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Asien

Norddeutschland hilft Bangladesch

Mit dem Verkauf von Second-Hand-Kleidern finanzieren Frauen in der norddeutschen Gemeinde Rellingen Hilfsprojekte für Textilarbeiterinnen in Bangladesch.

Textilarbeiterin in Bangladesch (AP Photo/Manish Swarup)

Textilarbeiterin in Bangladesch

Die Kasse klingelt im Frauen-Kleidermarkt in der Turnhalle der kleinen norddeutschen Gemeinde Rellingen. Die Kundinnen stehen Schlange. Hildegard Clas drängt sich durch die Menge zu den Kleiderständern in der Designerecke. Dort hängen ausschließlich Markenartikel. "Super", freut sich die Schnäppchenjägerin, "so ein Riesenangebot, und das zu so günstigen Preisen! Da steigt gleich mein Adrenalinspiegel." Bereits zum sechsten Mal haben die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Rellingen, Dorothea Beckmann, und ihre rund 50 ehrenamtlichen Helferinnen den Frauen-Kleidermarkt organisiert. Sie haben die Bevölkerung zu Kleiderspenden aufgerufen, die Turnhalle in ein Bekleidungsgeschäft umgebaut, Waren sortiert, verkauft und Kundinnen beraten. Und alles, was nicht in der Einkaufstüte landet, fährt eine gemeinnützige Organisation nach Russland. Mit der Bilanz der Aktion sind die Organisatorinnen zufrieden. Noch nie war der Erlös so hoch, insgesamt belaufen sich die Einnahmen auf 7363 Euro.

Schuften für H&M

Fassadenansicht Bekleidungskette H&M

Auch in H&M-Filialen landen die Kleidungsstücke aus Bangladesch

Die Hälfte des Geldes fließt nach Bangladesch, in einen Fonds für die Näherinnen in den Produktionsstätten der globalen Bekleidungsindustrie. Den Fonds verwaltet die Vorsitzende der nationalen Textilarbeiterinnengewerkschaft NGFW, Shahida Sharker. Sie will die Spende aus Rellingen für die gewerkschaftspolitische Arbeit einsetzen. Denn dort gibt es einiges zu verbessern: "Zuerst einmal müssen die Arbeiterinnen und Arbeiter einen Lohn bekommen, von dem sie leben können. Zweitens müssen sie das Recht bekommen, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Und drittens müssen die Arbeiterinnen die gleichen Aufstiegschancen bekommen wie ihre männlichen Kollegen", fordert Shahida Sharker. Außerdem müssten Überstunden künftig vergütet werden. Das ist noch nicht der Fall. Suma Sharker zum Beispiel fertigt in einer Fabrik in der Nähe der bengalischen Hauptstadt Dhaka die Kleidung für internationale Unternehmen, beispielsweise H&M oder Boss. Die 24jährige sitzt täglich von acht bis 22 Uhr an der Nähmaschine, freie Wochenenden gibt es nicht.


Näherinnen in einer Produktionshalle in Dhaka

Leben am Existenzminimum - der Lohn ist dürftig

Toilettenpause unerwünscht

29 Euro Grundgehalt verdient sie pro Monat, mit Überstunden bringt sie es auf 45 bis 50 Euro. Davon muss die junge Frau nicht nur sich selbst ernähren, sondern auch ihren Sohn. Außerdem gibt sie einen Teil des Geldes an ihre Mutter ab. Es sei schwer, über die Runden zu kommen, erzählt Suma. "Ich arbeite im Akkord, in einem bestimmten Zeitraum muss ich eine bestimmte Leistung erbringen. Der Druck ist immer da. Wenn ich das Pensum nicht schaffe, weil ich zwischendurch auf die Toilette muss oder Wasser trinke, dann beschimpfen uns die Aufseher, manchmal streichen sie unsere Überstunden.“ Die Veranstalterinnen des Rellinger Frauen-Kleidermarktes wissen von den Bedingungen, unter denen die Textilarbeiterinnen in Bangladesch arbeiten müssen. Mit ihrer Aktion wollen sie deshalb auch die Kunden in Deutschland informieren und an ihr Verantwortungsgefühl appellieren. Deshalb fließt ein Teil des Erlöses in die "Kampagne für saubere Kleidung", ein internationaler Zusammenschluss aus Nichtregierungsorgaisationen, Gewerkschaften, Frauenorganisationen und kirchlichen Gruppen. Deshalb machen die Frauen im norddeutschen Rellingen weiter. Nach einer kurzen Verschnaufpause planen sie jetzt bereits für den Kleidermarkt im kommenden Jahr.


Autorin: Katrin Jäger
Redaktion: Esther Broders