No pain, no gain: Warum wir immer noch in Sprichwörtern sprechen | Kultur | DW | 28.10.2015
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Kultur

No pain, no gain: Warum wir immer noch in Sprichwörtern sprechen

Es gibt 250.000 Sprichwörter in der deutschen Sprache: volkstümliche Weisheiten, die den Nagel auf den Kopf treffen. Sprichwort-Experte Wolfgang Mieder erklärt, wie die schlauen Sprüche aufkommen und wie sie sterben.

Was wissen Sie über deutsche Sprichwörter? Machen Sie den Test mit unserer illustrierten Sprichwortgalerie!

DW: Was unterscheidet ein Sprichwort von einer Redewendung, einem Slogan – oder einfach einem Satz?

Prof. Dr. Wolfgang Mieder: Die Definition des Sprichworts ist unglaublich kompliziert. Man würde denken, dass es nichts Einfacheres gibt, aber es gibt regelrecht dutzende, wenn nicht hunderte von Definitionsversuchen. Ich würde sagen, man könnte ein Sprichwort so definieren, dass ein Sprichwort ein allgemein bekannter, fest geprägter Satz ist, der eine Lebensregel oder Weisheit in prägnanter, kurzer Form ausdrückt. Ein Sprichwort muss ein vollständiger Gedanke oder vollständiger Satz sein. Eine sprichwörtliche Redensart ist eher ein bildlicher Ausdruck, der keine Weisheit oder Allgemeingültigkeit beansprucht.

"Abwarten und Tee trinken" wäre ein Beispiel dafür, oder?

Ja, genau. Oder: "Den Nagel auf den Kopf treffen".

Was sagen Sprichwörter über die Kultur aus, in der sie entstanden sind?

Wolfgang Mieder

Der aus Deutschland stammende Wolfgang Mieder ist Professor an der University of Vermont

Es gibt ja viele Sprichwörter, deren Herkunft sich bis in die klassische Antike zurückverfolgen lässt. Sagen wir mal, "Große Fische fressen kleine Fische". Oder: "Eine Hand wäscht die andere." Dann haben wir dutzende Bibelsprichwörter in unseren europäischen Sprachen, wie zum Beispiel: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein." Oder: "Hochmut kommt vor dem Fall." Dann sind da die mittellateinischen Sprichwörter, wie zum Beispiel: "Es ist nicht alles Gold, was glänzt." Das sind alles Sprichwörter, die in Sprachen wie Deutsch, Englisch, Portugiesisch, Spanisch, Polnisch, Russisch übersetzt worden sind. Nimmt man zum Beispiel das Sprichwort "Eine Hand wäscht die andere", so lässt sich daraus nicht ableiten, dass Deutsche auf einer besonderen Art und Weise zusammenarbeiten. Man kann eigentlich nur sagen, dass Sprichwörter den Charakter einer Nation ein bisschen ausdrücken, wenn man Sprichwörter bespricht, die es wirklich nur auf Deutsch gibt. Ich habe vor Jahren "A Dictionary of American Proverbs" herausgebracht. Aber der Titel war eigentlich dumm. Er hätte eigentlich lauten müssen: "Dictionary of Proverbs That Are Used in America."

Ich bin Amerikanerin, lebe seit zwölf Jahren in Deutschland und finde, wenn ich pauschalisieren darf, dass Deutsche eher zur Vorsicht neigen. Zeigt sich nicht auch in Sprichwörtern wie "Viele Köche verderben den Brei" oder "Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul" diese Vorsicht?

Ja, ich glaube auch, dass wir in Amerika teilweise anders denken. Ich gebe Ihnen ein schönes Beispiel: Mein amerikanisches Lieblingssprichwort ist "Different strokes for different folks". Ich bin überzeugt, dass dieses Sprichwort in Deutschland nie entstanden wäre. Denn die Idee, dass man sich ziemlich frei und unabhängig entwickeln kann, ohne an die Nachbarn zu denken, ist für deutsche Verhältnisse nicht normal.

Würden Sie sagen, dass ein Sprichwort mehr über den Zeitgeist als über die Kultur aussagt?

Natürlich spiegeln Sprichwörter auch den Zeitgeist. Hier ist ein schönes Beispiel: "Morgenstunde hat Gold im Munde". Der früheste Beleg findet sich 1570. Übrigens hieß es aber "Morgenstunde hat Arbeit im Munde." Das finde ich ganz interessant. Dann, 1669, haben wir einen Beleg, wo es heißt, "Morgenstunde hat Brot im Munde", was auch einen guten Sinn ergibt. Bis vor fünfzig Jahren war "Morgenstunde hat Gold im Munde" ohne Zweifel das beliebteste deutsche Sprichwort. Das ist auch durch statistische Untersuchungen dargestellt.

