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Kultur

Noch mal leben vor dem Tod

Die Journalistin Beate Lakotta und der Fotograf Walter Schels begleiteten unheilbar Kranke bis zu ihrem Tod. Aus diesen Begegnungen in Hospizen entstanden einfühlsame Fotografien.

Wie erleben wir unser Sterben? Was geschieht beim Übergang vom Leben zum Tod? Diese Fragen stellt die Ausstellung "NOCH MAL LEBEN VOR DEM TOD", die zurzeit im Haus der Kirche in Wolfsburg zu sehen ist. Der Fotograf Walter Schels und die Journalistin Beate Lakotta gingen existentiellen Fragen nach, als sie vor zehn Jahren ein Paar wurden. Auslöser war der 30jährige Altersunterschied zwischen den Liebenden.

Schels und Lakotta gingen in Hospitze. Ein Jahr lang begleiteten sie Menschen auf ihrem letzten Lebensweg. Sie sprachen mit den Todgeweihten über ihre Sorgen und Ängste. Und sie hielten die Augenblicke im Bild fest. Dabei entstand die Fotoausstellung „NOCH MAL LEBEN VOR DEM TOD“, die seither weltweit für Aufsehen sorgt. In zahlreichen Museen wurden die Arbeiten seit 2004 gezeigt, die Urheber mit Preisen überhäuft. Zeitungen und Fernsehsender rund um den Globus berichteten über die einfühlsamen, bewegenden Porträts.

Beate Lakotta und Walter Schels (Foto: Walter Schels)

Beate Lakotta und Walter Schels

In der Ausstellung sind großformatige schwarz-weiße Bildpaare zu sehen. Ein Foto zeigt den Menschen jeweils lebend, das andere zeigt ihn tot. Auf der einen Aufnahme begegnen uns ernste, wissende Blicke der Sterbenden. Auf der zweiten sind die Augen geschlossen, die Gesichter wirken von aller Spannung befreit, die Menschen vom Tod beseelt. Die Doppelporträts entwickeln große Anziehungskraft. Sie lassen Staunen und provozieren Fragen.

Die Bilder taugen nicht für Voyeurismus. Dennoch haben die Journalistin Beate Lakotta und der Fotograf Walter Schels ihren Fotografien Texte an die Seite gestellt. Sie erzählen kurze Geschichten zu den Porträtierten. Mal geht es - vor allem bei den jüngeren - um Krankheit. Meistens kreisen die Gedanken der Sterbenden ums Abschiednehmen, fast immer um den Tod.

"Wir wollten mit diesem Projekt unsere eigene Angst im Umgang mit Tod und Sterben überwinden", sagt Beate Lakotta. Sie und ihr Mann verstehen "NOCH MAL LEBEN" – trotz des riesigen Erfolgs - als künstlerisches Projekt, nicht als Glaubensthema.

Im Folgenden bringen wir die Texte zu ausgewählten Doppelporträts:

Heiner Schmitz
52 Jahre
Geboren am 26. November 1951
Erstes Porträt am 19. November 03
Gestorben am 14. Dezember 2003
Hamburg Leuchtfeuer Hospiz

Heiner Schmitz sah den Fleck auf der Kernspin-Aufnahme seines Gehirns. Er begriff sofort, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Schmitz ist ein wortgewaltiger Schnelldenker, nicht ohne Tiefgang. Er arbeitet in der Werbebranche. Da sind alle gut drauf. Normalerweise. Heiners Freunde wollen nicht, dass er traurig ist. Sie wollen ihn ablenken. Im Hospiz gucken sie Fußball mit ihm, so wie immer. Bier, Zigaretten, Zimmerparty. Die Mädels aus den Agenturen bringen Blumen. Viele kommen zu zweit, weil sie nicht mit ihm alleine sein wollen. Was redet man mit einem Todgeweihten? Manche wünschen gute Besserung zum Abschied. Komm bald wieder auf die Beine, Alter!

"Keiner fragt mich, wie's mir geht", sagt Heiner Schmitz. "Weil alle Schiss haben. Dieses krampfhafte Reden über alles Mögliche, das tut weh. Hey, kapiert ihr nicht? Ich werde sterben! Das ist mein einziges Thema in jeder Minute, in der ich alleine bin."

