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Politik

No more Mister Nice Guy!

Der Druck auf die Bush-Regierung nimmt zu. Der Präsident wird in einem Interview vorgeführt und sein Außenminister lässt sich im Kongress provozieren. Die Bush-Männer zeigen Nerven.

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Tim Russert gilt als einer der hartnäckigsten Interviewer in Washington. Er ist Politik-Chef des Senders NBC und eine Institution als Moderator der politischen Talkshow "Meet the Press". Was hat die Medienberater von George Bush nur geritten, als sie den Präsidenten ausgerechnet Russert zum Interview am vergangenen Sonntag (8.2.2004) anboten – das fragen sich zum Beispiel Kolumnisten wie Robert Novak in der Zeitung "Washington Post". "Wie konnte er Russert gegenübertreten, ohne gut vorbereitete Antworten zu den Kriegsgründen und seiner eigenen Militärzeit?", fragte sich Novak weiter. Und tatsächlich hat sich Bush mit diesem Interview, das gedacht war als Gelegenheit, aktuelle Vorwürfe zu kontern, keinen Gefallen getan. Ganz abgesehen von seiner mangelnden Eloquenz, Bush ließ sich in dem Interview in seinem Büro, dem Oval Office, schlichtweg rhetorisch überwältigen.


Offensichtlicher Widerspruch


Ein Beispiel: Russert hatte den Präsidenten nach mehreren Nachfragen endlich so weit, dass er zugab, dass Irak vor dem Krieg offenbar keine Massenvernichtungswaffen hatte. Trotzdem bestand Bush darauf, dass der Krieg richtig war, "weil Saddam Hussein sich nicht entwaffnen lassen wollte." Dieser Widerspruch war so offensichtlich, dass Russert es nicht mehr für nötig hielt, darauf hinzuweisen. Bush war sichtlich nervös geworden. Er forderte am Ende des einstündigen Verhörs mehrfach den Fragesteller auf "Lassen Sie mich ausreden!". Und das, obwohl der immer höfliche Russert nur unerklärliche Denkpausen des Präsidenten nutzte, um Nachfragen zu stellen. Was blieb nach diesem Interview, war ein PR-Desaster erster Güte, und mehr offene Fragen als Antworten zum Irak-Krieg und der Frage, ob der junge Bush während des Vietnam-Krieges bei der Nationalgarde zeitweise "AWOL" war (Absent Without Leave), sich also unerlaubt von der Truppe entfernt hatte.

Drückeberger gegen Kriegsheld


Dieses Thema war im letzten Wahlkampf schon einmal hochgekommen, wurde aber wieder beiseite gelegt aus Mangel an Beweisen. Doch diesmal könnte sich der Vorwurf länger halten und intensiver untersucht werden, denn Bushs wahrscheinlicher Herausforderer bei der Wahl im November, Senator John F. Kerry, hatte im Vietnam-Krieg an vorderster Front gedient und gilt in Amerika als Kriegsheld. Dass der Drückeberger-Vorwurf gegen den Präsidenten ein willkommenes Thema für die Demokraten ist, das musste nun auch Außenminister Colin Powell erfahren. Als der während einer Anhörung auf der Abgeordneten auf dem Capitol Hill von dem demokratischen Abgeordneten Sherrod Brown auf diesen Vorwurf angesprochen wurde, antwortete der sonst so coole Powell ungewohnt schnippisch: "Ich werde Ihren Kommentar über den Präsidenten nicht mit einer Antwort würdigen, denn Sie wissen offensichtlich nicht, wovon Sie reden! Das Thema gehört hier nicht hin!"

Aussetzer und Ausfälle


Schon kurz zuvor hatte Powell Nerven gezeigt, als er über die Gründe für den Kriegsgang gegen den Irak aussagte. Mitten im Satz brach Powell plötzlich ab, um einen jungen Capitol-Angestellten zu maßregeln, der zu Powells Ausführungen den Kopf geschüttelt hatte. "Schütteln Sie Ihren Kopf dahinten wegen irgendwas, junger Mann?", hatte Powell ganz autoritär gefragt. Auf die Bemerkung des Abgeordneten Brown, dass er noch nie einen Zeugen erlebt habe, der einen Angestellten während einer Fragestunde rügt, antwortete Powell sichtlich aufgebracht: "Und ich habe selten erlebt, dass Leute meine Gespräche mit Kongressabgeordneten mit Kopfschütteln kommentieren." Die Aussetzer und Ausfälle innerhalb der Regierung häuften sich auffallend nach einer Woche, in der die Zustimmungsraten für Präsident Bushs Regierungsführung ihren historischen Tiefststand erreicht haben: 49 Prozent.