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Musik

Nike Wagner: "Das Motto 2015 heißt 'Veränderungen'"

Nike Wagner hat ihr erstes Jahr als Intendantin des Beethovenfestes Bonn hinter sich gebracht. Ihren eigenen Stil kann sie aber erst 2015 richtig einbringen. Im Interview spricht sie über Konzept und Motivation.

DW: Sie sprühen nur so vor eigenen Ideen. Die meisten Dinge beim Beethovenfest 2014 wurden aber noch von ihrer Vorgängerin festgelegt, Ihren persönlichen Stempel konnten sie dem Festival noch nicht aufdrücken. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Nike Wagner: Es war interessant für mich, ein anderes Festival-System zu erleben, ich wurde erst mal mitgerissen. Natürlich sind Festivals immer ähnlich aufgebaut, aber das Beethovenfest ist größer und viel ausdifferenzierter als das kleine Kunstfest Weimar, das ich vorher geleitet habe. Ich musste mich zum Beispiel erst einmal an bestimmte Rituale gewöhnen - zum Beispiel an die Begrüßungsrituale, die vielen Treffen und gemeinsamen Drinks mit den Sponsoren, Ehrengästen und Reisegruppen. Vermittlung und Werbung stehen hier im Vordergrund. Aber das war durchaus auch spannend und erfreulich.

Das Beethovenfest Bonn bietet mittlerweile vor allem einen Querschnitt durch die Welt der klassischen Musik. Soll es das tun?

Yannick Nézet-Séguin

Der Franco-Kanadier Yannick Nézet-Séguin zieht alle in sein Bann

Es sollte mehr als einen Querschnitt bieten. Das Beethovenfest braucht ein durchdachtes Programm. Gerade weil Beethoven auf der ganzen Welt gespielt wird, müssen wir darüber nachdenken, wie wir ihn besonders hervorheben und ehren können. Sorgfalt also bei der Programmation seiner Werke üben, sie müssen in Beziehung zu Werken aus anderen Epochen gesetzt werden. Das kann zum musikalischen Umfeld seiner Zeit sein oder zu der Zeit danach bis in die Gegenwart. Beziehungen sollten hörbar werden, und das ist ja nicht schwer bei Beethoven - sogar zeitgenössische Komponisten paraphrasieren ihn manchmal noch. Schön ist es auch, einen "anderen" Beethoven-Klang zu bieten, das heißt, seine Musik auf den Instrumenten seiner Zeit zu spielen. Ein Hammerklavier ist kein Steinway; es macht Spaß, dem (fast) authentischen Beethoven-Sound zu lauschen.

Der Pianist Leif Ove Andsnes kombinierte beim Festival Beethovens Musik mit Stravinsky und ein bisschen Schönberg…

Konfrontationen von "alt" und "modern" sind prinzipiell gut. Aber sagen Sie mir: Was hat Stravinsky mit Beethoven zu tun? Diese Komponisten liegen musikgeschichtlich und ideell sehr weit auseinander. Der neoklassische Stravinsky hat rein gar nichts mit Beethoven gemein, das hat mich irritiert. Schönberg dagegen erteilte immerhin Kompositionsunterricht auf der Basis von Beethoven.

Bei einigen Konzerten tut sich das Publikum schwer, eine Verbindung zu Beethoven zu finden. Wollen Sie diesen Zusammenhang klarer in den Vordergrund stellen?

Auf jeden Fall. Und das ist auch nicht schwer, weil die ganze Sinfoniegeschichte des 19. Jahrhunderts Bezug auf Beethovens Werk nimmt. Nicht nur der Beethoven-Verehrer Berlioz müsste viel mehr gespielt werden!

Sagen die Dirigenten Andris Nelsons und Yannick Nézet-Séguin aus Ihrer Sicht etwas über sie die zeitgenössische Klassikszene aus, trotz ihrer ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten?

Ich bin eine große Verehrerin von Andris Nelsons und Yannick Nézet-Séguin! Sie stammen aus der gleichen Generation, sprühen vor Energie und bringen frischen Wind. Sie haben auch keine Starallüren, im Gegenteil: Ihr Zugang zur Musik ist eher existenziell. Andris Nelsons an der Spitze des City of Birmingham Symphony Orchestra zu hören, das er seit sieben Jahren leitet, war besonders aufregend. Dirigent und Musiker sind so hervorragend aufeinander abgestimmt, dass Nelsons seine Körpersprache und seine Crescendo-Energien voll ausleben konnte.

