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Beethovenfest

Nike Wagner: "Beim nächsten Beethovenfest geht es um die Liebe"

Nach einer erfolgreichen Saison mit dem Motto "Revolutionen" stattet Nike Wagner ihr Festival 2017 mit einem sanfteren Thema aus. Die Beethovenfest-Intendantin blickt im DW-Gespräch zurück - und nach vorne.

Deutsche Welle: Wie fühlen Sie sich jetzt, zum Schluss des diesjährigen Festivals?

Nike Wagner: Sportlich und vergnügt zugleich. Jeden Abend Veranstaltung, vier Wochen lang, dazu tausend repräsentative Verpflichtungen!

Ist das Festivalmotto "Revolutionen" aufgegangen?

Anfangs hatte ich Sorge, in diesem eher konservativen Raum ein solch kratzbürstiges Motto zu präsentieren, war dann aber erstaunt, wie bereit das Publikum war, auch unbekanntere Werke aufzunehmen. Prokofjews große Orchesterkantate zum 20. Jahrestag der Russischen Revolution war zum Beispiel ein überwältigender Erfolg. Aber auch Méhuls Messe zur Krönung von Napoleon. Das Motto hat insgesamt ganz prächtig funktioniert und darüber freue ich mich.

Gibt es etwas, worauf Sie in diesem Jahr besonders stolz sind?

Wir hatten unter Anleitung des Musikwissenschaftlers und Pianisten Siegfried Mauser einen "Tag der Bagatelle" inszeniert. In einer Mischung von Klaviermusik und Analyse wurde das Genre beleuchtet, bis hin zu Werken unserer Zeit. Dabei konnte man erleben, dass diese Stücke alles andere als "Kleinigkeiten" sind - und jedermann konnte verstehen, warum Beethoven einfach besser ist als viele andere! Und dann habe ich für drei Tage eine Klanginstallation, genannt "Pianodrom", im Innenhof des Poppelsdorfer Schlosses errichten lassen. In einem durchsichtigen, spitzen Kegel stand ein Flügel mit einem einsamen Pianisten. Drum herum flanierte das Publikum oder bettete sich auf Kissen. Die veränderte optische Situation ergab ein anderes Hören - und ein lockeres soziales Miteinander. Das war mein Lieblingsobjekt und hatte auch großen Erfolg beim Publikum.

Dmitri Liss und das Ural Philharmonic Orchestra (Barabar Frohmann/Beethovenfest)

Dmitri Liss und das Ural Philharmonic Orchestra brachten eine fulminante Darbietung der Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution, die Prokofjews aus dem Anlass schrieb

Dem Thema "Revolutionen" kann man entweder offensiv oder subtil nachgehen - angefangen mit Beethoven selbst, dessen Biografie ja auch einen Prozess der persönlichen Befreiung darstellt…

Beethoven war und blieb ein revolutionärer Geist. Das lässt sich an seiner Musik ablesen. Er lädt traditionelle musikalische Formen mit neuer Energie auf und treibt fast jede Gattung an ihre Grenzen. Wenn man diese progressive Grundeinstellung auf sein politisches Denken überträgt, taucht ein ähnliches Muster auf. Immer blieb er engagiert für die Ideen von Freiheit und Menschenrechten. Das sind Begriffe, die überall verstanden werden und nie veralten. Beethoven ist dann besonders "aktuell", wenn solche Grundrechte wieder einmal verletzt werden. Aber auch persönlich hat ihm sein Widerstandskonzept geholfen, ein Konzept, das dem "durch Nacht zum Licht"-Schema folgt. Als ihm klar wurde, dass er taub sein würde, hat er sich "nicht unterkriegen" lassen...

Zwei Revolutionen spiegelten sich stark im diesjährigen Programm wider: die Französische und die Russische. Wenn Sie diese historischen Ereignisse und ihre Ergebnisse betrachten - oder nehmen wir auch mal eine moderne Revolution wie den Arabischen Frühling: Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, was die Rolle der Revolution in der Menschheitsgeschichte anbelangt?

Wir haben solche Themen mit Zeitgeschichtlern und Historikern erörtert. Eine Revolution ist grundsätzlich etwas, was auf Zukunft gerichtet ist, das unterscheidet sie von der Revolte; sie ist nicht kanalisierbar und zielt auf eine neue Ordnung. Aber dann erfolgt die Stabilisierung - wie etwa durch Napoleon - aber zumeist eben auch das Verenden der Utopien in Diktatur oder Restauration. Aber eines ist klar: Nach einer Revolution ist die Welt nicht mehr dieselbe, auch wenn es kurzzeitig wieder rückwärts geht.