Maria Hai-Anh Tuyet Cao
52 Jahre
Geboren am 26. August 1951
Erstes Porträt am 5. Dezember 2003
Gestorben am 15. Februar 2004
Hamburg Leuchtfeuer Hospiz

Vermutlich wäre Maria Hai-Anh Tuyet Cao anders gestorben, wenn sie sich nicht mit der Lehre der Höchsten Meisterin Ching Hai vertraut gemacht hätte. Die bekannte spirituelle Meisterin spricht: "Was sich jenseits dieser Welt befindet, ist besser als unsere Welt. Es ist besser als alles, was wir uns vorstellen oder nicht vorstellen können."

Frau Cao trägt das Bild der aus Vietnam stammenden Meisterin um den Hals. Unter ihrer Führung hat sie auf dem Weg der Meditation die jenseitige Welt schon bereist. Lange kann es nicht mehr dauern, bis sie dorthin abberufen wird: Ihre Lungenbläschen zerfallen. Aber sie wirkt heiter und gelassen. "Der Tod ist nichts", sagt Frau Cao. "Ich lache über den Tod. Er ist nicht ewig. Danach, wenn wir zu Gott gehen, sind wir wunderschön. Nur wenn wir in der letzten Sekunde noch an einem Menschen hängen, müssen wir wieder auf die Erde zurück." Jeden Tag bereitet sich Hai-Anh Cao auf diesen Moment vor. Sie will sich im Augenblick ihres Todes von allem lösen.

Wolfgang Kotzahn
57 Jahre
Geboren am 19. Januar 1947
Erstes Porträt am 15. Januar 2004
Gestorben am 4. Februar 2004
Hamburg Leuchtfeuer Hospiz

Bunte Tulpen stehen auf dem Nachttisch. Ein Tablett mit Sektgläsern hat die Schwester hergerichtet, dazu Kuchen. Wolfgang Kotzahn hat Geburtstag. "Heute werde ich 57. Ich hatte weder die Vorstellung, alt zu werden, noch so jung zu sterben, wie es jetzt kommt. Aber der Tod kennt kein Alter."

Die Diagnose hatte den zurückgezogen lebenden Steuerfachgehilfen ein halbes Jahr zuvor ereilt: Bronchial-Carzinom, inoperabel. "Der Schock war groß. Ich hab ja nie vom Tod geträumt, sondern immer nur vom Leben", sagt Herr Kotzahn. "Ich wundere mich selber, dass ich mich relativ leicht damit abgefunden habe. Jetzt liege ich hier und warte auf den Tod. Aber jeden Tag, den ich habe, den erlebe ich auch. Noch nie in meinem Leben hab ich auf Wolken geachtet. Jetzt sehe ich alles ganz anders: jede Wolke am Fenster, jede Blume in der Vase. Auf einmal ist alles wichtig."

Ursula Appeldorn
57 Jahre
Geboren am 17. September 1946
Erstes Porträt am 19. November 2003
Gestorben am 22. Dezember 2003
Hamburg Leuchtfeuer Hospiz

Früher hatte Ursula Appeldorn unter Halluzinationen gelitten. In Panik war sie auf eine vielbefahrene Straße gerannt. Seit sie in einem Wohnhaus für psychisch kranke Menschen lebte, ging es ihr besser. Dann bekam sie Krebs. Als es im Krankenhaus hieß, das beste wäre, sie ginge ins Hospiz, hatte sie sehr laut und lange geschrien. So unbändig, dass Herr Max, ihr Betreuer, schon fürchtete, sie werde damit nicht fertig werden. Aber dann hatte sie aufgehört zu schreien. Einen kurzen Moment lang hatte sie die Tatsache ihres bevorstehenden Todes anerkannt und ihre Unterschrift unter den Aufnahmeantrag für das Hospiz gesetzt. Herr Max bewunderte sie für diese Leistung.

Am ersten Tag im Hospiz reiht Ursula Appeldorn ihre zwei Dutzend Puppen auf der Kommode auf. Jetzt fühlt sich alles wieder so an wie in ihrem Zimmer im Wohnhaus. "Vor einigen Jahren war ich sehr krank", sagt sie lächelnd. "Schlimm war das. Aber jetzt bin ich vollkommen gesund."

