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Kultur

"Nobelpreis der Philosophie" für Jürgen Habermas und Charles Taylor

Jürgen Habermas und der kanadische Sozialphilosoph Charles Taylor befassen sich beide mit wichtigen Fragen der politischen Philosophie. Beide erhielten den diesjährigen Kluge-Preis.

Ständig wandelt sich die moderne Welt, und nichts bietet Halt. Mit genau dieser unzuverlässigen Moderne im Umbruch befassen sich Jürgen Habermas und der kanadische Philosoph Charles Taylor. Dafür wurde ihnen am Dienstagabend der "Nobelpreis der Philosophie" verliehen.

"Ich bin natürlich froh über diese Anerkennung, die ich hier als erster Deutscher bekomme. Es macht einen aber auch nachdenklich, was man der Beziehung mit Amerika insgesamt verdankt. Für meine Generation war Amerika nach dem Ende des Weltkrieges - nicht nur politisch, sondern auch kulturell - ein eminenter Einfluss", sagte Habermas der DW vor der Preisverleihung in Washington. Ab Mitte der 1960er Jahre hatte Habermas Gastprofessuren an amerikanischen Universitäten inne. Für ihn schließt sich mit dem Kluge-Preis der Kreis seines Wirkens in den USA: "Ich habe beruflich, aber auch persönlich viele Freunde kennengelernt. Normalerweise hat man die engsten Kollegen, von denen man am meisten lernt, zu Hause. Ich habe hier in den USA mindestens ebenso viele, wirklich eindrucksvolle Kollegen, von denen ich viel gelernt habe."

Jürgen Habermas bei der Verleihung des John W. Kluge Preis 2015 in Washington

Jürgen Habermas bei der Preisverleihung in Washington

Das John W. Kluge Center an der Washingtoner Library of Congress vergibt den Kluge Prize seit 2003, um Denker außerhalb der Disziplinen des Nobelpreises zu fördern. Zu den Preisträgern gehören die indische Historikerin Romila Thapar, der französische Philosoph Paul Ricoeur und Brasiliens ehemaliger Präsident Fernando Henrique Cardoso. "Fördern" ist dabei keine Übertreibung: Der jeweilige Preisträger bekommt 1,5 Millionen Dollar – mehr als Nobelpreis-Gewinner. In diesem Jahr wird das Preisgeld also geteilt.

John Kluge: vom Schuhverkäufer zum Investor zum Mäzen

Seinen Ursprung hat alles im deutschen Chemnitz. John W. Kluge wuchs als Johann Kluge im sächsischen Chemnitz als Sohn eines Ingenieurs auf. Nachdem sein Vater im Ersten Weltkrieg gefallen war, heiratete seine Mutter einen Deutsch-Amerikaner und zog mit ihrem Sohn nach Detroit. Aus Johann wurde John. Kluge arbeitete sich vom Schuhverkäufer bis in die Chefetagen hinauf. Als Geschäftsmann investierte er später in die Nahrungsmittelindustrie und in Medienunternehmen. Zahlreiche Fernseh- und Radiostationen gehörten seinem Unternehmen Metromedia an – später teilweise aufgekauft von Medienmogul Rupert Murdoch. In den 1990er Jahren tat sich Kluge als Mäzen hervor. Im Jahr 2000, zehn Jahre vor seinem Tod, spendete er schließlich 60 Millionen US-Dollar an die Library of Congress, die öffentlich zugängliche Forschungsbibliothek des Kongresses der USA. Daraus fließt auch das Preisgeld für Jürgen Habermas und Charles Taylor.

Habermas und seine "Theorie des kommunikativen Handelns"

Habermas, geboren 1929 in Düsseldorf, studierte in Göttingen und Bonn. Ab 1956 forschte er am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Diese neulinke Denkfabrik, inspirierte auch die Proteste der 68er Bürgerrechtsbewegungen, die politisch ebenfalls linksgerichtet war. Sein Lebenswerk dreht sich vor allem um den öffentlichen Raum: Darin findet laut Habermas vernunftgeleitete Kommunikation statt, die die Gesellschaft zusammenhält.

Jürgen Habermas 1983 während des Adorno-Kongress in der Universität Frankfurt.