Zum Auftakt spielte ein tschechisches Orchester und zum Abschluss ein englisches. Ein prominenter russischer und zwei französische Klangkörper kamen auch vor. Aber Deutschland hat auch fantastische Orchester. Warum waren dennoch Orchester aus dem Ausland so prominent im Programm?

Beethoven Fest Bonn Pianistin Seda Röder (DW/G.Reucher)

Die Kammermusik zieht echte Musikliebhaber an

Durch unseren Fokus auf die französische und die russische Geschichte war es folgerichtig, Orchester aus den jeweiligen Ländern einzuladen. Aber das neue Werk, das ich jedes Jahr in Auftrag gebe, wird immer von einem deutschen Rundfunk- Sinfonieorchester gespielt. Im nächsten Jahr schließen wir übrigens mit den Bamberger Symphonikern ab. Aber: Ein Festival, das sich "international" nennt, muss diesen Anspruch auch einlösen, und es ist ja ganz schön, dem vorwiegend regionalen Publikum die großen ausländischen Klangkörper vorzuführen. Zur Eröffnung 2017 spielt das Orchester des Mariinski-Theaters aus St. Petersburg unter Valery Gergiev.

Gibt es eine Verlagerung des Schwerpunkts in Richtung Kammermusik beim Beethovenfest?

Beethoven hat ja einiges mehr als die neun Sinfonien geschrieben! Quantitativ ist die Kammer- und Klaviermusik aus seiner Feder ungleich größer als die Sinfonik. Und auch die Kammermusik anderer Komponisten soll ja zur Geltung kommen.

Eigentlich ist die Kammermusik reicher an musikalischem Inhalt.

Sie ist anders geartet. Intimer als die auf breite Wirkung angelegte Sinfonie. Die wirklichen Musikliebhaber sind zumeist Kammermusik-Freunde!

Was erwartet uns in den kommenden Jahren?

Villa Wahnfried Richard Wagner Museum in Bayareuth Urenkelin Nike Wagner (picture-alliance/dpa/R. Wittek)

Richard Wagners Urenkelin ist im Haus Wahnfried in Bayreuth aufgewachsen, wo sie 2015 einen Festvortrag zu seiner Wiedereröffnung als Museum hielt

Nach dem schwergewichtigen "Revolutionen"-Thema werden wir nächstes Jahr etwas Leichteres, Sanftes anbieten: "Ferne Geliebte" heißt das Motto 2017, ein Thema, das aus Beethovens Biografie geschöpft ist und ein Liederzyklus gleichen Namens. Nach den Revolutionen die Liebe zu thematisieren, ist doch geradezu notwendig, finden Sie nicht? Aber natürlich gibt es auch das große langfristige Thema "Beethoven 2020".

Im Vorfeld zum 250. Geburtsjahr des Komponisten hat Bundespräsident Joachim Gauck Beethoven sogar zur "nationalen Aufgabe" erklärt. Ich kann mir nur wenige Länder vorstellen, in denen ein Komponist zur nationalen Aufgabe erklärt wird! Mischt die Regierung denn auch bei den Vorbereitungen mit?

Die Regierung will Gelder für diese "nationale Aufgabe" bereitstellen. Bonn wird bei der Verteilung dieser Gelder sicherlich prioritär behandelt werden, aber auch andere Städte werden ihre Beethoven-Projekte finanziert haben wollen. Mitte November, nachdem der Haushaltsausschuss getagt hat, wissen wir mehr.

Also gibt es keine Vorgaben, die Ihnen von Bürokraten in irgendwelchen Ministerien gemacht werden?

Nur bedingt, will ich hoffen. Aber wenn das Land Gelder bereitstellt, wird es die anderen NRW-Städte auch bedient haben wollen, nicht nur Bonn. Und wie die Vergabe durch die Stadt aussieht, ist mir noch nicht klar. Im Idealfall gibt es eine künstlerisch besetzte Jury, die unsere Beethovenfeierlichkeiten strukturiert und gestaltet. Gut wäre es, die geplanten Veranstaltungen in Festival-Blöcke zu bündeln. So macht man das in Salzburg. Das Beethovenfest plant bereits einen zweiten, kleineren Veranstaltungs-Block im März, neben dem eigentlichen Fest im September. Damit setzen wir schon mal zwei Mosaiksteine ins Gesamtbild. 

Das Gespräch führte Rick Fulker

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