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Fokus Südosteuropa

Nord-Kosovo: Teilung oder nicht?

Wieder Tote im Nord-Kosovo, wieder Straßensperren, wieder Versuche der internationalen Truppe KFOR, die Wege von serbischen Barrikaden zu befreien. Die neue Gewalteskalation hat die Lage im Kosovo erneut angeheizt.

KFOR-Soldaten räumen Barrikaden zwischen Serbien und Kosovo (Foto:Darko Vojinovic/AP/dapd)

KFOR-Soldaten räumen Barrikaden

In der Stadt Kosovska Mitrovica im Nord-Kosovo sind am Mittwochabend (09.11.2011) bei einer Schießerei ein Serbe getötet und zwei weitere verletzt worden. Bislang gibt es keine offiziellen Angaben über den oder die Täter. Die Polizei hat ihre Präsenz vor Ort verstärkt. Immer wieder kommt es in diesem Gebiet zur Gewalteskalation zwischen der serbischen und der albanischen Bevölkerung. Doch die Kosovo-Polizei, die internationale Truppe (KFOR) und die EU-Mission (EULEX) haben bislang keine vollständige Kontrolle über dieses mehrheitlich von Serben bewohnte Gebiet.

Die Spannungen im Nord-Kosovo sind nicht unbedingt politisch motiviert. Oft stünden dahinter kriminelle Machenschaften bestimmter Gruppen, glaubt die EU-Abgeordnete und Balkanexpertin Doris Pack. "Sie blockieren Wege, hindern EULEX und KFOR sowie die Menschen, sich frei zu bewegen. Das ist ein sehr übles Spiel. Sie wollen diesen 'hot spot' der Kriminalität für sich behalten." Die kriminell motivierten Taten einiger Serben würden auch Belgrad schaden, sagt Pack. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Belgrad an dem Verhalten der Serben im Norden des Kosovo irgendein Interesse hat. Es geht hier nicht um politische, sondern um kriminelle Taten, die unterbunden werden müssen. Aber das kann die Kosovo-Regierung nicht leisten. Und wir stellen fest: Das kann nicht einmal KFOR leisten, die EULEX schon gar nicht. Das macht mich sehr traurig", sagt die EU-Abgeordnete.

Grenzverschiebung – die einzige Lösung?

Dennoch glauben Analysten in Pristina, dass hinter der jüngsten Gewalteskalation auch politische Kalkulationen von Seiten der Serben und der Albaner stecken. Deutsche Experten teilen ebenfalls diese Einschätzung, wie Dušan Reljić von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

EU-Abgeordnete Doris Pack (Quelle: Europäisches Parlament)

Pack: Eine Teilung des Kosovo könnte einen Dominoeffekt auslösen

"Seit langer Zeit signalisiert Serbien seine Bereitschaft für ein Tauschgeschäft: die Anerkennung des Kosovo als Staat im Gegenzug für einen Teil seines Territoriums", sagt Reljić. Das könnte sogar bedeuten, dass Belgrad nicht nur die Unabhängigkeit des Kosovo, sondern sogar eine Art Angliederung des Kosovo an Albanien oder ein anderes Land anerkennen könnte, falls der Norden des Kosovo ein Teil von Serbien bleiben würde. "Ich finde, dass die Teilung des Kosovo die beste Lösung ist", meint der Berliner Wissenschaftler.

Die Idee einer Teilung des Kosovo oder einer "Abgrenzung von den Albanern" ist in Belgrad nicht neu. In den vergangenen 20 Jahren haben sich einige serbische Politiker dafür ausgesprochen, zum Beispiel der ehemalige jugoslawische Präsident Dobrica Čosić, der gestürzte serbische Präsident Slobodan Milošević, und sogar der gegenwärtige serbische Innenminister Ivica Dačić.

Eine weitere Grenzverschiebung auf dem Balkan kommt für die EU-Abgeordnete Doris Pack jedoch nicht in Frage: "Wenn wir damit anfangen, kommen wir zu keinem Ende mehr. Die Grenzen auf dem Balkan sind gezogen und müssen respektiert werden." Der Plan für die Zukunft der ehemaligen serbischen Provinz, den der UN-Sonderbeauftragte für den Kosovo Marti Aahtisari vor fast fünf Jahren vorgelegt hatte, würde der serbischen Minderheit viele Chancen geben. Zumindest in den Gebieten, die mehrheitlich von Serben bewohnt werden, meint Pack.

Dominoeffekt befürchtet

Eine Teilung des Kosovo könnte zu neuen Teilungen auf dem Balkan führen, wie etwa in Bosnien-Herzegowina, Mazedonien oder Südserbien, glaubt Doris Pack. "Wenn das Kosovo geteilt würde, dann gäbe es viele, die fragen würden: Warum sollen die Albaner in Mazedonien bleiben? Die Albaner stellen dort fast ein Drittel der Bevölkerung." Auch die Albaner in Südserbien könnten mehr Autonomie für sich beanspruchen. "Es könnte ein großes Stühlerücken geben, und daran kann keiner Interesse haben."

Professor Dusan Reljic (Quelle: DW)

Reljic: Die Teilung des Kosovo ist eine Frage der Zeit

Da ist der Berliner Wissenschaftler Dušan Reljić anderer Meinung. Zumindest im Fall von Bosnien-Herzegowina wäre der Einfluss einer Teilung des Kosovo minimal. Denn Belgrad und Zagreb haben bereits klargestellt, dass sie die territoriale Integrität Bosnien-Herzegowinas anerkennen. Außerdem wäre eine Teilung des Landes für Kroatien und Serbien wirtschaftlich nicht tragbar. Außerdem bestehen zwischen den drei Bevölkerungsgruppen – Serben, Kroaten und Bosniaken – immer noch viele sprachliche und kulturelle Ähnlichkeiten.

"Die Beziehung zwischen den Albanern und der slawischstämmigen Bevölkerung ist anders: Sie haben andere Identitäten, ganz unterschiedliche Sprachen, eine andere Kultur", sagt Reljić.

Immerhin würde die Mehrheit der Albaner in einem gemeinsamen Land leben wollen, sagt der Berliner Experte. Das würden Studien des Meinungsforschungsinstituts Gallup belegen, wonach 80 Prozent der Albaner aus dem Kosovo, etwa 70 Prozent der Albaner in Mazedonien und etwa 55 Prozent der Albaner aus Albanien diesen Wunsch geäußert hätten. "Diese Tendenz wird Realität innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahren", schätzt Dušan Reljić.

Autor: Bahri Cani
Redaktion: Blagorodna Grigorova