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Musik

Nina Hagen: "Ich möchte Frieden"

Deutschlands schrillste Sängerin beschwört auf ihrem Album "Volksbeat" Friede und Macht dem Volk. Songwriter, die für Bürgerrechte kämpfen, bekommen von der Rocklady ebenso ihren Segen wie Anti-Establishment-Ikonen.

Die Sängerin Nina Hagen stellt am Mittwoch (02.11.2011) in Berlin ihr neues Album vor. Das Album mit dem Titel Volksbeat soll ab dem 11.11.2011 erhältlich sein. Foto: Britta Pedersen

Nina Hagen stellt ihr neues Album vor

Seit fast vier Jahrzehnten setzt die mittlerweile 55-jährige Nina Hagen immer wieder Maßstäbe in der zeitgenössischen deutschen Musik. Sie ist bekannt für ihr schräges Outfit, das launenhafte Benehmen einer Operndiva und ihr unglaubliches Talent. Geboren und aufgewachsen ist sie in der ehemaligen DDR, und man hat ihr schon unzählige Beinamen von "Punk-Ikone" bis "Mutter des Unkonventionellen" verpasst. Nina Hagen ist auch eine bekennende Friedensaktivistin. Sie hat sich dem Hinduismus zugewandt und macht keinen Hehl aus ihrer Vorliebe für jüngere Männer. Mittlerweile hat sie die wahre Liebe gefunden und genießt das Familienleben. Das mag die schrille Diva ein wenig gezähmt haben - aber eben nur ein wenig.

Immerhin behauptet sie, im Alter von 17 Jahren nach einem LSD-Trip Gottes Anlitz gesehen zu haben. 2009 ließ sie sich evangelisch taufen. 2010 veröffentlichte sie ihre Memoiren, und 2011 erschien ihr aktuelles Album "Volksbeat" mit Coverversionen von Bob Dylan, Wolf Biermann und Curtis Mayfield. Im folgenden Interview spricht die eigenwillige Popsängerin über Musik, Politik, das Leben und ihre Zukunftspläne.

Warum hast Du das neue Album "Volksbeat" genannt?

Na ja, weil der Herzschlag eines Volkes, der Rhythmus eines Volkes seine Lieder sind. Und es gab immer viele Propagandisten, die gesagt haben: 'Jaaaa, Adolf Hitler hat auch das Wort Volk immer benutzt' und so. Aber wir sind das Volk. Es ist egal, welcher Psychopath das Wort 'Volk’ für seine miesen Zwecke missbraucht hat. We are the people – das kann man bei Patti Smith nachlesen. Power to the people – John Lennon. Wir sind das Volk, basta. Und zwar sind wir das Volk eines guten Geistes, das Volk der Liebe, das Volk des Friedens und der Freiheit. Und das müssen wir uns jetzt halt wieder erkämpfen und zwar mit der einzigen Waffe, die auch wirklich was taugt: mit unserer Liebe.

Wie kommt es, dass das Album sehr stark von der Musik der 1970er Jahre inspiriert ist?

Nina demonstriert gegen Atomkraft (AP Photo/Maya Hitij)

Nina demonstriert gegen Atomkraft

Diese ganzen Protestsongs aus der Vergangenheit haben nichts an Aktualität verloren. Der süße Moderator von der Fernsehsendung, wo ich gerade zu Gast war, hat gesagt, ich predige auf meiner Platte. Na, wenn das predigen sein soll, dann bin ich ja stolz. Dann hört dieser junge Mensch vielleicht zum ersten Mal eine anständige Predigt, denn ich finde, die Jugend tapst noch ein bisschen im Dunkeln rum. Die jungen Leute, die ich so treffe, sind sehr abgelenkt, sie haben soviel Spielzeug, und denen geht’s so gut beziehungsweise schlecht. Aber sie gucken nicht über den Tellerrand hinaus. Sie machen sich nicht, wie ich zum Beispiel, Sorgen über diese ganzen Spannungen im Mittleren Osten.

Ich bin halt seit meiner Kindheit ein antifaschistisch und politisch geprägter Mensch. Mein Papa war ja ein Antifaschist und ein Überlebender des Zweiten Weltkriegs, der - anders als mein Großvater -Nazifolter und Diktatur überlebt hat. Und ich bin Tochter einer tollen Mutter, die seit meiner frühesten Kindheit schon immer auf ihrer Gitarre geschrammelt und ein Lied nach dem anderen gesungen hat: Das sind meine Leute. Sie haben mich in dieser Welt gebracht. Von denen habe ich auch meinen Grundstock an Wissen, an Berufsausbildung sozusagen bekommen. Deswegen gibt’s bei mir immer "Volksbeat", auch wenn’s anders heißt.

Was ist deine Botschaft?

Ich will Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ich möchte Frieden, nichts als Frieden – und dass die Liebe wachsen soll und dass es keine Angst mehr gibt. Genau das, was in dem Brecht-Song geschrieben steht, in den "Bitten der Kinder". Das ist ja auch ein Gebet, ein Gebet der Kinder. Das ist der erste Song auf "Volksbeat". In dem Sinne ist das eine Kampfansage und auch ein Aufschrei, ein Gebet um Entrüstung – sowohl militärisch als auch menschlich gesehen - dass wir uns für Menschenrechte einsetzen.

