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Zwangsehen und Kinderbräute

Noch immer müssen Millionen Mädchen heiraten

Für Millionen Mädchen weltweit ist eine Heirat wahrscheinlicher als ein Schulbesuch. Obwohl Gesetze es verbieten, werden sie früh und oft gegen ihren Willen vermählt. Es beginnt eine Leidensgeschichte mit fatalen Folgen.

Häusliche und sexuelle Gewalt, Misshandlungen, Ausbeutung, Tod: Die Auswirkungen einer frühen Ehe auf das Leben junger Mädchen sind verheerend und hinlänglich bekannt. Ihnen werden Bildungs- und Entwicklungschancen genommen; ihre gesundheitlichen Risiken steigen. Weltweit werden nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerks UNICEF jedes Jahr 15 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, manche von ihnen haben gerade mal ihren zehnten Geburtstag gefeiert. Sie müssen die Schule abbrechen, sich um den Haushalt eines Mannes kümmern, den sie zuvor nie gesehen haben, und werden schwanger, obwohl ihr Körper dafür noch nicht bereit ist.

Schwanger vor Eintritt der Pubertät

Das hat fatale Folgen: Laut einer Studie der Kinderschutzorganisation "Save the children" besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen früher Heirat, Schwangerschaft und Kindersterblichkeit. "Während der Schwangerschaft und Geburt wächst das Risiko für die werdenden jungen Mütter", sagt Susanne Schröter. Sie leitet das Frankfurter Forschungsinstitut Globaler Islam und kennt diese Studie. Die Ethnologin forscht unter anderem über den Wandel von Genderordnungen in der islamischen Welt. Die Kinderehe ist ein geschlechterspezifisches Phänomen, das überwiegend Mädchen betrifft - unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit, so Schröter. "Nach der Geburt sind die Mädchen mit ihrer Mutterrolle überfordert, weil sie ja noch selber Kinder sind. Es ist ein absoluter Skandal", so Schröter. Die jungen Mädchen würden systematisch unterdrückt, da der Bräutigam oft viele Jahre älter sei als die Braut. "Die Mädchen können sich nicht wehren, weil die Machtverhältnisse so sind, dass sie keinen Widerstand leisten können", erklärt Schröter.

Kinderehe in Indien (Foto: picture alliance/AP Photo/P. Hatvalne)

In Indien sind Kinderehen weit verbreitet. Hier heiratet die elfjährige Anita ihren 16-jährigen Bräutigam

Kinderehen und Zwangsheirat nehmen zu

Auf Grundlage der Kinderrechtskonventionen der Vereinten Nationen ist in den meisten Ländern eine Heirat ab einem Alter von 18 Jahren erlaubt. Zwischen 2015 und 2017 haben Länder wie Tschad, Malawi, Zimbabwe, Costa Rica, Ecuador oder Guatemala das Mindestalter für eine Eheschließung auf diese Altersgrenze angehoben. Dazu haben sie Ausnahmeregelungen, durch die eine Eheschließung Minderjähriger mit der Zustimmung der Eltern oder eines Richter gültig war, abgeschafft. Für Susanna Krüger, Geschäftsführerin der Kinderrechtsorganisation "Save the Children" Deutschland sind die rückläufigen Zahlen geschlossener Kinderehen in diesen Ländern ein großer Erfolg. "Der rechtliche Rahmen hilft, gesellschaftliche Strukturen langfristig zu verändern", sagt sie im Interview mit der Deutschen Welle.  

Dennoch stiegen seit 2015 weltweit illegale Kinderehen von 11,3 Millionen auf 11,5 Millionen an, ein Trend, der anhält. Und noch immer sind 82,8 Millionen Mädchen im Alter zwischen zehn und 17 Jahren gesetzlich nicht vor einer Kinderehe geschützt. Wenn sogar Eltern oder Richter im Rahmen der Ausnahmeregelung ihre Zustimmung zu einer Ehe geben dürfen, sind 96,1 Million Mädchen einer möglichen Heirat schutzlos ausgeliefert - besonders im Nahen Osten oder in Nordafrika, Südasien sowie West- und Zentralafrika.

Gesetze konkurrieren mit Religion und Patriarchat 

Doch das Gesetz allein ist nicht wirkungsvoll und kann die steigende Zahl der Kinderbräute nicht verhindern. "Es ist eine Mischung aus vielen Faktoren", erklärt Krüger. "Religion, Kultur oder gesellschaftliche, patriarchale Strukturen sind eng miteinander verwoben und bedingen sich gegenseitig." Besonders Armut und kriegerische Konflikte hielten das System der Kinderehen aufrecht.

"Eltern verheiraten nicht immer, weil sie es so wollen", sagt Krüger. Besonders betroffen sind Mädchen aus ländlichen Gebieten und armen Familien. Diese sehen sich aus finanziellen Gründen gezwungen, ihre jungen Mädchen an meist ältere Männer zu verheiraten. Zwar gibt es auf der einen Seite sinkende Armutsraten in einigen Ländern, doch für die Ärmsten dort wird es schlimmer. Das Armutsgefälle driftet immer weiter auseinander. "Viele Familien haben keine Möglichkeit, sich von diesem wirtschaftlichen Druck zu entlasten", sagt Krüger. 

Konflikte fördern frühe Heirat 

Neben wirtschaftlichen Aspekten fördern vor allem kriegerische Konflikte eine frühe Heirat, meint auch die Ethnologin Schröter - zum Beispiel in Syrien. "Nach dem Ausbruch des Konflikts und vor allem nach den Fluchtbewegungen ist die Anzahl der Kinderheiraten enorm gestiegen", sagt sie im DW-Interview. "Man hat Mädchen mit elf oder zwölf mit der Annahme verheiratet, dies würde zu ihrem Schutz beitragen, etwa vor sexuellem Missbrauch. Flucht verursacht immer ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis bei Menschen. Dabei berufen sie sich dann auf ihre Tradition, die ihnen Sicherheit gibt." 

Den nachhaltigen Entwicklungszielen der UN zufolge sollen nach 2030 keine Kinderehen mehr geschlossen werden dürfen. Damit dieses Ziel umgesetzt werden kann, setzt "Save the Children" auf eine internationale Konferenz zur Abschaffung von Kinderehen im Senegal, bei der Regierungsvertreter, religiöse Autoritäten, Kinderrechtsorganisationen, Jugendliche und UN-Agenturen Lösungen zur Abschaffung dieser illegalen Ehen diskutieren.

Im Austausch mit Eltern und Akteuren

Die Menschenrechtsorganisation fordert die Politik zu entschlossenem Handeln gegen Kinderehen auf. "Das wichtigste ist Bildung, und dass die Kinder und Mädchen in der Schule bleiben", sagt Krüger. Es gebe viel in den Communities zu tun. Dazu zähle nicht nur Aufklärungsarbeit. Die Familien bräuchten Sicherheit, damit eine Nicht-Verheiratung der Mädchen keine finanziellen Auswirkungen habe. "Wir wollen Programme der Regierung beeinflussen, dass es finanzielle Möglichkeiten für Eltern oder für Mädchen gibt, dass diese später arbeiten dürfen", sagt sie. Dafür seien positive Beispiele wichtig - und das Verständnis der Eltern und Gemeinden.

Die größten Fortschritte im Kampf gegen Kinderehen macht  Lateinamerika. Die Zahl der Kinderehen fiel dort nach der Gesetzesänderung binnen zwei Jahren. Dort wird nur noch ungefähr jedes fünfte Mädchen einem fremden Mann versprochen. Ein Lichtblick.

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