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Afrika

Nordnigeria zwischen Unsicherheit und Angst

Das Militär in Nordnigeria macht Ernst: Ein massives Soldatenaufgebot soll die islamistische Terrorgruppe Boko Haram besiegen. Viele Menschen versuchen, die betroffenen Regionen zu verlassen.

Nigerianische Truppen im Bundesstaat Borno (Foto: Reuters)

Nigerianische Truppen im Bundesstaat Borno

Im Norden Nigerias geht die Angst um. Seit der Verhängung des Ausnahmezustands in den drei Bundesstaaten Yobe, Borno und Adamawa haben schon zahlreiche Bewohner die betroffenen Regionen verlassen. Das berichten DW-Korrespondenten aus Nord-Nigeria. Die Zahl der Flüchtlinge könnte schnell steigen, denn wie sich die Lage in den kommenden Tagen und Wochen entwickelt, ist völlig unklar. "Aus meiner Sicht ist es hier im Moment zwar ruhig", sagt Idris, ein lokaler Radiojournalist, im Gespräch mit der DW. "Aber ich habe schon Lastwagen mit vielen Leuten darauf gesehen." Sie würden versuchen, bis nach Bauchi zu kommen. Dort herrsche schließlich noch kein Ausnahmezustand.

Dieser soll - verbunden mit dem Einsatz von mehreren tausend Soldaten - den Kampf gegen die islamistische Terrorgruppe Boko Haram unterstützen. In den vergangenen Wochen hatten die Terroristen, deren Name übersetzt "Westliche Bildung ist Sünde" bedeutet, einmal mehr bewiesen, wozu sie in der Lage sind. Alleine der spektakuläre Gefängnis-Ausbruch in Bama und eine Schlacht mit den nigerianischen Sicherheitskräften in Baga, einem Fischerdorf am Tschad-See ganz im Nordosten des Landes, sollen laut Agenturmeldungen mindestens 250 Tote gefordert haben. Am Dienstagnachmittag (14.05.2013) verkündete Präsident Goodluck Jonathan deshalb den Ausnahmezustand. Diskutiert worden war diese Möglichkeit aber schon vorher immer wieder.

Zweifel am militärischen Erfolg

Bei einem Anschlag der Boko Haram auf den Busbahnhof in Kano kamen im März mindestens 25 Menschen ums Leben (Foto: REUTERS/Stringer (NIGERIA)

Bei einem Anschlag auf den Busbahnhof von Kano kamen im März mindestens 25 Menschen ums Leben

Dennoch weckt der damit verbundene Militäreinsatz auch Befürchtungen. In Baga sollen schließlich nicht nur die Boko-Haram-Kämpfer, sondern auch die nigerianischen Soldaten für massive Zerstörungen gesorgt haben, wie etwa die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch kritisiert. Neu ist dieser Vorwurf nicht. In den vergangenen Jahren beklagte auch Amnesty International mehrfach die brutale Vorgehensweise der nigerianischen Truppen und forderte die Regierung sogar auf, die Soldaten aus den Einsatzgebieten wieder abzuziehen.

Auch Journalist Idris sagt: "Es gibt zwar Menschen, die den Einsatz befürworten. Andere warten aber erst einmal ab - wegen der Erfahrungen der Vergangenheit." Für sie würde sich schließlich die Frage stellen: "Kann das Militär tatsächlich die Situation unter Kontrolle bringen?"

Sicherheitskräfte müssen Menschenwürde achten

Präsident Goodluck Jonathan kündigte den Ausnahmezustand in den nordöstlichen Bundesstaaten per Fernsehansprache an (Foto: PIUS UTOMI EKPEI/AFP/Getty Images)

Präsident Goodluck Jonathan kündigte den Ausnahmezustand per Fernsehansprache an

Regierungsnahe Politiker befürworten indes die Aktion. "Wir müssen alle Maßnahmen unterstützen, die zum Frieden führen", erklärt Abdullahi Bego, Sprecher des Gouverneurs von Yobe, gegenüber der Deutschen Welle. Ohne Frieden könne kein normales Leben stattfinden. Wichtig sei aber auch, die Würde der Menschen zu achten und nicht außergesetzlich zu handeln. "Dazu fordert Gouverneur Alhaji Ibrahim Geidam die Sicherheitskräfte auf", so Bego.

Auch für Abdullahi Jallo, Jurist und Mitglied im Präsidium der Regierungspartei "People's Democtratic Party" (PDP), gilt: Ausnahmezustand und Militäreinsatz sind notwendig. Im Interview mit der DW sagte er, das Land dürfe nicht von einem Feind regiert werden. Außerdem seien die Sicherheitsmaßnahmen verschärft worden, etwa durch bessere Grenzkontrollen. Doch die porösen Grenzen, vor allem zu den Nachbarländern Tschad und Niger, werden seit Jahren von Oppositionspolitikern kritisiert. Immer wieder hatte die Regierung angekündigt, in diesen Regionen verschärft kontrollieren zu wollen, um so beispielsweise Waffenlieferungen zu stoppen. Tatsächlich umgesetzt wurden diese Überlegungen aber bisher wohl nicht.

Hilfe für Flüchtlinge

Die Armee will nun mit Härte vorgehen (Foto: dpa - Bildfunk)

Die Armee will nun mit Härte vorgehen

Doch bei allen Sicherheitsmaßnahmen gilt auch für Abdullahi Jallo: "Das Militär soll bei seinem Einsatz umsichtig handeln." Auch für ihn sind die Erinnerungen an den offenbar ziemlich misslungenen Einsatz in Baga noch frisch. Außerdem sei es notwendig, Flüchtlinge und Vertriebene so gut es geht zu unterstützen. Sie bräuchten zum Beispiel die Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Mit solchen Maßnahmen glänzten in den vergangenen Jahren aber weder die Regierung von Abuja noch die Verantwortlichen in den einzelnen Bundesstaaten. Opfer beklagten außerdem häufig, dass sie Ausschreitungen und Anschlägen nur selten eine Kompensation erhalten hätten. Sie müssen nicht nur schreckliche Erlebnisse verkraften, ihnen fehlt auch die Lebensgrundlage. Mit einer Hilfe für die Flüchtlinge könnte das geändert werden. Abdullahi Jallo: "Damit gewinnen sie wieder Vertrauen in die Regierung."

Bis das soweit ist, kann es aber dauern. Vor allem von der Stadt Maiduguri wird berichtet, dass die Telefonverbindungen nicht mehr funktionieren. Es könnte eine Sicherheitsmaßnahme sein, damit die Kommunikation für die Terroristen erschwert wird. Für die Bevölkerung bedeutet das aber: Es wird schwieriger, die Flucht in benachbarte Bundesstaaten zu organisieren, aber auch den normalen Alltag. Dieser ist laut Journalist Idris im Moment ohnehin nicht mehr so, wie er bisher war. "Es gibt einfach Angst und keine Sicherheit."

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