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Afrika

Nigerias Schüler in Angst vor Boko Haram

Nigerias Regierung verspricht, Schulen besser vor Boko Haram zu schützen. Solange die vor einem halben Jahr entführten 200 Schülerinnen verschwunden bleiben, herrscht allerdings weiter Angst im Norden des Landes.

"Wir haben nur einen Wunsch", sagt Bukky Shonibare unter Tränen, "Lasst die Mädchen zurückkommen! Wir fordern, wir betteln und flehen, dass die Regierung alles dafür tut!" Shonibare ist Mitglied der Gruppe "#BringBackOurGirls", die sich in der nigerianischen Hauptstadt Abuja für die Freilassung entführter Schülerinnen einsetzt. Die Verzweiflung ist ihr anzumerken. Sechs Monate nachdem Boko-Haram-Kämpfer mehr als 200 Schülerinnen aus der nordnigerianischen Stadt Chibok entführt haben, ist die Ungewissheit für viele Angehörige unerträglich geworden.

Die islamistische Boko-Haram-Miliz richtet ihren Terror immer wieder gezielt gegen Bildungseinrichtungen: Allein im nordostnigerianischen Bundesstaat Borno, der Hochburg der Miliz, tötete sie seit 2011 laut offiziellen Zahlen mehr als 70 Lehrer und zerstörte 900 Schulen. Auch die Entführung von mehr als 200 Schülerinnen einer weiterführenden Schule in Chibok am 14. April 2014 war kein Einzelfall. Doch angesichts der hohen Zahl der Opfer sorgte sie für einen internationalen Aufschrei. Bereits nach wenigen Wochen kursierten Gerüchte, der Aufenthaltsort der Schülerinnen sei den Sicherheitskräften bekannt. Umso mehr sind die "BringBackOurGirls"-Aktivisten empört, dass die Regierung die Mädchen noch immer nicht befreit hat.

Aktivisten der Gruppe #BringBackOurGirls mit Protestbanner Foto: DW/Katrin Gänsler

Fühlen sich im Stich gelassen: Aktivisten der Gruppe "#BringBackOurGirls"

Alarmanlagen und Beleuchtung

Die Regierung von Präsident Goodluck Jonathan reagierte auf die internationale Kritik der Untätigkeit unter anderem mit der "Safe School Initiative", für die Jonathan insgesamt 100 Millionen US-Dollar aufbringen will. Ziel der Kampagne ist es, dass Kinder in Nigerias Norden wieder ohne Angst vor Terroranschlägen zur Schule zu gehen können. Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala sprach im DW-Interview etwa von Alarmsystemen und einer besseren Beleuchtung der Schulen. Beim Neubau von Schulen solle zudem verstärkt feuerfestes Material verwendet werden. Außerdem sollten die Dorfgemeinschaften in den Schutz miteinbezogen werden, sagte Ikonjo-Iweala der DW im Juli.

Karte Nigeria Borno Chibok

Im Nordosten Nigerias liegt die Hochburg von Boko Haram

Zu den Initiatoren des Programms gehört auch Gordon Brown. Der ehemalige britische Premierminister ist UN-Sonderbeauftragter für Bildung. Brown sagte im Mai mehr als zehn Millionen US-Dollar für die Sicherheitsinitiative zu. Ebenso viel wollen nigerianische Privatunternehmen spenden. Auch die deutsche Regierung hat sich des Programms angenommen. Das Entwicklungsministerium teilte mit, Deutschland unterstütze die Initiative für sichere Schulen mit bis zu zwei Millionen Euro.

Skepsis bei Aktivisten und Experten

Die "#BringBackOurGirls"-Aktivisten überzeugt die Initiative bislang allerdings nicht. "Wir können nicht von einer Initiative für sichere Schulen sprechen, solange die Chibok-Mädchen nicht zurück sind", sagt Bukky Shonibare. Nach Ansicht ihrer Gruppe müsste sich ein Sicherheitsprogramm besonders auf die Mädchen konzentrieren. Im Nordosten Nigerias sei der Anteil von Mädchen, die gar nicht zur Schule gehen, besonders hoch, sagt Shonibare: "Die Mädchen haben immer noch Angst, in die Schule zu gehen." Die ehemalige Bildungsministerin Oby Ezekwesili, eine Mitorganisatorin der "#BringBackOurGirls"-Proteste sagt, der wichtigste Beweis, dass Nigerias Schulen sicher seien, wäre die Rückkehr der entführten Mädchen von Chibok.

Mann aus der Nähe von Chibok mit Foto von entführter Schülerin Foto: Adrian Kriesch/DW

Auch diese Schülerin ist seit sechs Monaten verschwunden

Einer der Bundesstaaten, die am stärksten vom Terror betroffen sind, ist Adamawa. Dort hat die Regierung bereits neue Sicherheitsmaßnahmen eingeführt. In einer weiterführenden Schule in der Stadt Mubi - rund 100 Kilometer südöstlich von Chibok - patrouillieren nun Sicherheitsleute in Uniform, allerdings unbewaffnet. Dass das ein ausreichender Schutz sei, bezweifeln die Schüler. "Die Regierung müsste auch Waffen und Ausrüstung für Sicherheitspersonal zur Verfügung stellen", sagt eine Schülerin einem DW-Reporter. "Nur wenn das der Fall ist, werde ich mich wieder auf das Lernen konzentrieren können." Auch die Lehrer sind in Sorge. "Wann immer die Schüler gehen, bin ich in Sorge, ob sie heil zurückkehren", sagt Alhaji Muhammad Garga. Neben ausreichend ausgerüsteten Sicherheitsleuten fordert er von der Regierung, die Schulen zu umzäunen.

Doch selbst wenn die Regierung all diesen Forderungen nachkäme - der nigerianische Sicherheitsexperte Kabiru Adamu ist skeptisch, ob die Regierung einen echten Schutz garantieren kann: "Wir sind in einer Situation, in der sogar militärische Ausbildungszentren mit all ihren Sicherheitsvorkehrungen und ihrem Personal angegriffen werden", so Adamu im DW-Interview. Er sehe "keine Möglichkeit, dass Schulen ähnlich wie Militärlager gesichert werden können". Von der Initiative für sichere Schulen erhofft er sich daher keine Fortschritte. Es sei denn, die Regierung schaffe es, die Bedrohung durch Boko Haram effektiv zu bekämpfen. Doch die immer neuen Angriffe der Miliz zeigen, dass Nigeria davon noch weit entfernt ist.

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