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Afrika

Nigerias Militär ohnmächtig im Kampf gegen Boko Haram

Mehr als 500 nigerianische Soldaten sollen nach einem Angriff der Terrorgruppe Boko Haram ins Nachbarland Kamerun geflohen sein. Die Armee scheint mit der unsicheren Lage im Land überfordert.

Sie waren schwer bewaffnet, so berichten Augenzeugen: die Kämpfer der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram, die am Montagmorgen (25.08.2014) die nigerianische Grenzstadt Gamboru Ngala überfielen. Die Extremisten hätten einen Militärstützpunkt und eine Polizeiwache attackiert. Daraufhin seien tausende Einwohner über die Grenze in die Stadt Fotokol in das benachbarte Kamerun geflohen.

Pikantes Detail des Angriffs:

unter den Geflohenen

seien auch mehr als 500 nigerianische Soldaten, so die Augenzeugen. Die Männer seien vorübergehend in Schulgebäuden der Stadt Maroua untergebracht worden, bestätigte ein Sprecher der kamerunischen Streitkräfte.

Soldat in Nordkamerun an der Grenze zu Nigeria Foto: Reinnier KAZE/AFP/Getty Images

Nicht auf Nigeria begrenzt: Kampf gegen Boko Haram in Kamerun

Nigerias Armee spielt den Vorfall herunter: Ein Militärvertreter bestritt die Flucht von Soldaten und gab an, bei dem Grenzübertritt der Soldaten habe es sich vielmehr um ein "taktisches Manöver" gehandelt.

Schlecht ausgerüstet, wenig Personal

Doch Beobachter sehen das Militär im Kampf gegen Boko Haram seit Langem geschwächt. Ryan Cummings, Afrika-Experte des südafrikanischen Sicherheitsberaters red.24, hält die nigerianischen Armee an vielen Stellen für überfordert: "Das Militär hat logistische Probleme, es leidet unter Engpässen, sowohl was das Personal als auch den Nachschub an Material angeht." Darüber hinaus habe sich das Territorium, in dem die Terrorgruppe agiert, ausgedehnt. "Das Militär müsste Boko Haram nicht nur in Nigeria, sondern auch in Kamerun oder Niger bekämpfen. Doch dafür fehlt ihm bisher das Mandat", so Cummings.

Ryan Cummings Foto: Ryan Cummings

Ryan Cummings, Afrika-Experte von red24

Offensichtlich ist: Die

nigerianischen Armee

wird der Situation nicht Herr. Anschlag reiht sich an Anschlag, immer wieder werden Schülerinnen und Schüler gekidnappt. Erst am vergangenen Wochenende hatten die Islamisten in der Stadt Gwoza im Nordosten des Landes

einen islamischen Gottesstaat ausgerufen

. Eine für die Zivilbevölkerung unhaltbare Situation, meint der nigerianische Politologe Jibo Ibrahim. "Die nigerianische Armee ist offensichtlich nicht in der Lage, Boko Haram zu besiegen, während die Gruppe ganz einfach Dörfer und Städte erobert." Von Seiten der Armee würden die Islamisten bisher keine schlagkräftige Gegenwehr erhalten. "Und weil sie keinem Widerstand ausgesetzt sind, haben die Boko-Haram-Kämpfer immer mehr Selbstbewusstsein gewonnen."

Das starke Nigeria: schwach im Anti-Terrorkampf

Nigeria: Afrikas wirtschaftsmächtigstes Land, mit gut 168 Millionen Menschen auch das bevölkerungsreichste, mit einem durch Öleinnahmen üppig ausgestatteten Haushalt - dieses Land soll zu schwach für den Anti-Terrorkampf sein? Ja, meint Sicherheitsexperte Cummings. "In kaum einem anderen Land ist die Zahl der Soldaten gemessen an seinen Einwohnern so gering wie in Nigeria."

Zudem sei Boko Haram nicht das einzige Sicherheitsrisiko, das militärische Ressourcen binde. "Im Niger-Delta, wo sich die meisten Ölreserven des Landes befinden, ist die Sicherheitslage angespannt. Außerdem gibt es ethnisch-religiöse Konflikte im Zentrum des Landes", weiß Cummings. Auch zähle das Land zu den größten Truppenstellern internationaler Friedenseinsätze.

Neue Strategie

Cummings sieht noch einen weiteren Umstand, der den Kampf erschwere: Boko Haram habe die Strategie gewechselt. "Viele der Anschläge seit 2009 hatten die Form einer Guerilla-Taktik: Eine typisch asymmetrische Kriegführung, wo kleine aufständische Gruppen einer großen Armee gegenüberstehen." Das habe sich in den vergangenen drei Monaten geändert. "Boko Haram hat nun gezeigt, dass sie in der Lage sind, Territorien einzunehmen, aber auch zu verteidigen, dass sie das Militär in lange Kämpfe verwickeln."

Nigerianische Soldaten auf einem Panzer Foto: EPA/GEORGE ESIRI

Um Stärke bemüht: Nigerianische Soldaten in der Stadt Jos

Ein Wandel, dem die nigerianische Regierung nun mit Krieg begegnen will, so der Major Yahaya Shinku im DW-Interview. "Der Krieg gegen diesen Aufstand hat jetzt begonnen. Bisher hat das nigerianische Militär noch nicht alle seine Waffen eingesetzt. Das wird es jetzt aber - wie in einem konventionellen Krieg."

Die tatsächliche Stärke der Terrorgruppe sei schwer zu beziffern, sagt Cummings. Boko Haram sei kein homogenes Gebilde, wie häufig in westlichen Medien beschrieben. Mindestens vier Untergruppen würden miteinander koalieren. Und auch, wenn sich die Kämpfer die irakische Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zum Vorbild nähmen, seien sie kaum mit ihr zu vergleichen, meint Cummings. "Boko Haram hat keine beständige Führung und verfügt auch nicht über die finanziellen Ressourcen, wie sie zum Beispiel die IS mit den Gas- und Ölvorkommen im Irak hat."

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