Yaara Tal und Andreas Groethuysen

Mit von der Partie im Jahr 2015: Das Klavierduo Tal/Groethuysen

Yannick Nézet-Séguin habe ich in diesem Jahr nur mit der 6. Sinfonie von Mahler gehört, das war großartig. Der heterogene Charakter des Stückes und Mahlers Eigenart wurden überzeugend herausgearbeitet. Da war kein romantischer, schwerer Mahler zu hören, sondern ein transparenter und doch klangstarker Komponist.

Glauben Sie, dass die Stadt Bonn ihr Potential als "Geburtsstadt Beethovens" voll ausnutzt?

Sie fängt zumindest damit an. Das hätte sie freilich schon ab 1845 tun können. Da kam der Star der internationalen Musikszene hier vorbei, Franz Liszt - und hat die Bonner geradezu gezwungen, den 75. Geburtstag ihres "großen Sohnes" ordentlich zu feiern. Er finanzierte ihnen ihr Beethoven-Denkmal und ließ in größter Geschwindigkeit eine erste Beethovenhalle errichten - aus Holz. Nach den Feier-Konzerten musste sie gleich wieder vernichtet werden, weil zu feuergefährlich. Im Laufe der Jahrzehnte wurde Beethoven von der Stadt dann eher vernachlässigt. Und nach dem 2. Weltkrieg war "Bonn" ein politischer Begriff, eine politische Stadt. Seitdem die Regierung nun zum großen Teil nach Berlin abgewandert ist, muss Bonn sich neu definieren. Und so wurde Beethoven als "kulturelle Marke" mit einem hervorragenden Ruf entdeckt, und rund um den Komponisten hat ein Vermarktungsprozess eingesetzt, der sich in den nächsten Jahren noch steigern wird.

Können Sie uns einen kleinen Ausblick darauf geben, was das Publikum im nächsten Jahr erwarten wird?

Ivan Fischer

Auch Ivan Fischer bringt "Veränderungen" zum Beethovenfest

Bevor wir aufs Programm eingehen, sollte man Folgendes wissen: Deutschland gilt zwar als "Kulturnation", aber es ist kaum mehr möglich, ein Klassik-Festival selbstbestimmt zu gestalten. Die öffentlichen Gelder dafür werden immer knapper und das kommerzielle amerikanische Kulturfördersystem gewinnt an Boden. Sponsorengelder sind grundsätzlich unsicher und widerrufbar. Die Veranstalter brauchen aber lange Vorlaufzeiten, um kostbare "Stars" zu engagieren. Da hakt es also. Gleichzeitig müssen Klassik-Festivals heute zusätzliche Anforderungen erfüllen - die musikalische Jugend-Erziehung beispielsweise.

Doch Augen zu und durch....

Im nächsten Jahr heißt das Motto "Veränderungen" - angelehnt an Beethovens "Diabelli Variationen". Es wird ein großes "Diabelli-Projekt" geben. Dabei hören wir endlich auch einmal die "Diabelli-Variationen“ aller anderen Komponisten, die damals, wie Beethoven auch, den Auftrag angenommen haben, Schubert zum Beispiel, Franz Liszt, der Erzherzog Rudolph. "Veränderungen" bedeutet: Variationen. Fast alle Orchester, die ich eingeladen habe, spielen Orchester-Variationen; sogar die Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim hat ein "Variationen"-Werk fürs Eröffnungskonzert parat. Auch das Budapest Festival Orchestra unter Leitung von Ivan Fischer wird Werke mit Variationen in sein Programm "einbauen". Diesen roten Faden wird man auch bei der Kammermusik entdecken: Das wunderbare Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen kommt mit einem tollen Variationen-Programm, und auch die Cellistin Sol Gabetta nimmt Variationen in ihr Programm - von Beethoven.

Flash-Galerie Bayreuth: eine Familiengeschichte

Festivalleiter damals und heute: Franz Liszt und seine Ur-Urenkelin Nike Wagner

Darüber hinaus werde ich zeitgenössischen Tanz als Kunstsparte ins Beethovenfest nehmen. Um die Bonner nicht zu befremden, habe ich Projekte ausgewählt, die auf klassischer Musik basieren - wiederum mit Variationen: Bachs "Goldberg-Variationen" oder auch Variationen mit Werken von Beethoven. Verändert wird auch unser "Campus-Projekt" in Zusammenarbeit mit der Deutschen Welle. Diesmal kommt nicht ein volles ausländisches Jugendorchester angereist, sondern wir laden eine chinesische Komponistin ein, hier in Bonn zu leben und ein neues Werk zu schreiben. Aufgeführt wird dieses vom Bundesjugendorchester.

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