Barbara Gröne
51 Jahre
Geboren am 15. Dezember 1951
Erstes Porträt am 11. November 2003
Gestorben am 22. November 2003
Hamburg Leuchtfeuer Hospiz

Von Anfang an hatte Barbara Gröne empfunden, sie habe kein Recht zu leben. Ihre Mutter hatte sie nicht gewollt. Sie gab das Kind bald nach der Geburt in ein Heim.

Das Kind will überleben. Es errichtet Barrikaden um seine Seele. Schutzwälle gegen die Angst. Am verlässlichsten ist die Disziplin. Eine gute Leistung ist auch eine Existenzberechtigung. Barbara Gröne arbeitet hart. Sie ist eine gute Schülerin. Sie wird Krankengymnastin, macht sich selbständig. Ihr Lebensgefährte bewundert ihre Energie. Sie hat Erfolg. Der Laden läuft. Sie könnte sich zurückzulehnen, endlich.

Da kommt der Krebs, ein Tumor am Eierstock, Metastasen in den Lendenwirbeln und im Becken. Nichts mehr zu machen. Schlagartig kehrt die Angst zurück. Das alte Gefühl, nichts wert zu sein. Die Trauer. Barbara Gröne ist dagegen völlig wehrlos. "Alle Anstrengung war umsonst", sagt sie. "Es ist, als hätte das Leben selbst mich verstoßen."

Jens Pallas
62 Jahre
Geboren am 13. April 1941
Erstes Porträt am 1. Dezember 2003
Gestorben am 15. Dezember 2003
Hamburg Leuchtfeuer Hospiz

Jens Pallas sah sehr erstaunt aus, als Schwester Dagmar um acht Uhr morgens in sein Zimmer schaute. Sofort erkannte sie, dass er gestorben war. Herr Pallas hatte sich keine Illusionen über den Ausgang seiner Krankheit gemacht: eine chronisch obstruktive Bronchitis mit Lungenemphysem. Sein Leiden hatte zehn Jahre zuvor begonnen. Nun steuerte es seinem Höhepunkt zu. Er ging davon aus, dass er ersticken würde. Allerdings hatte niemand, am allerwenigsten Herr Pallas selbst, mit einem so plötzlichen Ende gerechnet.

Jens Pallas' Wange war noch warm. Schwester Dagmar konnte kein Anzeichen eines Erstickungskampfes in seinen Zügen finden. Nur diesen erstaunten Blick, so als hätte er sagen wollen: Wie, das war es schon? Sie schloss seine Augen. "Sein geschwächter Körper hat wohl einfach aufgegeben", sagte sie. "Er hat Glück gehabt."

Edelgard Clavey
67 Jahre
Geboren am 29. Juni 1936
Erstes Porträt am 05. Dezember 2003
Gestorben am 4. Januar 2004
Hamburger Hospiz im Helenenstift

Edelgard Clavey war Chefsekretärin in der Psychiatrischen Uniklinik. Seit ihrer Scheidung Anfang der 80er Jahre lebt sie alleine. Kinder hat sie nicht. Von Jugend an engagierte sie sich in der evangelischen Kirche. Seit einigen Wochen kann sie ihr Bett nicht mehr verlassen.

"Der Tod ist eine Lebensreifeprüfung. Die muss jeder Mensch für sich alleine bestehen", sagt Frau Clavey. "Ich wünsche mir so sehr, zu sterben. Ich möchte in das große, unglaubliche Licht eingehen. Aber Sterben ist ein ganz schweres Geschäft. Der Tod hat die Herrschaft, ich kann es nicht beeinflussen. Nur warten, warten, warten. Ich habe mein Leben bekommen, ich musste es leben und gebe es wieder hin.

Ich habe immer hart gearbeitet, beinahe in einem diakonischen Sinne: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Jetzt bin ich kein Leistungsfaktor mehr. Das tut mir unerträglich weh: Ich will nicht als Kostenfaktor auf dem Berliner Kadaverberg liegen. Ich möchte gehen, am liebsten sofort. Allzeit bereit, wie bei den Pfadfindern."

