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Wissen & Umwelt

Nobelpreisträger Hell: "Der Nachwuchs sorgt sich zu sehr ums Netzwerken"

Vielen jungen Wissenschaftlern fehlt die "rebellische Haltung", sagt Nobelpreisträger Stefan Hell im DW-Interview. Sie seien zu sehr mit ihrer eigenen Karriere beschäftigt. Das behindere die Forschung.

DW: Als Sie angefangen haben, was hat Sie da motiviert? Ich nehme an, es war nicht die Aussicht auf den Gewinn eines Nobelpreises?

Stefan Hell: Die war es definitiv nicht. Ich habe nie über den Gewinn des Nobelpreises nachgedacht - auf jeden Fall nicht zu diesem Zeitpunkt.

Ich war neugierig. Ich wollte wissen, ob es einen Weg gibt, die Beugungsgrenze eines Lichtmikroskops zu überwinden, und ob es möglich ist, ein

Lichtmikroskop zu entwickeln

, das Objekte sehr viel detaillierter zeigt, als Menschen es viele, viele Jahre für möglich hielten. [Anmerkung der Redaktion: 1873 hatte der deutsche Physiker Ernst Abbe festgestellt, dass die Auflösung von optischen Bildgebungsinstrumenten - wie Mikroskopen - durch die Beugung des Lichts begrenzt wird.]

Wie, glauben Sie, sehen das die jungen Wissenschaftler hier in Lindau? Sie scheinen doch sehr angetrieben von ihren beruflichen Perspektiven, ihren Lebensläufen und Erwähnungen in Publikationen.

Das ist richtig. Ich denke, sie haben ein Leben zu führen, und sie haben einen Job zu bekommen. Die Dinge, die sie in der Wissenschaft machen wollen, müssen irgendwie damit in Einklang gebracht werden. Das ist manchmal nicht einfach. Vielleicht wollen sie noch eine Familie gründen, heiraten, Kinder haben und so weiter. Und dann ist da eine Entscheidung wie das Antreten einer Postdocstelle in Utah oder Sydney. Das kann einen großen Einfluss auf ihr Privatleben haben.

Können solche persönlichen Überlegungen einen negativen Einfluss auf die Forschung haben?

Sie können sie negativ oder positiv nennen - das hängt ganz von der Situation ab. In meinem Fall habe ich meine Doktorarbeit in einem Industrieunternehmen geschrieben. Darüber war ich sehr unglücklich. Irgendwann wurde mir klar: Das ist nicht das, was ich möchte. Trotzdem war es meine Schuld, dass ich dort gelandet bin - ich wollte eine Sicherheit, einen Job.

Im Nachhinein war es dann aber doch gut für mich. Denn erst dadurch kam ich auf meine Idee. Wenn ich das nicht getan hätte, wäre ich nicht so einfach in die Mikroskopie hineingestolpert. Vielleicht hätte ich etwas ganz anderes gemacht - und vielleicht am Ende nie etwas wirklich Wichtiges getan. Das zeigt diesen Konflikt - ein Leben zu leben und Entscheidungen zu treffen, die sich aufs soziale Leben auswirken. In der Wissenschaft korreliert das völlig, das ist alles miteinander verstrickt. Und sehr oft starten wissenschaftliche Entwicklungen aus einer persönlichen Situation heraus.

"Ehrlich gesagt, hasse ich die Sache mit dem Netzwerken"

Also ist es auch diese Einstellung, dass Zufall und Glück in der Wissenschaft sehr wichtig sind. Ist es das, was den jungen Wissenschaftlern heute fehlt - die Risikobereitschaft?

Ja. Mein Eindruck ist, dass viele junge Wissenschaftler ihre Karriere zu ernst nehmen - es ist als wachen sie eines Morgens auf und sagen: "Ich möchte ein Wissenschaftler werden, aber ich weiß nicht, warum." Vielleicht wegen ihrer Eltern, oder weil sie denken, Wissenschaftler sind toll und die Nobelpreisträger werden hier so gut behandelt ... das werden wir tatsächlich!

Aber das ist nicht wirklich eine gute Motivation. Sie müssen offen sein, für alle Perspektiven im Leben. Wissenschaft ist [nur] eine von ihnen. Man sollte dabei nicht zu verkrampft sein. Ich mache mir Sorgen, dass einige Leute sich hier zu sehr über die richtige Karrierestrategie den Kopf zerbrechen.

Als ich zur Universität ging, gab es so etwas wie Karriereplanung nicht. Mittlerweile gibt es das sogar als Unterrichtsfach - wie man sich richtig verhält und vernetzt. Ehrlich gesagt: Ich hasse es. Ich hasse dieses "Networking thing". Und wenn ich wirklich ehrlich sein darf, schaue ich auf diese Art von Leuten herab, die nur mit mir zu tun haben wollen, um sich gut zu vernetzen.

Wahrscheinlich haben daran jetzt viele Interesse, seit Sie den Nobelpreis haben?

