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Wirtschaft

Nokia-Effekt lockt Investoren nach Rumänien

Mehrere tausend Menschen verloren im Ruhrgebiet ihre Arbeitsplätze, als Nokia nach Rumänien ging. Dort galt die neue Fabrik bei Cluj als Motor des Aufschwungs. Was ist aus dem neuen Standort geworden?

Ein Wegweiser zum Nokia-Werk in Rumänien, im Hintergrund ein Eselskarren (Foto: apn)

Da geht's lang: Die Stadt Cluj hat von Nokia profitiert

Wenn es nach Jürgen Rüttgers gegangen wäre, hätten die finnischen Manager von Nokia entsetzt aus Rumänien fliehen müssen. Denn der ehemalige Ministerpräsident des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen hatte im Wahlkampf 2009 behauptet, rumänische Arbeitnehmer im neuen Nokia-Werk würden "kommen und gehen, wann sie wollen, und nicht wissen, was sie tun".

Seinerzeit verlagerte Nokia seine Fertigung aus NRW nach Rumänien. Was Rüttgers nicht wusste: In Wirklichkeit können die Angestellten gar nicht zu spät zur Schicht kommen - denn sie werden mit dem werkseigenen Bus abgeholt. Die Fabrik ist nur wenige Kilometer von der Stadt Cluj (Klausenburg) entfernt, wo viele der Arbeiter wohnen. Andere kommen aus den Dörfern in der Umgebung und legen mit dem Bus über 100 Kilometer zurück, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Von eigenen Autos können sie höchstens träumen. Als die Fabrik 2008 eröffnet wurde, verdienten die meisten Arbeiter trotz täglicher Zwölfstunden-Schichten weniger als 300 Euro im Monat - bei westeuropäischen Benzin- und Lebensmittelpreisen.

Erfolge der Gewerkschaft

Jürgen Rüttgers (Foto: apn)

Jürgen Rüttgers bediente alte Vorurteile

Seit 2008 habe sich aber vieles zum Guten verändert, meint Grigore Pop. Als Vorsitzender der Gewerkschaft "Cartel Alfa" im Kreis Cluj setzt er sich für die Angestellten bei Nokia ein - mit beachtlichem Erfolg. Im Vergleich zu den Problemen, die es am Anfang gab, sei jetzt alles viel besser. "Damals wurden wir von der Nokia-Führung nicht einmal als Gewerkschaft anerkannt", erklärt Grigore Pop. "Aber heute wird unsere Meinung bei allen Problemen, welche die Angestellten betreffen, berücksichtigt."

Die Zusammenarbeit mit Nokia bezeichnet der Gewerkschaftsvorsitzende als "ziemlich gut". Zum Beispiel, weil die Löhne in den letzten Jahren gestiegen sind. Heute verdient ein Arbeiter bei Nokia immerhin 400 Euro im Monat. Viel ist das nicht, aber es entspricht nach den neuesten Angaben des rumänischen Amts für Statistik dem derzeitigen Durchschnittslohn. Und liegt damit immer noch über dem Lohn von vielen Lehrern oder Ärzten in Rumänien.

Smartphones statt Billighandys

Nokia-Werk in Jucu bei Cluj (Foto: apn)

Produktion umgestellt: Nokia-Werk in Jucu bei Cluj

Auch die Zwölfstunden-Schichten werden im nächsten Jahr voraussichtlich in normale Achtstunden-Arbeitstage umgewandelt, sagt der Gewerkschaftsvorsitzende Grigore Pop. Außerdem sei die Zahl der Angestellten gestiegen: Heute arbeiten im Nokia-Werk in der Nähe von Cluj 1200 Arbeiter mit unbefristeten Verträgen und 1800 Leiharbeiter. Sie wurden von den Entlassungs- und Kürzungswellen während der Wirtschaftskrise verschont.

Auch das Produktionskonzept des Nokia-Werks hat sich geändert. Ursprünglich sollten dort Billighandys für die Märkte in Osteuropa, Asien und Afrika hergestellt werden. Doch in immer mehr Ländern sind Multimedia-Handys gefragt. Deshalb hat der finnische Konzern in diesem Jahr in Rumänien die Produktion von Smartphones gestartet.

Cluj als Standort für Software-Entwicklung

Gerade für komplexe Technologien sei Cluj ein sehr guter Standort, betont der Bürgermeister der Stadt, Sorin Apostu. Zum Beweis erinnert er daran, dass Nokia schon vor zehn Jahren in der rumänischen Stadt ein Zentrum für Software-Entwicklung eröffnet hat. International bekannt wurde der Standort aber erst nach der Schließung des Nokia-Werks in Bochum.

"Wir müssen zugeben, dass gerade die Medienkampagne in Deutschland rund um die Produktionsverlagerung aus dem Ruhrgebiet nach Rumänien dazu geführt hat, dass die Geschichte durch ganz Europa ging", sagt Sorin Apostu. Dass Nokia gerade in diese Region gekommen sei, zeige auch die Offenheit der Stadt gegenüber ausländischen Investoren.

Mehr Vertrauen in die Region dank Nokia

Nokia-Smartphone N8 (Foto: Web Dunia)

Smartphones statt Billighandys

"Dadurch wurde dem Standort Cluj mehr Vertrauen entgegengebracht", freut sich der Bürgermeister. Zum Beispiel das Vertrauen des niederländischen Finanzdienstleisters ING, der in diesem Jahr in Cluj sein regionales Hauptquartier für Zentral- und Südosteuropa eröffnet hat. Gerade in einer Zeit, in der sich andere westliche Investoren wegen der Krise aus Rumänien zurückgezogen haben.

In Cluj siedelten sich schon vorher multinationale Konzerne wie Emerson oder der Büro-Ausstatter Office Depot an. Und auch Samsung und Daewoo haben die rumänische Stadt auf dem Radar, sagt Sorin Apostu. "Glücklicherweise sind die Dinge genauso gelaufen, wie sie die Wirtschaftsexperten vorausgesagt hatten", meint der Bürgermeister. "Nach der Ansiedlung eines großen Konzerns wie Nokia verbreitete sich der gute Ruf unserer Stadt auch international - und davon profitieren wir auch heute noch."

Nicht nur Sorin Apostu spricht vom sogenannten "Nokia-Effekt", der auch weitere Investoren in die Region gelockt hat. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens KPMG sei zu erwarten, dass Cluj in näherer Zukunft einer der attraktivsten Investitionsstandorte in Europa werden könnte - vor allem im IT-Bereich. Das Hauptkriterium dafür seien nicht die niedrigen Löhne, sondern vor allem die gut qualifizierten Arbeitskräfte, von Ingenieuren über Informatiker.

Autorin: Alexandra Scherle

Redaktion: Rolf Wenkel

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