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Wissen & Umwelt

Nobelpreis mit Hindernissen

Kurz nachdem der Immunologe Ralph Steinman gemeinsam mit Bruce Beutler und Jules Hoffmann den Medizin-Nobelpreis erhielt, wurde bekannt, dass er kurz zuvor gestorben war. Ausgezeichnet wird er trotzdem.

Bruce Beutler, Ralph Steinman und Jules Hoffmann (Fotomontage: AP/picture-alliance/dpa)

Von links nach rechts: Bruce Beutler, Ralph Steinman und Jules Hoffmann

Nobelpreise können laut den gültigen Statuten nicht posthum verliehen werden. Doch dieses Mal ist es anders. Der Kanadier Ralph Steinman wird mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet, obwohl er vor drei Tagen gestorben ist. Denn bei der Bekanntgabe des Preises am Montag (03.10.2011) wussten die schwedischen Nobel-Juroren nicht, dass Steinman bereits verstorben war. Und so entschieden sie am Abend, den Preis posthum zu verleihen. Es sei eben eine einzigartige Situation, die es so noch nie gegeben habe, so die Begründung.

Keine Unbekannten

Bruce Beutler aus den USA, der gebürtige Luxemburger Jules Hoffmann und der Kanadier Ralph Steinman sind keine unbekannten. Alle drei räumten schon zahlreiche, in der Wissenschafts-Szene wichtige Preise ab. Unter anderem den renommierten deutschen Robert-Koch Preis (Beutler und Hoffman 2004, Steinman 1999) oder den "amerikanischen Nobelpreis", den Albert Lasker Award (Steinman 2007). Alle drei sind darüber hinaus Träger des Humboldt-Forschungspreises. Jetzt erhalten sie die höchste aller wissenschaftlichen Auszeichnungen.

"Die Nobelpreisträger haben unser Verständnis vom Immunsystem revolutioniert."

Grippeviren (Foto: picture-alliance/dpa)

Auch gegen Grippeviren macht unser Immunsystem mobil. Es lernt, wie die gefährlichen Erreger aussehen.

Verdient haben die drei den Nobelpreis allemal. Ihnen ist es gelungen, herauszufinden, wie sich der menschliche Körper gegen krankmachende Eindringlinge, beispielsweise gegen Bakterien, Viren oder Pilze wehrt. Und was sie herausfanden, hat unter anderem die Entwicklung maßgeschneiderter Impfstoffe entscheidend beeinflusst. So versichert der Vizechef des Medizin-Nobelkomitees am Stockholmer Karolinska-Institut, Urban Lendahl: "Die komplette Impfstoffindustrie auf der Welt hat wohl ihre Erkenntnisse verarbeitet."

Außerdem hätten Beutler, Hoffmann und Steinman Möglichkeiten geschaffen, neue Therapien gegen Infektionskrankheiten, wie zum Beispiel Aids oder gegen Krebs zu entwickeln und Antworten gefunden, weshalb sich unser Immunsystem manchmal sogar gegen den eigenen Körper richtet.

Angeborenes Immunsystem

Die drei Preisträger kennen sich, zusammen gearbeitet haben sie jedoch nicht. Welchen Anteil an der Entschlüsselung unseres Immunsystems hat also jeder von ihnen? Beginnen wir mit Bruce Beutler und Jules Hoffmann. Beide entdeckten unabhängig voneinander Reaktionen und Substanzen, mit denen der Körper eindringende Krankheitserreger erkennt und abwehrt. Dieser erste Abwehrring nennt sich angeborenes Immunsystem. Es ist schon bei Säuglingen vorhanden. Unterschiedliche Abwehrzellen attackieren fremde Angreifer und machen sie unschädlich. Bestimmte Rezeptoren (u.a. Toll-ähnliche-Rezeptoren) helfen dabei, die Eindringlinge zu erkennen.

Erworbenes Immunsystem

Wenn Krankheitserreger diesen Verteidigungsring durchbrechen, kommt der zweite Abwehrring unseres Körpers ins Spiel: das adaptive Immunsystem. Es ist lernfähig und kann speziell auf bestimmte Krankheitserreger reagieren. Sogenannte T-Zellen - quasi die Soldaten des Immunsystems - bilden Antikörper und Killerzellen, die wiederum infizierte Zellen zerstören.

Und hier kommt Ralph Steinman ins Spiel. Der Kanadier entdeckte die dendritischen Zellen. Sie sind so etwas wie die Lehrer. Ihre Aufgabe ist es nicht, Krankheitserreger zu eliminieren. Sie nehmen Bruchteile der Eindringlinge auf - sogenannte Antigene - und präsentieren sie den T-Zellen, damit diese "lernen", auf welche Bruchstücke sie achten und zerstören müssen. Das ist wichtig, denn T-Zellen erkennen keine Antigene, die ihnen vorher nicht gezeigt wurden.

Ralph Steinman (Foto: AP)

Ralph Steinman arbeitete bis zu seinem Tod an der Rockefeller-Universität in New York

Steinmans These stieß zunächst auf Skepsis, inzwischen ist sie jedoch bewiesen und steht in jedem Lehrbuch. Zurzeit versuchen Mediziner, die dendritischen Zellen mit einem Impfstoff gezielt gegen Krankheitserreger zu richten, etwa gegen Krebszellen oder das Aidsvirus. Der Plan: Man schiebt den dendritischen Zellen Bruchstücke des Erregers unter, um das Immunsystem künstlich zu alarmieren.

Bittersüße Nachricht

Leider kommt die große Ehre aus Stockholm für Ralph Steinman zu spät. Drei Tage vor der Nobelpreisverleihung starb der kanadische Immunologe mit 68 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Seine Tochter Alexis wird mit den Worten zitiert: "Wir sind alle so berührt, dass die vieljährige harte Arbeit meines Vaters für den Nobelpreis ausgewählt wurde. Er wäre zutiefst geehrt".

Steinman erkrankte nach Auskunft seiner Universität vor vier Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es heißt, er habe mit einer selbstentwickelten Immuntherapie auf Basis der von ihm entdeckten dendritischen Zellen sein Leben um einige Jahre verlängern können.

1,1 Millionen Euro Preisgeld

Die Nobelpreise sind auch in diesem Jahr wieder jeweils mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert. Sie werden wie jedes Jahr am 10. Dezember, dem Todestag ihres Stifters Alfred Nobel, in Stockholm und Oslo überreicht.

Autorin: Judith Hartl

Redaktion: Brigitte Osterath