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Asien

Nordkoreas Gesundheitssystem vor dem Kollaps

In nordkoreanischen Krankenhäusern herrschen unhaltbare Zustände. amnesty international berichtet von Amputationen ohne Narkose, fehlenden Medikamenten, ungesäuberten Spritzen und immer wieder ausbrechenden Epidemien.

Die Folgen der Unterernährung treffen die Kleinsten besonders hart (Foto: ap)

Die Folgen der Unterernährung treffen die Kleinsten besonders hart

54 Seiten lang ist der Bericht über das Gesundheitssystem in Nordkorea, den die Menschenrechtsorganisation amnesty international am Donnerstag (15.07.2010) in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul veröffentlichte. 54 Seiten, die ein erschütterndes Bild der katastrophalen Lebensumstände der nordkoreanischen Bevölkerung zeichnen. Denn durch die mittlerweile seit Anfang der 1990er Jahre anhaltende Nahrungsmittelknappheit in Nordkorea sind überdurchschnittlich viele Menschen auf ärztliche Hilfe angewiesen. Gleichzeitig steht jedoch das Gesundheitssystem des Landes vor dem totalen Zusammenbruch.

Amputationen ohne Narkose

In notdürftigen Kinderbetten liegen Säuglinge gleich zu dritt nebeneinander (Foto: ap)

In notdürftigen Kinderbetten liegen Säuglinge gleich zu dritt nebeneinander

Weil regelmäßig der Strom ausfalle, würden Operationen immer häufiger auch bei Kerzenlicht durchgeführt, schreibt amnesty in seinem Bericht, für den die Organisation mehrere Interviews mit rund 40 nordkoreanischen Flüchtlingen geführt hatte. Mehrere internationale Hilfsorganisationen bestätigten die Aussagen. Da selbst die Grundversorgung mit Medikamenten und Betäubungsmitteln nicht mehr aufrecht erhalten werden könne, müssten selbst Amputationen teilweise ohne Narkose durchgeführt werden.

Auch unter hygienischen Gesichtspunkten seien die Zustände in Nordkoreas Krankenhäusern katastrophal. Nach Angaben von Augenzeugen würden Nadeln vor dem Gebrauch nicht desinfiziert und die Bettwäsche nicht regelmäßig gewaschen. Immer wieder brächen Epidemien aus, Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten sowie Blutarmut seien an der Tagesordnung. Das Land sei nicht in der Lage, auch nur die grundlegendsten Bedürfnisse seiner Bevölkerung zu erfüllen, kritisierte Catherine Baber, die stellvertretende amnesty-Direktorin für Asien. Sie warf dem Regime in Pjöngjang eine völlig verfehlte, kontraproduktive Gesundheitspolitik vor. "Das betrifft vor allem diejenigen, die zu arm sind, um für ihre medizinische Versorgung zu bezahlen."

"Wenn du kein Geld hast, stirbst du."

Hungernde nordkoreanische Bergarbeiter (Foto: ap)

Viele Nordkoreaner sind zu arm, um sich überhaupt einen Gang zum Arzt leisten zu können

Dabei ist die Behandlung in nordkoreanischen Krankenhäusern offiziell kostenlos. Nordkoreanischen Zeugenaussagen zufolge verlangten jedoch viele Ärzte eine Gegenleistung dafür, dass sie Patienten behandelten. Dem amnesty-Bericht zufolge hätten mehrere Flüchtlinge berichtet, dass sie schon seit 1990 mit Zigaretten, Alkohol oder Essen für einfache Beratungen und mit Geld für Tests, Behandlungen oder Operationen hätten bezahlen müssen. Menschen ohne Geld würden sich daher überhaupt nicht mehr ins Krankenhaus begeben. "Wenn du kein Geld hast, stirbst du", zitiert der Bericht eine 20-jährige Nordkoreanerin. Viele ihrer Mitbürger würden deshalb den Arztbesuch meiden und sich lieber direkt auf dem Schwarzmarkt mit Medikamenten eindecken oder zu traditionellen Hausmitteln greifen. Erst vor kurzem sollen die Behörden starke Schmerzmittel verboten haben, die schnell zur Abhängigkeit führen können. Weite Teile der Bevölkerung hätten diese Medikamente erworben und sie als Allheilmittel gegen alle möglichen Leiden angewandt.

Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge gibt das kommunistisch regierte Land weltweit am wenigsten für die Gesundheitsversorgung seiner Bürger aus. Unter einem US-Dollar pro Einwohner pro Jahr investiert die Regierung dafür. Vor diesem Hintergrund rief amnesty die internationale Gemeinschaft auf, über die Vereinten Nationen weiter humanitäre Hilfe in Nordkorea zu leisten. Nicht politische Abwägungen, sondern die Not der Menschen müsse dabei im Mittelpunkt stehen.

Autor: Thomas Latschan (ap, dpa, epd)
Redaktion: Nicola Reyk

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