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Welt

Nordmeyer: "Sexuelle Gewalt ist Kriegswaffe Nummer eins"

Die viertägige internationale Konferenz in London über sexuelle Gewalt in Konfliktregionen ist zu Ende gegangen. Bis sich allerdings Erfolge zeigen, werden Jahre vergehen, sagt Karin Nordmeyer von UN Women Deutschland.

Deutsche Welle: In London ist die viertägige internationale

Konferenz über sexuelle Gewalt in Konfliktregionen

zu Ende gegangen. War die Konferenz ein Erfolg?

Karin Nordmeyer: Die Konferenz war nach unserer Einschätzung ein großer Erfolg, weil es ihr gelungen ist, dieses wichtige Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Konflikte sind schon etwas, was die Öffentlichkeit nicht gerne hört. Und wenn es dann noch um ein Thema geht wie "Sexual Violence", also etwas, was jeden deutlich und ganz dicht berührt, dann ist das mit der Diskussion in der Öffentlichkeit überaus schwierig. Und diese London-Konferenz, die Initiative des britischen Außenministers Hague, zusammen mit der Prominenten Angelina Jolie, hat es natürlich möglich gemacht, auf die ersten Seiten der Gazetten und in die Nachrichten zu kommen um darauf hinzuweisen auf welches Problem wir dringend achten müssen.

Die Öffentlichkeit ist die eine Seite. Nun wurde aber auch konkret etwas verabschiedet, ein

Protokoll

, das festlegt, wie sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten erkannt und verfolgt werden kann. Das klingt etwas abstrakt. Was genau ist Kern des Protokolls?

Das Protokoll ist nicht rechtsverbindlich wie zum Beispiel Protokolle zu UN-Konventionen. Es ist eine Handlungsanleitung für die Vermeidung, Veränderung und Verbesserung der Situation, die wir alle genau kennen. Dieses Protokoll gibt Beispiele, wie man dieser schlimmen Situation vernünftig gerecht werden kann. Es beantwortet die Frage: Was ist denn nun "sexual violence" in Konfliktzeiten?

In welchen Kriegs- und Krisengebieten müsste denn Ihrer Meinung nach am dringendsten gegen sexuelle Gewalt vorgegangen werden?

In den afrikanischen Konflikten. Das ist sehr sehr deutlich. Die afrikanischen Konflikte, die im Moment hochkochen, haben eine so große Durchschlagskraft was die sexualisierte Gewalt angeht. Dort ist es wirklich die Kriegswaffe Nummer eins. Wenn Sie sich Zahlen über die Vergewaltigungen zum Beispiel angucken, die zum größten Teil Frauen betreffen, aber auch Männer und Jungen, dann ist das sicherlich einer der ganz schlimmen Momente. Aber auch in Afghanistan herrscht noch keine Ruhe. Und das Problem der aus der Vergewaltigung im Krieg entstandenen Kinder wird jetzt auch auf dem Balkan virulent. Wir haben gerade mit Menschenrechtsverteidigern gesprochen, die davon berichten, welche Schwierigkeiten diese Kinder, die nun 20 Jahre alt sind, haben. Ich glaube aber, die Konflikte in Afrika sind das, worauf wir uns im Moment ganz besonders fokussieren müssen.

Aktuell ist die Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria im Fokus der Weltöffentlichkeit. Welchen Stellenwert hat sexuelle Gewalt in diesem Kontext?

Einen ganz großen. Wenn Sie sich vorstellen, dass diese Mädchen - die von Boko Haram gekidnappt wurden und unter Gewalt gehalten werden - natürlich permanent vergewaltigt werden. Das sind Dinge, die ganz grausig sind. Jetzt gab es wieder eine Nachricht, wie viele Mädchen sich Boko Haram wieder "genommen" hat, wie viele davon "nur " verschleppt werden oder "nur" umerzogen werden sollen, das weiß man gar nicht genau. Also, die sexualisierte Gewalt spielt eine ganz große Rolle in Kriegs- und Konfliktzeiten.

Wie kann man die Gräueltaten von Boko Haram unterbinden? Ein Protokoll hilft da vermutlich nicht viel weiter - und dass darüber in den Medien berichtet wird, hilft alleine auch nicht.

Die internationale Gemeinschaft bemüht sich seit Wochen, diese Sorte von Gewalt einzudämmen, sie schafft es aber nicht. Wie lange hat es gedauert bis man überhaupt wusste, wo die Terroristen agieren und wie sie agieren? Wie lange hat es gedauert bis sich die nigerianische Regierung dazu bereit fand, die internationale Gemeinschaft mit einzubeziehen in ihre Aktionen? Verhindern kann man solche Aktionen sicherlich solange nicht, wie kein Friede zwischen den Religionen besteht. Ich glaube, da bin ich verhältnismäßig pessimistisch.

Wenn die eine Terrorgruppe nicht mehr zum Zuge kommt, dann kommen die anderen mit ihren menschenrechtlich völlig unverständlichen Aktionen zum Zuge und mit ihrem - aus unserem Blickwinkel - verqueren Gedankengut, was ein Mensch, eine Frau, ein Kind wert ist. Das zu verhindern ist sicherlich ein Traum. Was wir tun können, ist, das Denken zu ändern, uns darum kümmern, mit "attitudes and behaviour" - wie es im Englischen heißt - wirklich etwas zu verändern. Und das ist sicherlich ein Plus dieser Hague-Initiative, dass die zivilen Akteure und die militärischen Akteure zusammengebracht werden, dass die Peacekeeper eine Rolle zugewiesen bekommen und dass ein Zusammenklang zwischen den Regierenden und den Regierten herrscht, um dieser besonderen Form von Menschenrechtsverletzungen in irgendeiner Weise Paroli zu bieten.

Das klingt nicht nach einer Soforthilfe, sondern da wird dann eher in Jahren oder Jahrzehnten gedacht?

Ja, natürlich. Schneller geht es nicht. Diese Dinge kommen ja jetzt erst an uns heran, jetzt erst können wir uns Aktionen überlegen. Ich glaube, alle diese Prozesse bedürfen einer langen langen Zeit, wenn man bedenkt wie lange man braucht vom Denken bis zur Aktion. Und ich bin persönlich eher ein Verfechter der Tatsache, dass man Dinge auch wirklich erst bedacht haben muss ehe man handelt. Gerade stoßen wir Denkprozesse an bei Regierungen und Zivilgesellschaften.

Im übrigen tritt am 1. August 2014 die neue Istanbul-Konvention in Kraft - die vom Europarat aufgesetzte Konvention, die sich mit Gewalt und häuslicher Gewalt beschäftigt und die auch sexualisierte Gewalt in Kriegs- und Nachkriegszeiten thematisiert. Damit haben wir ein neues, zwar regionales, aber sehr griffiges Instrument. Und wir müssen uns immer wieder daran erinnern und es nicht auf dem Sensationssektor belassen sondern es immer wieder in unsere tägliche Arbeit und Denkprozesse übernehmen.

Karin Nordmeyer ist die Vorsitzende des Nationalen Komitees für UN Women in Deutschland.

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