Sie kennen das Sprichwort "Der frühe Vogel fängt den Wurm". Das ist eigentlich ein englisches Sprichwort, das in den USA ebenso populär ist. Nach 1945, mit der großen Flutwelle der Amerikanismen, ist es in die deutsche Sprache eingedrungen, und zwar so sehr, dass sich statistisch gesehen heute der Gebrauch der beiden Sprichwörter – des deutschen und des ursprünglich englischen – mehr oder weniger die Waage hält. Ich habe das Gefühl, dass die deutsche Jugend dieses "blöde" Morgenstunde-Sprichwort einfach satt hatte. Aber sie bedeuten auf jeden Fall dasselbe.

Wenn Sie die Herkunft eines Sprichworts erforschen, wo fangen Sie an?

Sprichwörter finden sich wirklich überall. In meiner eigenen beruflichen Laufbahn haben sie mir in meiner Wahlheimat Amerika die Möglichkeit gegeben, bedeutend mehr als Schmalspur-Germanistik zu betreiben, da meine Untersuchungen zu Sprichwörtern mich auf alle möglichen Gebiete führen – zum Beispiel auf die der Kunstgeschichte, Anthropologie, Literaturgeschichte und Kulturgeschichte, des Journalismus oder der Kommunikation.

Symbolbild: Alzheimer

Sprichwörter werden benutzt, um zu erforschen, was im Gehirn passiert

Sie können jedes beliebige Thema nehmen und fragen, welche Rolle Sprichwörter dabei spielen – zum Beispiel bei der Schizophrenie-Forschung. Sprichwörter werden immer mehr in Fällen von Schizophrenie, Alzheimer oder ähnlichen Krankheiten benutzt, um zu untersuchen, was im Gehirn passiert, wenn man Metaphern verwendet.

Auch Journalisten arbeiten gern mit Sprichwörtern, weil sie wissen, dass wir sie kennen – und dann spielen sie damit. Das habe ich einmal "Anti-Sprichwort" genannt. Oder man könnte auf die Werke von Pieter Bruegel verweisen und daran anknüpfend untersuchen, ob es vielleicht seit der mittelalterlichen Holzschnitzerei bis hin zu modernen Karikaturen immer wieder dieselben Motive gibt. [Anm. d. Red.: In seinem Gemälde "Die niederländischen Sprichwörter" von 1559 hat Bruegel über 100 niederländische Sprichwörter in Szene gesetzt.]

Günter Grass ist leider vor kurzem gestorben, aber man könnte auch untersuchen, welche Rolle Sprichwörter bei einem Sprachkünstler wie Grass spielen.

Kann man selber ein Sprichwort einführen – oder ist das die Aufgabe von Werbeagenturen?

Wenn Sie sich die Lehrbücher für Werbung anschauen, gibt es darin immer ein Kapital über Slogans. Nehmen wir "Different strokes for different folks". Im Prinzip haben Sie hier eine Formel, in die sofort andere Sachen eingesetzt werden können. "Different strokes for different folks" ist nichts anderes als "Different X for different Y".

Die größte deutsche Sprichwörtersammlung wurde von 1867 bis 1880 von Karl Friedrich Wilhelm Wander zusammengetragen, das "Deutsche Sprichwörter Lexicon". 250.000 deutsche Sprichwörter stehen darin. Aber wie viele kennt ein normaler Muttersprachler? Das passive Wissen umfasst vielleicht 300. Wie kann es 250.000 Sprichwörter geben?

Ein Durchschnittssprichwort hat sieben Wörter. Ich nehme ein kürzeres englisches Beispiel: "No pain, no gain." Da brauchen wir nur X und Y einzusetzen und wir können mindesten 100 Sprichwörter finden, die diese Formel benutzen. Wenn wir etwas erfinden wollen und zum Beispiel sagen, "Keine Deutsche Welle, keine gute Unterhaltung", muss das neue Sprichwort vor allem in Umlauf gebracht werden. Das würde bedeuten, dass zunächst einmal Ihre Kolleginnen und Kollegen und dann viele andere Menschen anfangen müssten, es zu wiederholen.

Dazu braucht man einen Vertrieb.

