist, dass es körperfremdes Aicar ist, auch nachanalysiert werden." Wer den Verdacht hat, dass Chris Froome bei seinem Bergsprint hoch nach Ax-3-Domaines auf Aicar zurückgegriffen hat, muss also auf solche retroaktiven Tests warten.

Von normal bis mutantenhaft

Christopher Froome freut sich übe das Gelbe Trikot. Foto: AFP PHOTO / JEFF PACHOUD

Der derzeitige Gesamtführende: Froome

Froome hatte am Samstag (06.07.2013) die drittschnellste jemals erzielte Zeit an diesem Berg erzielt. Er war nur wenige Sekunden langsamer als etwa Lance Armstrong 2001 und einige Sekunden schneller als Jan Ullrich 2003. Auf diese Zeiten aufmerksam machte der französische Sportwissenschaftler Antoine Vayer. Er legte eine Studie über die Bestleistungen der Tour de France-Sieger seit 1982 vor und führte dabei vier Schwellen ein: "normal" bis 410 Watt, "verdächtig" zwischen 410 und 430 Watt "wundersam" zwischen 430 und 450 Watt und "mutantenhaft" mit allen Werten darüber.

Vayer war früher Trainer beim Team Festina - jenem Rennstall, dessen rollendes Dopinglager bei der Tour de France 1998 den gleichnamigen Skandal auslöste. Dort beobachtete er jene Schwellen. Seine historischen Untersuchungen zeigen einen Watt-Berg ab Mitte der 90er Jahre und Täler der Normalität vor dieser Zeit und wieder ab 2006. 2009 - im Jahr der Aicar-Funde - lieferte Alberto Contador ein neues Leistungshoch. Danach sank die Kurve stetig, um 2012 für Bradley Wiggins wieder anzusteigen.

Chris Froome lag laut Vayers Tabelle beim Aufstieg nach Ax-3-Domaines mit 446 Watt nur ganz knapp unterhalb der "Mutanten"-Zone. Bedeutet dies nun aber auch, dass Froome ganz sicher dopte? Nein. Es liefert nur einen Hinweis auf extreme Leistungen. Froome muss sich Fragen stellen lassen. Dass er dies tut - und geduldiger als Bradley Wiggins im Vorjahr Antworten gibt - ist ein gutes Zeichen. Und das selbst dann, wenn die Antworten noch nicht befriedigen und Froome sich etwa weiter weigert, seine Leistungsdaten herauszugeben.

Ein Fortschritt aber ist, dass die Debatte differenzierter geführt wird. Zusammen mit dem verbesserten Kontrollregime und dem Damoklesschwert der retroaktiven Kontrollen ergibt sich ein leicht hoffnungsvolles Bild.

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