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Aktuell Europa

Nizza trauert weiter um die Opfer des Anschlags auf der Strandpromenade

Die Polizei sucht mögliche Komplizen des LKW-Attentäters. Trauernde diskutieren auf der Promenade, dem Tatort. Was hat der Islam mit dem Anschlag zu tun? Bernd Riegert aus Nizza.

"Unendlicher Schmerz". So hat die lokale Zeitung "Nice Matin" ihre Titelseite überschrieben. Das passt, denn auch am dritten Tag nach dem Attentat in Nizza strömen Tausende Menschen auf die "Promenade des Anglais", die vierspurige Strandpromenade, auf der am Donnerstag der Attentäter mit seinem weißen LKW 84 Menschen umbrachte und 207 verletzte. Auf dem Teer sind deutlich dunkle Flecken zu sehen, Überreste vom Blut der überfahrenen Opfer. Über mehrere hundert Meter zieht sich diese Spur des Todes.

Ein Jugendlicher bricht an einem dieser Flecken zusammen (Artikelbild). Er weint, legt sich flach auf den Asphalt. Andere Passanten versuchen ihn zu trösten. Eine Freundin nimmt ihn in den Arm, legt eine Blume nieder. Der junge Mann hat am Nationalfeiertag an dieser Stelle einen Freund verloren. Die herzzerreißende Trauer findet in einer surrealen Szenerie statt. Neben den Weinenden schlendern halbnackt Badegäste mit Handtuch über der Schulter vorbei. Jogger, Fahrradfahrer, dann wieder Familien mit dunklen Sonnenbrillen. Eine Gruppe von Musliminnen mit weißen Kopftüchern und Schleiern - und natürlich sehr viele Fotografen und Kamerateams. Die Cafés an der Promenade haben wieder geöffnet und auch die Strände. Es ist Hochsaison. Zwischen Cafés und Strand liegt der "Todesstreifen". Am Montag nach einer nationalen Schweigeminute am Mittag soll die Fahrbahn wieder für den Autoverkehr geöffnet werden.

Nizza: Trauer nach der Amokfahrt (Foto: DW/B. Riegert)

Geschockter Augenzeuge: Amine Bhidsa hat die Tat nur knapp überlebt

Liebe, nicht Hass für alle

"Ich habe mit meiner Familie das Attentat nur knapp überlebt", erzählt Amine Bhidsa mit leiser Stimme der DW an der Stelle, an dem Polizisten den Terror-LKW zum Stehen brachten. Der Franzose aus Nizza hält seine drei Jahre alte Tochter auf dem Arm. "Wir haben alle gesehen, wie ein anderes Kind überfahren wurde", sagt Bhidsa. Tränen schießen ihm in die Augen. "Es war so schrecklich."

Nizza: Trauer nach Amokfahrt (Foto: DW/B. Riegert)

Solidarität mit den Opfern: Zwei Muslime werben für Liebe statt Hass

Der Mann gehört zur muslimischen Glaubensgemeinschaft der "Ahmadiyya". Der Terror habe nichts mit dem Islam zu tun, das sei eine völlig falsche Auslegung. Zusammen mit Glaubensbrüdern hat er ein Bettlaken bemalt, das sie an der Gedenkstätte auf der Promenade ablegen. "Liebe für alle, Hass für niemanden" steht auf dem Laken in Französisch und Arabisch. Eine Besucherin aus den Niederlanden mischt sich in das Gespräch ein. "Die Muslime müssten sich viel deutlicher öffentlich von solchen Terrortaten distanzieren", meint sie. "Das tun wir ja, aber die Medien berichten kaum", gibt Bhidsa zurück. Ein älterer Franzose wirft ein, dass das Problem im Grunde die Einwanderung sei. "Wir haben viel zu viele Tunesier hier", sagt der grauhaarige Mann. Der Attentäter Mohamed Lahouaiej-Bouhlel war Tunesier mit langfristiger Aufenthaltsgenehmigung.

Nizza: Trauer nach Amokfahrt (Foto: DW/B. Riegert)

"Todesstreifen" zwischen Strand und Hotels: Blumen an den Flecken auf dem Asphalt

Hatte der Attentäter Komplizen?

Während die Menschen auf der Promenade diskutieren und trauern, versucht die Staatsanwaltschaft in Nizza die Frage zu klären, ob der Attentäter Einzeltäter war und welche Motive er hatte. Ein Paar aus Albanien wurde am Sonntag festgenommen. Eine SMS-Kurznachricht des Täters an die beiden lässt darauf schließen, dass sie ihm Waffen besorgen sollten. Das berichten französische Medien unter Berufung auf Polizeiquellen. Andere Kurznachrichten legen den Schluss nahe, dass der Täter weitere Helfer gehabt haben könnte. Vier weitere Männer bleiben als Verdächtige in Gewahrsam. Die Polizei hat mittlerweile auch mehr als 100 Personen aus der Nachbarschaft vernommen. Einige wollen nun doch Anzeichen von Religiosität bei dem Attentäter beobachtet haben. Gestern noch hatten direkte Nachbarn der Deutschen Welle erzählt, der Täter sei nicht sehr gläubig gewesen, habe im Ramadan tagsüber Alkohol getrunken und seiner Freundin ungeniert an den Hintern gefasst. Der französische Premierminister Manuel Valls sagte in einem Interview, der "Islamische Staat" habe dem Täter offenbar eine Art ideologischen Rahmen für seine Tat geliefert. Ob er wirklich ein "Soldat" war, wie der "IS" behauptet, könne noch nicht gesagt werden.

Nizza: Blumen für die Opfer (Foto: DW/B. Riegert)

Weiße Rosen: Viele Menschen aus Nizza besuchen Sonntag die Gedenkpunkte

"Das war ein Wahnsinniger"

Die muslimischen Gemeinden in Nizza haben neben dem Pasteur-Krankenhaus eine kleine Krisen-Beratung für Familien eingerichtet. Unter den Opfern waren viele verschiedene Nationalitäten und Religionen vertreten. Erst 35 der 84 Toten konnten zweifelsfrei identifiziert werden. Ein Imam sagte dem französischen Sender BFMTV vor dem Krankenhaus, der Kampf gegen Terror sei nicht nur eine Aufgabe für die Muslime, sondern das gehe jeden Franzosen an. "Der IS macht bei seinen Morden keinen Unterschied zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen." Das sollten wir auch nicht tun beim Kampf gegen ihn, so der Imam Boubekeur Bekri von der Muslimischen Vereinigung "Provence-Alpes". Nadia Guechi, eine Zahnärztin aus Algerien, die seit 16 Jahren in Nizza lebt, besteht gegenüber der DW darauf, dass das Attentat nichts mit Religion zu tun habe. "Frankreich ist die Summe aller, die hier zusammen leben. Wir müssen zusammenhalten. Schuld ist nur dieser Wahnsinnige. Das sind kranke Menschen, unglückliche Menschen. Man darf doch Kindern nicht weh tun, man darf doch Kinder nicht töten. Das ist nicht die Schuld der Politik!", sagte Nadia Guechi.

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