Klara Behrens
84 Jahre
Geboren am 2. Dezember 1920
Erstes Porträt am 6. Februar 2004
Gestorben am 3. März 2004
Sinus-Hospiz, Hamburg

Klara Behrens spürt, dass es nun bald zu Ende gehen könnte. "Manchmal hoffe ich ja, dass es noch mal besser wird", sagt sie. "Aber wenn mir dann wieder so übel ist, will ich auch gar nicht mehr leben. Dabei hatte ich mir gerade noch eine neue Gefrierkombination gekauft! Hätte ich das vorher gewusst..."

Es ist der letzte Februartag, die Sonne scheint, im Hof sind die ersten Glockenblumen aufgeblüht. "Am liebsten würde ich rausgehen an die Elbe. Mich auf die Steine setzen und die Füße ins Wasser halten. Als Kinder haben wir das gemacht, wenn wir am Fluss Holz zum Heizen gesammelt haben. In meinem zweiten Leben würde ich alles anders machen. Ich würde kein Holz mehr schleppen müssen. Aber ob es ein zweites Leben gibt? Ich glaube nicht. Man glaubt ja nur, was man sieht. Und man sieht nur das, was da ist. Vor dem Tod hab ich keine Angst. Das millionste, milliardste Sandkorn in der Wüste werde ich sein. Nur vor dem Sterben fürchte ich mich. Man weiß ja nicht, was da passiert."

Michael Lauermann
56 Jahre
Geboren am 19. August 1946
Erstes Porträt am 11. Januar 2003
Gestorben am 14. Januar 2003
Ricam-Hospiz, Berlin

Michael Lauermann ist Manager. Ein Workaholic. Plötzlich war er umgekippt. Im Krankenhaus hieß es: Hirntumor, unheilbar. Das war vor sechs Wochen.

Lauermann will nicht über den Tod reden, lieber über sein Leben. Wie er es ‘68 schaffte, aus der schwäbischen Enge nach Paris zu kommen. Studium an der Sorbonne. Baudelaire, Straßenschlachten, Revolution, Frauen. "Ich habe wahnsinnig gern gelebt", sagt Lauermann. "Jetzt ist es vorbei. Ich habe keine Angst vor dem, was kommt." Oft genug hat er alle Brücken hinter sich abgebrochen. So ist es auch jetzt. Er spürt kein Bedauern. Das Stadium, in dem er sich jetzt befindet, kommt ihm eigentlich schön vor. Locker und frei, eine Art Schwerelosigkeit. Sein Körper verschwinde. Er hat keine Schmerzen. "Ich werde schnell sterben", sagt Lauermann.
Drei Tage später brennt vor seiner Zimmertür eine Kerze. Sie zeigt seinen Tod an.

Gerda Strech
68 Jahre
Geboren am 7. Februar 1934
Erstes Porträt am 5. Januar 2003
Gestorben am 13. Januar 2003
Ricam-Hospiz, Berlin

Gerda Strech kann es noch nicht glauben: Der Krebs bringt sie um ihren Lebensabend. „Wo doch mein ganzes Leben nur Arbeit war.“ In einer Seifenfabrik stand sie am Band, zog alleine ihre Kinder groß. "Muss es denn wirklich schon sein?“ Sie weint. „Ich hab solche Angst. Ich weiß ja nicht, ob ich in den Himmel komme oder zum Teufel.“

Als ihre Krankheit fortschritt, war sie zum Beten in die Kirche gegangen. "Vielleicht hilft mir ja der liebe Gott", hatte sie gehofft. Was kam, war ständiges Erbrechen. Dazu ein Darmverschluss. "Jetzt geht es nicht mehr lange", erkennt Frau Strech voll Panik. Ihre Tochter möchte sie trösten: "Mutti, wir sehen uns alle irgendwann wieder."

"Das kann nicht sein. Entweder man verfault oder man wird verbrannt."

"Aber das hat doch nichts mit unserer Seele zu tun."

"Ach, Seele, Seele...", sagt Gerda Strech anklagend. "Wo ist denn der liebe Gott?"

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