Absolut. Und ich muss sagen, da bin ich sehr empfindlich. Natürlich unterhalte ich mich gerne mit Menschen - verstehen Sie mich nicht falsch - aber einige tun es nur, weil sie denken, dass ich in der Lage bin, ihre Karriere voranzubringen. Das ist nicht die Art von Menschen, die ich persönlich gerne in der Wissenschaft sehen möchte. Ich möchte Menschen sehen, die mit Leidenschaft an ein interessantes Problem herangehen - denn dann tun sie wirklich ihr Bestes und es fällt ihnen leichter, Lösungen zu finden.

Makroaufnahme von Hefezellen (Foto: Imago).

Hell hat den Nobelpreis für die Entwicklung eines Supermikroskops bekommen, das einen exakten Blick in kleinste Zellen ermöglicht

Eine rebellische Haltung

Also muss da etwas Rebellisches sein?

Das unterschreibe - und das vermisse ich wirklich. Ich bin kein Universitätsprofessor, aber die Leute kommen zu mir wegen eines Doktors am Max-Planck-Insitut, und ich merke, dass sie jetzt nur darauf aus sind, Leistungspunkte zu bekommen.

Als ich Physik studierte habe, waren wir - mehr oder weniger - uns selbst überlassen. Das hatte natürlich auch einige schlechte Seiten, kein Zweifel. Aber es gab einige sehr gute Leute, weil sie unabhängig waren, ihre eigene Meinung hatten, und sie wussten genau, was sie tun wollten. Sie waren die Menschen, die am Ende etwas bewegen konnten.

Müssen wir uns jetzt Sorgen darüber machen, dass die jungen Wissenschaftler nicht mehr in der Lage dazu sind, Grenzen zu durchbrechen - wo aber doch gleichzeitig immer mehr Probleme auftauchen?

Diejenigen, die nicht in dieses Leistungspunkte-Schema passen, können schnell ausscheiden. Aber ich habe noch Vertrauen in die Menschen, denn es gibt immer noch genug Leute, die rebellisch genug sind und die einen Unterschied machen wollen - und sie werden es in jedes System schaffen.

Vom Wissen eingeschränkt?

Nobelpreis 2014 Chemie an Eric Betzig, Stefan Hell und William Moerner (Foto: Imago).

Der Chemie-Nobelpreis ging 2014 an Hell, und an die Amerikaner Eric Betzig und William Moerner

Das ist genau das, was ich von anderen Nobelpreisträgern hier, wie Françoise Barré-Sinoussi und Martin Chalfie, gehört habe. Quereinsteiger also.

Absolut. Denn um ein Problem genau zu verstehen, muss man einen Schritt zurückgehen. Das Gehirn funktioniert durch die Zuordnung von Dingen: Ein bestimmtes Problem kann also mit einer bestimmten Lösung verbunden sein - aber das muss nicht das Ende sein.

Daher ist es wichtig, einen Schritt zurückzugehen. Wissen kann ein Hindernis sein für das Aneignen von neuem Wissen, denn es bringt einen auf die gleiche Spur, auf der alle anderen schon vorher waren.

Es ist wichtig, Quereinsteiger zu haben, die einen völlig neuen Blick auf ein Problem haben - meistens werden sie den Unterschied machen.

Wo wir bei Hindernissen sind: Müssen Sie sich auch mit Beschränkungen auseinandersetzen? Einige Nobelpreisträger sprechen zum Beispiel davon, dass jetzt nur noch die Rede von der einen ausgezeichneten Sache ist, sie sich aber fragen: "Was ist mit all den anderen Dingen, die ich getan habe?"

Nun, meinen Preis habe ich ja erst vor einigen Monaten bekommen - so viel Zeit hatte ich noch nicht, darüber nachzudenken. Was sich für mich verändert hat, ist, dass viele Politiker sich dafür interessieren. Sie haben mich um Rat gefragt oder wollten meine persönlichen Erfahrungen hören. Und das weiß ich zu schätzen, denn ich glaube, ich habe eine relativ ungewöhnliche Karriere gemacht - für deutsche Verhältnisse. Deshalb erzähle ich ihnen gerne, was ich erlebt habe. Aber was die Wissenschaft betrifft, bin ich auf jeden Fall bereit für neue Herausforderungen.

Welche sind das?

Wenn ich das wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen!

Kommen Sie schon, das ist doch eine faule Ausrede...

Na ja, vielleicht hatte ich eine gute Idee ... vor ein paar Jahren war ich aber sehr konzentriert auf das Lichtmikroskop, und ich bin es immer noch. Aber, vor allem an einem Tag wie diesem - wenn das Wetter so gut ist - frage ich mich: "Was kommt als nächstes?" Ich werde einen Schritt zurück gehen und über ein neues Problem nachdenken. Was auch immer es ist. Und vielleicht - wenn wir in ein paar Jahren noch mal darüber sprechen - kann ich Ihnen sagen, ob ich eine gute Idee hatte oder nicht!

Professor Dr. Stefan W. Hell wurde zusammen mit Eric Betzig und William E. Moerner mit dem Nobelpreis für Chemie 2014 ausgezeichnet. Hell ist Direktor der Abteilung "Nanobiophotonik" am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen und Leiter der Abteilung "Optische Nanoskopie" am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Das Interview führte Zulfikar Abbany.