Ja. Jedes Sprichwort beginnt irgendwann als individuelle Aussage. Es wird vielleicht zuerst zum geflügelten Wort, wobei wir noch wissen, wer der Urheber ist. Später vergessen wir das. Ein schönes Beispiel ist "Die Axt im Haus erspart den Zimmermann". Das steht ursprünglich bei Friedrich Schiller in "Wilhelm Tell".

Welche anderen Redewendungen könnten in fünfzig Jahren zu Sprichwörtern werden?

Günter Grass und SPD-Vorsitzender Willy Brandt 1976

Günter Grass und Willy Brandt 1976

Ein gutes Beispiel sind vielleicht Äußerungen von Willy Brandt. Er hat als Politiker eine unglaublich große Rolle gespielt, besonders zurzeit der Wiedervereinigung. Damals hat er Dinge gesagt, die geblieben sind, wie zum Beispiel "Kleine Schritte sind besser als keine Schritte". Ich nehme mal an, dass viele Deutsche sich daran erinnern, dass Willy Brandt das gesagt hat. Ich persönlich halte es für ein Sprichwort, aber noch finden Sie es in keinem Nachschlagewerk.

Und ein Sprichwort muss es ins Lexikon schaffen, ehe es als solches gilt?

Irgendjemand – Sie oder ich oder die Leute vom Duden-Verlag – muss eines Tages entscheiden: Ach, das ist ein Sprichwort! In Mannheim am Institut für Deutsche Sprache existiert eine riesengroße Datenbank von deutschen Texten, vor allen Dingen aus dem Zeitungswesen. Da kann ich nachschlagen: Steht denn dort "Kleine Schritte sind besser als keine Schritte" 50.000 Mal? Das hilft dabei, die Entscheidung zu treffen, ob etwas bekannt genug ist. Eine gewisse Subjektivität gehört dazu.

Der Weg eines satzwertigen Textes kann von einer Eintagsfliege zu einem "geflügelten Wort", bei dem wir den Autor noch kennen, verlaufen, und schließlich kann der Satz mit der Zeit zum anonymen Sprichwort werden. Ich gebe Ihnen ein schönes amerikanisches Beispiel: "Speak softly and carry a big stick." Wir wissen, dass Teddy Roosevelt es 1900 zum ersten Mal gesagt hat. Ein Sprichwort muss also nicht unbedingt anonym sein. Jedes Sprichwort hat einmal ein Individuum erfunden, irgendwann.

Wir haben über die Entstehung von Sprichwörtern gesprochen. Aber wie sterben sie wieder aus?

Teilweise sind das subjektive Entscheidungen. Man entschiedet sich mehr oder weniger bewusst, ein Sprichwort nicht mehr zu benutzen. Sprichwörter können aussterben, wenn das Bild, das im Sprichwort vorkommt, einfach nicht mehr in die Zeit passt. Wir sagen auf Deutsch: "Schuster bleib bei deinen Leisten." Ein deutscher Teenager hat noch kein Problem mit dem Wort Schuster. Aber ein deutscher Schüler hat Probleme mit dem Wort "Leisten". Im Englischen heißt es, "Cobbler stick to your last". Meine Studenten haben zwei Schwierigkeiten. Sie wissen zum größten Teil nicht, was ein "cobbler" ist, und sie wissen auf keinen Fall, was ein "last" ist. Das Sprichwort ist im Prinzip tot.

Symbolbild Interview

Presse und Politiker sprechen gleichermaßen gern in Sprichwörtern

Am Ende ist es wichtig, darauf hinzuweisen: Sprichwörter sind kein philosophisches System. Sie widersprechen sich. Sie sind genau wie unser Leben – manchmal glücklich, manchmal traurig. Hier sind zwei englische Beispiele: "Absence makes the heart grow fonder", und "Out of sight out of mind". Welches Sprichwort benutzen Sie, wenn Ihre Tochter Liebeskummer hat? Wir wählen immer das Sprichwort, das in die Situation passt.

Wolfgang Mieder, weltweit anerkannter Experte für Sprichwörter und Märchen, ist Professor für deutsche Sprache und Folklore an der University of Vermont in Burlington, Vermont (USA). Er hat zahlreiche Bücher zu deutschen und englischen Sprichwörtern veröffentlicht, unter anderem "A Dictionary of American Proverbs" (1992). Sein neuestes Buch "'Goldene Morgenstunde' und 'Früher Vogel'. Zu einem Sprichwörterpaar in Literatur, Medien und Karikaturen" (Wien: Praesens Verlag) erschien im Sommer 2015. Wolfgang Mieder wurde 2012 mit dem Europäischen Märchenpreis ausgezeichnet.

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