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Afrika

Nigerias vermeintliche Erfolge gegen Boko Haram

Kurz vor den Wahlen trumpft Nigeria im Kampf gegen die Terrormiliz Boko Haram auf. Doch die Erfolge sind nicht hausgemacht - und vor allem nicht so sicher, wie es auf den ersten Blick scheint.

Auf einmal scheint alles zu funktionieren im Kampf gegen Boko Haram. Monguno, Mubi, Baga, Bama -

lang ist die Liste der Städte

, die Nigerias Armee und ihre westafrikanischen Verbündeten innerhalb von Tagen aus den Händen der islamistischen Terrormiliz zurückerobert haben. Nach dem Bundesstaat Adamawa ist am Montag nach Angaben der Armee auch der Yobe-Bundesstaat komplett befreit worden.

Soldaten aus den Nachbarländern Tschad und Niger

hätten in den vergangenen Tagen 228 Boko-Haram-Kämpfer getötet, verkündete das nigerische Militär am Mittwochabend.

Goodluck Jonathan posiert mit Soldaten in Baga, Nigeria (Foto: picture-alliance/dpa)

Siegerpose: Präsident Jonathan mit Soldaten in Baga

Noch vor wenigen Monaten sah die Lage anders aus: Boko Haram kontrollierte eine Fläche so groß wie Belgien in Nigerias Nordosten rund um den Bundesstaat Borno, wo die Gruppe ihre Wurzeln hat. Allein beim Angriff auf Baga töteten die Kämpfer Anfang Januar nach Angaben von Amnesty International rund 2000 Menschen. Eine multinationale Truppe aus Soldaten des Tschad, Nigerias und Nigers, die dort stationiert war, ließen sie hilflos dastehen. Die für Februar geplanten Präsidentschaftswahlen wurden um sechs Wochen auf den 28. März verschoben. Die augenscheinliche

Kehrtwende im Anti-Terror-Kampf

kommt Präsident Goodluck Jonathan nun gelegen: Er muss sich dem Herausforderer und ehemaligen Militärherrscher Muhammadu Buhari stellen, der Umfragen zufolge gute Chancen auf den Präsidentenstuhl hat.

Militärischer Erfolg oder Wahlkampferfolg?

Was von den Erfolgen im Anti-Terror-Kampf zu halten ist, darüber ist die nigerianische Bevölkerung geteilter Meinung. Als "rein politisch" wertet Hamza Umar Usman in der Stadt Gombe die Erfolge gegen Boko Haram. Die Armee sei das Problem zuvor einfach nicht ernsthaft angegangen. "Warum konnte Präsident Jonathan sechs Jahre lang der Lage nicht Herr werden, wenn er es nun in sechs Wochen schafft?", fragt Alhaji Abubakar. Jeder wisse, dass die Armee bereit sei, Boko Haram zu bekämpfen, wenn der Präsident bereit sei. "Aber sie konnten nicht, weil sie nicht die Waffen und die Erlaubnis dafür bekamen. Jetzt, wo die Regierung ein Interesse daran hat, gewinnen sie den Kampf." Die Wahlen seien ein entscheidender Faktor, bestätigt auch der Nigeria-Experte Ryan Cummings vom südafrikanischen Sicherheitsberater red24: "Daraus erwächst für die Regierung geradezu eine Notwendigkeit, den Staat und den Sicherheitsapparat besser dastehen zu lassen."

Tschads Präsident Idriss Deby (Foto: Seyllou/AFP/Getty Images)

Auch Tschads Präsident Idriss Déby zieht Fäden in Nigeria

Tatsächlich stattete Nigerias Präsident und Oberbefehlshaber Goodluck Jonathan den befreiten Städten Mubi und Baga dieser Tage einen Überraschungsbesuch ab, um die militärischen Erfolge zu feiern. Und die chronisch unterversorgte Armee verfügt inzwischen über neue Kampfhubschrauber und Überwachungsgeräte. Erst vergangenen September hatte Jonathan vom Senat die Genehmigung bekommen, für die Ausstattung seiner Armee einen externen Kredit über eine Milliarde US-Dollar aufzunehmen. Er sei hoffnungsvoll, Boko Haram binnen eines Monats aus den letzten besetzten Gebieten vertreiben zu können, sagte Jonathan am Freitag.

