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Afrika

Nigerias Soft Approach gegen Boko Haram

Nigerias Militär wird zunehmend kritisiert, weil es den Aufstand der islamistischen Boko Haram nicht in den Griff bekommt. Die Regierung schlägt deshalb mittlerweile andere Wege im Kampf gegen den Terror ein.

Wut und Verzweiflung liegen in der Stimme des Mannes, der in einem Nachbardorf von Chibok wohnt. Dort, wo im April fast 300 Schülerinnen von Boko Haram entführt wurden. Wo zuletzt am Sonntag wieder Terroristen mordend und plündernd von Haus zu Haus zogen. Er hat Angst, will seinen Namen nicht nennen. Trotz der brutalen Übergriffe der Islamisten sieht er nur eine Lösung: "Die Regierung muss mit diesen Leuten sprechen, um die Mädchen zu retten", sagt der Familienvater. "Die Soldaten hier können doch ohnehin nichts erreichen."

Mann von hinten, der aus der Nähe von Chibok kommt. (Foto: Adrian Kriesch, DW)

"Die Soldaten hier können doch ohnehin nichts erreichen" – das Schicksal ihrer Mädchen bewegt die Menschen in Chibok

Die nigerianische Armee geriet in den letzten Monaten regelmäßig in die Kritik. Immer wieder seien Soldaten bei Angriffen von Boko Haram weggelaufen, so Augenzeugen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Terrorgruppe Informanten in den Reihen der Armee hat. Wenn die Terrorgruppe ein Dorf angreift, reagiert die Armee meist erst mehrere Stunden später - der umkämpfte Nordosten Nigerias ist fast so groß wie Großbritannien.

Nährboden für Terrorismus entziehen

Hinter den Kulissen arbeitet die Regierung deshalb an einer parallelen Strategie: einem "soft approach" gegen den Terror. Langfristige Aufbauarbeit statt kurzfristige Militärschläge. "Wir haben verstanden, dass die Wurzeln des Aufstandes sozio-ökonomisch sind", sagt Soji Adelaja. Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler leitet die Initiative des Präsidenten für den Nordosten Nigerias (Presidential Initiative for the North East), kurz PINE. Dabei will er langfristig die Wirtschaft im strukturschwachen Nordosten stärken, einem der unterentwickeltsten Teile des Landes. Durch den Terror ist die krisengeschüttelte Wirtschaft nahezu zusammengebrochen. Die Arbeitslosenzahlen steigen an, mehr als die Hälfte der Menschen können nicht lesen. Ein idealer Nährboden für Extremisten und Terrorismus. Adelaja will die Ressourcen von verschiedenen Regierungsinstitutionen und internationalen Gebern bündeln und gezielt koordinieren.

Heimkehrer als Chef-Strategen

Soji Adelaja. (Foto: Adrian Kriesch, DW)

Ein Marshall-Plan für den Nord-Osten Nigerias: Soji Adelaja

Der Ökonom hat zuvor jahrelang in den USA gelebt und unter anderem die Entscheider im US-Bundesstaat Michigan dabei beraten, die Wirtschaft nach der tiefen Rezession der Automobilindustrie wieder auf die Beine zu bringen. Das helfe ihm auch hier in Nigeria, strategisch den Wiederaufbau anzugehen. Adelaja denkt an eine Art "Marshall Plan" für den Nord-Osten Nigerias. Kritiker halten das im Moment für unrealistisch: In drei Bundesstaaten im Nord-Osten gilt noch immer der Ausnahmezustand. Außerdem gibt es Zweifel daran, ob die Regierung das nötige Geld auftreiben und vor allem effektiv einsetzen kann. Im "Corruption Perception Index" der Nichtregierungsorganisation Transparency International liegt das westafrikanische Land auf Platz 144 von 175.

"Boko Haram agiert wie Guerilla-Bewegung"

Fatima Akilu. (Foto: Adrian Kriesch, DW)

Fatima Akilu hat selbst mit Mitgliedern der Terrorgruppe gesprochen

Ein paar Straßen weiter in der Hauptstadt Abuja arbeitet Fatima Akilu seit zwei Jahren am zweiten Teil der "Soft Approach"-Idee. Die Psychologin hat ebenfalls lange in den USA gelebt und ist jetzt beim nationalen Sicherheitsberater Nigerias (National Security Advisor) unter anderem für strategische Kommunikation verantwortlich. "Boko Haram hat die Taktik geändert und agiert zunehmend wie eine Guerilla-Bewegung, die überfallartig zuschlägt. Wenn man sich Beispiele aus anderen Ländern ansieht, merkt man, wie schwer das für einen Staat ist", sagt Akilu und erwähnt die jahrzehntelangen Guerilla-Kämpfe in Kolumbien und auf den Philippinen. Sie hat viele Länder mit ähnlichen Problemen besucht – Indonesien, Saudi-Arabien, Algerien – und sich ihre Ansätze im Kampf gegen Terrorismus angeschaut.

Psychologen für inhaftierte Kämpfer

Das Ziel der Psychologin: Gewalttätige Extremisten in Nigeria zu bekämpfen. Mit Aufklärungs- und Trainingsprogrammen will sie versuchen, junge Menschen weniger anfällig für radikale Ideologien zu machen. Dabei arbeitet sie auch mit denen, die sich bereits der Gruppe angeschlossen haben und verhaftet wurden. Bis September will ihre Behörde 50 Psychologen und 25 Imame ausbilden. "Die Imame werden sich mit der Ideologie der Inhaftierten auseinandersetzen und ihren Denkansatz in Frage stellen", so Akilu. Bisher gebe es in Nigeria nur 40 verurteilte Terroristen, auch das korrupte Rechtssystem steht vor großen Herausforderungen. Hunderte Verdächtige sitzen jedoch teilweise seit Jahren ohne Urteil in Haft. Die Psychologin will verhindern, dass diese Leute erneut radikale Ideologien in ihre Heimatregionen tragen, sobald sie freigelassen werden. Insgesamt, so schätzen Beobachter, habe Boko Haram mehrere tausend Kämpfer.

Akilu kennt die große Schwäche ihres Ansatzes: Er braucht Zeit. Und um Geduld zu werben, ist im Moment keine leichte Aufgabe, denn die Terrorgruppe mordet weiter – Tag für Tag.

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