Habermas während des Adorno-Kongresses an der Universität Frankfurt 1983

Charles Taylor (84), der kanadische Philosoph, mit dem sich Habermas den Preis teilt, geht noch einen Schritt weiter: Es bedarf nicht bloß des Redens sondern einer aktiven Einbindung jedes Einzelnen in sein soziales Netz. In der "haltlosen Moderne" warnt Taylor vor dem "Mangel an gemeinsam gelebter Humanität."
Die Theorien beider Philosophen brächten ein "eindringliches Verständnis des Einzelnen und seiner sozialen Bindungen," begründete James H. Billington, Chefbibliothekar der Library of Congress, Mitte August die Preisvergabe an Habermas und Taylor. Doch nicht nur für ihre Thesen bekamen sie den Preis.

Jenseits des Elfenbeinturms

Billington lobte beide Philosophen für ihre "politischen und moralischen Perspektiven mit philosophischer Tiefe." Charles Taylor machte sich 1975 einen Namen mit einer 800-Seitigen Abhandlung zu dem deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831). Dennoch schaffte er es stets, "über Selbstbestimmung, Freiheit, Spiritualität und die Verbindung zwischen Natur- und Geisteswissenschaft auch für Laien verständlich zu schreiben," so das Lob Billingtons. Taylor kandidierte auch mehrfach für die sozialdemokratische New Democratic Party in Kanada – und scheut die öffentliche Einmischung nicht.

Charles Taylor bei der Verleihung des John W. Kluge Preis 2015 in Washington

Charles Taylor bei der Verleihung des John W. Kluge Prize

Habermas bringt sich auch mit 86 Jahren noch gern in den öffentlichen Diskurs ein, den er beschworen hat. Gegenüber der DW unterstrich er am Dienstag seine spezielle philosophische Sicht der Dinge zum aktuellen Umgang mit Flüchtlingen in Europa.

"Das Asylrecht ist ein Menschenrecht, und jeder, der politisches Asyl beantragt, soll fair behandelt und gegebenenfalls aufgenommen werden, mit allen Konsequenzen." In Europa habe man die Krise, "die sich lange angebahnt hat", verschlafen. Deutschland und Frankreich seien schon lange gefordert, eine gemeinsame Europapolitik zu entwickeln, die dann auch zu Kooperation in der Flüchtlingspolitik führen müsse. Gleichzeitig sieht Habermas, sonst nicht gerade sparsam in seiner Kritik am Kurs der Bundesregierung, die jüngste Reaktion in der Flüchtlingskrise mit Wohlwollen. "Ich bin seit vielen Jahren nicht so zufrieden gewesen mit der Regierung in Deutschland wie seit Ende September."

Theodor Adorno, Habermas' philosophischer Ziehvater, sagte einmal von sich, er habe keine Angst vor dem Elfenbeinturm – der Denker müsse sich in das Refugium der abgehobenen Distanz zurückziehen können. Habermas forschte unter Adorno am Frankfurter Institut für Sozialforschung, doch er verließ oft genug den Elfenbeinturm und mischte sich in das Tagesgeschäft der Politik ein.

Standpunkt zu militärischen Interventionen

1999 verteidigte er den umstrittenen NATO-Einsatz im Kosovokrieg mit den Worten: "Wenn es gar nicht anders geht, müssen demokratische Nachbarn zur völkerrechtlich legitimierten Nothilfe eilen dürfen." Eine Meinung, die er heute mit Blick auf das Assad-Regime in Syrien und den Erfahrungen der vergangenen 16 Jahre nicht ohne "längere Überlegung" in gleicher Weise vertreten kann. "Die militärischen Interventionen im Irak, in Afghanistan, aber auch in Mali und Libyen haben uns bewusst gemacht, dass die Interventionsmächte nicht bereit sind, die Folgeverpflichtungen, nämlich den jahrzehntelangen Aufbau staatlicher Strukturen in diesen Ländern, zu fördern. Infolgedessen machen wir die Erfahrung, dass diese Interventionen die Verhältnisse in den betroffenen Ländern meistens verschlimmert statt verbessert haben."

Seine Zustimmung zum NATO-Einsatz im Kosovokrieg habe er seinerzeit "mit viel Wenn und Aber" befürwortet, aber das werde schnell vergessen. "Philosophen sind vorsichtig", so Habermas. Nun versuchen Philosophen wie Habermas, der neuen Generation den Weg zu bereiten. Ein Teil seines Preisgeldes, sagte Habermas zur DW, solle dem von ihm ins Leben gerufenen Philosophie-Nachwuchspreis an der Frankfurter Universität zu Gute kommen - dort also, wo er selbst viele seiner akademischen Meriten erwarb.