Angesichts der militärischen Erfolge sprach die nigerianische Zeitung "Guardian" von beruhigenden Nachrichten und begrüßte die "symbolische Führung" Jonathans. "Kritiker haben recht, wenn sie die lange Unentschlossenheit des Präsidenten als unglücklich bezeichnen", schreibt die Zeitung

in einem Kommentar

. Dennoch müsse Jonathan den Moment nutzen, um die Armee aufzubauen und ihr zerstörtes Ansehen wiederherzustellen.

Kein hausgemachter Sieg

Dass sich das Blatt gewendet hat, hat Nigeria auch externer Hilfe zu verdanken. Besonders die

Entscheidung des Tschad

, seine professionell ausgebildeten Soldaten in den Kampf gegen Boko Haram zu schicken, gilt Beobachtern zufolge als entscheidend. Doch das ist nicht alles. Die Nachricht vom Tod des Südafrikaners Leon Lotz brachte vergangene Woche einen weithin unbekannten Aspekt ans Tageslicht: Auch private Sicherheitsunternehmen beteiligen sich in Nigeria am Kampf gegen Boko Haram. Der 59-jährige Lotz war ein ehemaliger Koevoet-Offizier. Die Koevoet waren eine südafrikanische Spezialeinheit, die zu Apartheid-Zeiten brutal gegen die Organisation des Südwestafrikanischen Volkes (SWAPO), die namibische Befreiungsbewegung, vorging.

Karte Nigeria mit Städten Mubi, Baga, Bama, Maiduguri, Monguno, Gombe (DW)

Zwischen Erfolgen und Niederlagen: Nigerias umkämpfter Nordosten

Philipp de Wet von der südafrikanischen Tageszeitung "Mail & Guardian", beschreibt im DW-Gespräch, dass es gegen Ende des Apartheid-Regimes in den 1980er Jahre eine große Zahl von gut ausgebildeten Spezialkräften zur Aufstandsbekämpfung gab, die neue Einsatzmöglichkeiten suchten. "Viele wurden in der Ausbildung oder bei der Minenräumung eingesetzt", sagt de Wet. Andere hätten strategische Planungsaufgaben übertragen bekommen: "Man kann sie sich als Unternehmensberater in Kriegsführung vorstellen." Unbestätigten Berichten zufolge könnte Lotz einer von rund hundert hochausgebildeten südafrikanischen Söldner sein. Auch georgische und ukrainische Söldner sind möglicherweise beteiligt. Die nigerianische Regierung weist dies weit von sich: Lediglich Berater aus Südafrika, Russland und Südkorea habe das Land angeheuert.

Das Bangen vor den Wahlen

Wem auch immer die militärischen Erfolge zuzuschreiben sind: Als sicher können sie noch lange nicht gelten. Es sei sehr schwer, den Wahrheitsgehalt von Erfolgsmeldungen des nigerianischen Militärs zu überprüfen, sagt der südafrikanische Experte Ryan Cummings. Besonders in Bezug auf Gebietsgewinne in Nigerias äußerstem Nordosten. Das habe es schon einmal gegeben: "Bei manchen Siegesmeldungen der Armee stellte sich später heraus, dass die Gebiete entweder wieder von Boko Haram eingenommen oder möglicherweise gar nicht erst befreit worden waren."

Tschads Präsident Idriss Deby am 3.4.2014 (Foto: Thierry Charlier/AFP/Getty Images)

Auch Tschads Präsident Idriss Déby zieht Fäden in Nigeria

Auch Nigerias Regionalbündnis mit Tschad und dem Niger möge im Moment sehr erfolgreich scheinen. Doch man dürfe nicht vergessen, dass es unter erhöhtem diplomatischen Einsatz zustande gekommen sei. Das rohstoffreiche Nigeria hat eine konfliktbelastete Beziehung zu seinen Nachbarn. Und im Schatten der staatlichen Erfolgsmeldungen gibt es weiter kleinere Überfälle von Boko-Haram-Kämpfern. In und außerhalb Nigerias fürchten viele, dass die Blase schon am Wahltag platzen könnte.

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