Vor zwei indischen Elefanten singt die Musikerin Nina Hagen ein indisches Lied auf dem Pariser Platz in Berlin (AP Photo/Markus Schreiber)

Nina gibt sich indisch

Jede gute Bürgerrechtsbewegung, auch damals in der DDR, hat durch ihre Lieder eine besondere Stärke bekommen. Die Bürgerrechtsbewegung in der DDR ist einmalig in der Menschheitsgeschichte, weil die Menschen so dermaßen solidarisch waren. Sie haben sich in den Kirchenhäusern versammelt und die Kirchen endlich mal zu dem umfunktioniert, was sie eigentlich sein sollen – nämlich Zufluchtsorte für Menschen, egal welcher Glaubensgemeinschaft sie angehören. Dort haben sie sich vereint und sind jeden Montag zu den total friedlichen Montagsdemos aufgebrochen. Am Ende haben sie es durch diese friedliche Spannung geschafft, dass die Verhandlungen zu Volkes Gunsten ausfielen.

Du hast Songs von verschiedenen Leuten gecovert, von Wolf Biermann, Bob Dylan und Curtis Mayfield, um nur einige zu nennen. Haben sie dich entscheidend geprägt?

Das sind alles meine Brüder, die mit mir in den Himmel gehen sollen. Ich will sie alle an die Hand nehmen. Es gibt Abertausende mehr, aber das sind halt die, die für diese Platte zusammengekommen sind. Wenn Du meine Konzerte in den letzten Jahren und Jahrzehnten anschaust, würdest Du wissen, dass ich diese ganzen Lieder schon lange live vor Publikum gesungen habe. Auch Lieder von Fontane: "Das Trauerspiel von Afghanistan" zum Beispiel und andere tolle Lieder, von Brecht "Im Gefängnis zu singen" und von Biermann "Soldat, Soldat". Es passt nicht alles auf so eine kleine CD drauf. Aber wir wollten auf dem Album zeigen, dass die Hauptsache ist, sich selbst treu zu bleiben, seiner Liebe treu zu bleiben und dass man sich nichts klauen lässt, schon gar nicht die Freiheit, Musik zu machen.

Dein Glaube scheint dir sehr wichtig zu sein…

Rockröhre Nina (AP Photo/Valerie Chatelat)

Rockröhre Nina

Mein Herz schlägt für alle Folteropfer dieser Welt, für alle Menschen, die flüchten, für die Babys, die in Afrika auf die Welt kommen und von Malaria-Mücken bedroht werden und so weiter. Ich fühle mich als vollständiges Mitglied der Menschheit. Ich als alte Mutter, als hoffentlich zukünftige Großmutter und als deutsche Dichterin, Denkerin, Songschreiberin und Sängerin mache mir natürlich Riesengedanken, noch so viele Menschen wie nur möglich zu erreichen mit meiner Musik und mit meiner tollen Botschaft: Egal, ob Du an ein ewiges Leben glaubst oder nicht, es ist unsere Pflicht als Menschen, dafür zu sorgen, dass die zivilisatorischen und ethischen Grundsätze eingehalten werden, und da können wir uns alle stark machen.

Was hat es mit dem Song "Soma Koma" auf sich, das von den Werken Orwells und Huxleys inspiriert wurde?

Die Bücher von Huxley und Orwell sind schreckliche Visionen einer Menschheit, wo es eine Sklavenrasse gibt und verschiedene Gammatypen, die ganz lustig sind und mit guter Laune immer die Drecksarbeit machen. Alles ist kontrolliert, alle haben Chips, alle sind genetisch manipuliert, und in so ein Horrorszenarium wachsen wir gerade rein, wenn wir uns nicht endlich im Internet informieren und uns zusammentun.

Du hast auch eine Biografie geschrieben. War das für dich wichtig, um mit bestimmten Kapiteln deines Leben abzuschließen?

Das ist ein ganz wunderbares Leben, was ich bis jetzt leben durfte, und in dem Sinne musste ich das Buch schreiben. Es gibt so viele Idioten, die über Nina Hagen nichts Besseres zu schreiben wissen als dass ich eine schrille Skandalnudel sei. Was ist denn das bitteschön für eine Berufsbezeichnung? Wenn ich als Mann auf die Welt gekommen wäre und Eier statt Eierstöcke hätte, dann hätten sie mich wohl mit ein bisschen mehr Respekt behandelt. Wenn ich zum Beispiel Nino Grönemeyer heißen würde, würde niemand es wagen, sich für einen kreativen männlichen Musiker solche doofen Bezeichnungen und Schimpfnamen auszudenken wie für mich. Das ist schon interessant.

Du hattest ein Nahtod-Erlebnis mit 17 Jahren, wie war das damals?

Nina Hagen (Foto:DW-TV)

Talkshow-Gast Nina

Lies mein Buch. Man kann so eine persönliche Nahtod-Erfahrung nur sehr, sehr schwer zwischen Tür und Angel erzählen. Es ist viel zu wichtig, ein unsagbar wertvolles Erlebnis. Ich bin während diesem Erlebnis richtig gestorben und habe loslassen können. Ich bin im Himmel gewesen. Ich habe Gott ins Angesicht geschaut. Ich habe Gottes Liebe zu mir erkannt und bin durch dieses Erlebnis so beschenkt worden. Ich habe dann auch lange gebettelt, dass ich da bleiben darf, dass ich nie wieder hierher zurückgeschickt werde. Aber mir wurde genau erklärt, warum es so wichtig ist, dass wir alle hier sind, dass es uns gibt und dass wir aushalten bis zum Ende, bis wir einen natürlichen Tod sterben werden.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus? Wird es demnächst eine Tour geben?

Im März geht es los, da machen wir eine wunderschöne Deutschlandtour und auch ein paar Gigs in Frankreich und so weiter. Wir sind natürlich nicht faul. Ich bin längst schon wieder im Studio. An ganz tollen Sachen arbeite ich mit meiner Mutter, meiner Tochter, meinem Sohn und seinen Freunden. Wir machen eine ganz geile Musik mit der ganzen Familie. Es wird schöne Tanzmusik werden, und es macht einen Riesenspaß.

Das Interview führte Marc Mühlenbrock
Redaktion: Suzanne Cords

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