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Europa

Nikolaidis: Christliche Kirchen setzen Zeichen

Der gemeinsame Besuch des Papstes und des Oberhauptes der griechisch-orthodoxen Kirche auf Lesbos zeige das Interesse der Kirchen an humanitären Belangen, sagt der Theologe Apostolos Nikolaidis.

Deutsche Welle: Was erhoffen sich die Orthodoxie und Sie persönlich von dem symbolträchtigen Besuch des Papstes auf Lesbos an diesem Samstag?

Apostolos Nikolaidis: In Zeiten eines immer höheren Ansehens des Papstes und der außergewöhnlichen Persönlichkeit von Franziskus, den man ja als "Papst der Armen" bezeichnet, setzt der gemeinsame Besuch des Papstes, des Ökumenischen Patriarchen sowie des Erzbischofs von Athen auf Lesbos ein Zeichen für das Interesse der Kirche an humanitären Belangen. Ein derartiges Interesse ist dem Empfinden vieler nach der Natur und Mission der orthodoxen Kirche womöglich eher fremd. Tatsächlich sind humanitäre Belange aber eng mit der orthodoxen Spiritualität verbunden. Denn die beschränkt sich ja nicht nur auf die geistlichen Bedürfnisse der Gläubigen, sondern auch auf die Probleme der äußeren Welt.

Der Besuch des Papstes ist natürlich auch ein Zeichen in Zeiten der Flüchtlingskrise.

Natürlich. Das Hauptanliegen ist es, die Weltöffentlichkeit zu sensibilisieren, so dass lokale und globale Potentaten sich aufgefordert fühlen, von ihrer zerstörerischen Politik - sie ist ja die eigentliche Ursache des Flüchtlingsproblems - abzulassen. Außerdem soll die Reise den Flüchtlingen das Gefühl vermitteln, dass sie mit ihrer schmerzhaften Erfahrung nicht allein gelassen werden. Diese Erfahrung hat ihren Ursprung in der mindestens distanzierten Haltung einiger europäischer Politiker. Die Flüchtlinge sollen wissen, dass sie zumindest die christlichen Kirchen an ihrer Seite haben“.

Das gemeinsame Auftreten drei hoher christlicher Würdenträger auf Lesbos gibt dem Besuch eine ökumenische Bedeutung. Trägt dies auch dazu bei, dass die Stimme der christlichen Kirchen in der Welt deutlicher vernommen wird?

Apostolos Nikolaidis (Foto: DW)

Apostolos Nikolaidis

Selbstverständlich gehört auch das zum Anliegen des Treffens. Die Stimme der christlichen Kirchen wäre aber wahrscheinlich noch deutlicher zu vernehmen, wenn auch die Evangelische Kirche vertreten wäre. Die Anwesenheit der drei Kirchenmänner lässt zwei Lesarten zu. Die eine sieht den gemeinsamen Besuch der Kirchenoberhäupter als Sinnbild für die Spaltung der christlichen Welt, die das Wort Gottes für Einheit und Frieden in der Welt schwächt. Die andere Lesart sieht den gemeinsamen Besuch als Chance, die dogmatische Uneinigkeit zu überwinden und Bereitschaft zur Zusammenarbeit im Rahmen der Prinzipien einer "ökumenischen Sozialethik" zu demonstrieren. Entsprechende Themen liegen auf der Hand: die Wiederherstellung der Menschenwürde, die Flüchtlingskrise, Verteilungsungerechtigkeit, religiöse Freiheit, Umweltschutz und andere.

Irgendwie vermisst man aber in der ganzen Flüchtlingsdebatte die Stimme der islamischen Geistlichkeit?

Es wäre wünschenswert, wenn auch andere Religionen Teil dieser Zusammenarbeit wären - insbesondere diejenigen, in deren Zentren sich die globalen Herausforderungen entwickeln. Und genau hier liegt die Notwendigkeit eines interreligiösen Dialogs. Ich möchte aber hinzufügen, dass der gemeinsame Besuch der Kirchenmänner auch als Zeichen der Solidarität mit den leidenden christlichen Minderheiten im Nahen Osten zu verstehen ist. Diese Minderheiten werden tagtäglich Opfer von Fanatismus, Intoleranz und religiöser Säuberungen.

Im Gegensatz zur orthodoxen Kirche Griechenlands hält zum Beispiel die bulgarisch orthodoxe Kirche die Flüchtlingswelle für eine "Invasion". Welche ist letztendlich die Haltung der Orthodoxie gegenüber den Flüchtlingen, die ja mehrheitlich Muslime sind?

Es hat Zeiten gegeben, in denen die orthodoxe Kirche in enger Kooperation mit der politischen Macht sogar bewaffnet Widerstand gegen die "Invasion" anderer Religionen geleistet hat. So etwa während der Belagerung Konstantinopels durch die Awaren im Frühmittelalter. Die Kirche hatte aber nie Angst vor sogenannten Andersgläubigen.

Heute jedoch haben wir es nicht mit einer derartigen "Invasion" zu tun, sondern mit einer erzwungenen Völkerwanderung aufgrund bewaffneter Konflikte, die ein Verbleib in der Heimat unmöglich machen. Dies ist keine "Invasion", die Widerstand erfordert, sondern eine humanitäre Krise, die unsere Aufmerksamkeit verlangt. Die orthodoxe Kirche hat keine andere Wahl, als den Flüchtlingen mit Liebe und in Solidarität beizustehen. Und das leistet die Kirche - sowohl als Institution, indem sie Suppenküchen oder andere gemeinnützige Aktivitäten organisiert, als auch durch das Engagement ihrer Kirchenmitglieder (wie etwa die Seniorinnen oder andere Bewohner auf Lesbos, die sich um Flüchtlinge kümmern). Aus religiöser Sicht ist der Flüchtling, unabhängig von Religion oder ethnischen Zugehörigkeit, ein Sinnbild von Jesus. Wer also einen Flüchtling ignoriert oder verachtet, ignoriert demzufolge Jesus selber. Jedes andere Verhalten wendet sich gegen die Kirche, den christlichen Glauben und letztendlich gegen die Orthodoxie. Der orthodoxen christlichen Moral ist Rassismus, Intoleranz und Ausgrenzung absolut fremd.

Apostolos Nikolaidis ist Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Athen.

Das Gespräch führte Spiros Moskovou.

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