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Afrika

Niger: Evakuierung endet im Chaos

Die nigrische Armee will Boko Haram von den Inseln im Tschadsee vertreiben. Tausende Bewohner mussten jetzt ihr Zuhause verlassen - unter völlig unverantwortlichen Bedingungen, kritisieren Menschenrechtler.

Moussa Tchangari gerät in Rage, als er im Gespräch mit der DW die Umstände der Evakuierung der Inseln beschreibt. Zutreffender wäre der Begriff Vertreibung, sagt der Leiter der nigrischen Nichtregierungsorganisation Alternative Citizen's Space. "Nichts war organisiert. Die Regierung hat nur eine Art Drohung veröffentlicht: Wer die Inseln nicht bis Montagabend verlässt, wird als Sympathisant oder Mitglied von Boko Haram betrachtet."

Die Aktion betraf rund 110 Dörfer auf 74 Inseln im Tschadsee an der Grenze zu Nigeria und dem Tschad. Mit der Evakuierung soll der Weg für eine geplante Offensive des nigrischen Militärs gegen die Islamistengruppe Boko Haram frei gemacht werden. Das Sumpfgebiet des Sees gilt als Rückzugsort der Terroristen. Von dort aus hatten sie im Morgengrauen des 25. April die Insel Karamga angegriffen und mindestens 46 nigrische Soldaten und 28 Zivilisten getötet. Es war der bislang schwerste Angriff der Terrorgruppe in Niger. Jetzt will das Land hart durchgreifen.

Soldaten im Niger (Foto; PHILIPPE DESMAZES/AFP)

Bald startet die nigrische Armee eine Offensive gegen Boko Haram

Alleingelassen und fast verdurstet

Die Menschen aus der Schusslinie zu nehmen sei zwar gut, findet Tchangari. Doch bei der Art und Weise der Evakuierung habe die nigrische Regierung "völlig unverantwortlich" gehandelt. Ihre Überfahrt aufs Festland hätten die Inselbewohner selbst organisieren müssen. Je nachdem, wo sie am Ufer gelandet seien, hätten sie dann zum Teil 50 Kilometer lange Fußmärsche zum Sammelpunkt in der Stadt N'Guigmi zurücklegen müssen. Privatleute seien es gewesen, die den zum Teil völlig Entkräfteten Wasser gebracht hätten.

Jetzt sitzen fast 10.000 Menschen auf unbestimmte Zeit in N'Guigmi fest. "So macht man diese Leute noch schutzloser. Man behandelt sie nicht wie Menschen, die Rechte haben - etwa das Recht auf einen respektvollen Umgang." Das sei völlig inakzeptabel, so Tchangari.

Viele Nigrer waren erst vor Boko Haram auf die Inseln geflohen (Foto: Kristin Palitza/dpa)

Chaotische Evakuierung? "Dort leben Fischer, die haben alle eine eigene Piroge."

Auch der Vertreter des Flüchtlingswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) im Niger, Karl Steinacker, beklagt im Gespräch mit der DW, dass die nigrische Regierung völlig unvorbereitet in diese Aktion gegangen sei. "Mit einer besseren Vorbereitung hätte man viel Leid vermeiden können. Man muss sich vorstellen, dort herrschen jetzt Temperaturen von 40 bis 50 Grad. Die Menschen kommen in einer wüstenähnlichen Gegend ohne jeden Schatten an."

Gouverneur sieht keinen Grund zur Sorge

Der für die Region Diffa zuständige Gouverneur, Yakouba Toumana Gao, weist im DW-Interview alle Vorwürfe zurück. "Der nigrische Staat stellt den regionalen Behörden alles zur Verfügung, was sie nun benötigen, zum Beispiel Lebensmittel." Man stehe mit der Regierung und den humanitären Helfern in Kontakt - davon habe sich auch der nigrische Premierminister am Dienstag (05.05.2015) vor Ort ein Bild gemacht. Auf den Vorwurf angesprochen, dass die Menschen sich die Überfahrt selbst hätten organisieren müssen, antwortet der Beamte lapidar: "Dort leben Fischer, die haben alle eine eigene Piroge."

Noch kurz vor Ablauf des fünftägigen Ultimatums zum Verlassen der Insel am Montag hatte Gao im DW-Interview noch großzügig gesagt: "Jeden, der bis zu der Militärbasis kommt, bringen wir Richtung N'Guigmi oder Diffa - ganz wie er will." Menschenrechtler Tchangari dagegen berichtet, dass örtliche Händler in einer freiwilligen Aktion einen Teil der Evakuierten in die Stadt gebracht hätten. Staatlich organisierte Transporte habe es nicht gegeben.

Dauer der Militäroffensive unklar

Boko Haram Kämpfer (Foto: AP)

In Nigeria in der Defense: Boko-Haram-Kämpfer

Wie lange sitzen die Insulaner nun auf dem Festland fest? Zur Dauer der Offensive will sich Gouverneur Gao nicht äußern, das sei Sache des Militärs. Er fügt aber hinzu: "Sobald das Militär die Inseln von Boko Haram gesäubert hat, können die Bewohner wieder zurück." Ob er mit der "Säuberung" die Tötung oder die Gefangennahme von Boko Haram-Kämpfern meint, ist unklar. Menschenrechtler Tchangari hofft, dass wenigstens ein Teil der Vertriebenen nun bei Verwandten unterkommen könne. "Meiner Meinung nach wird die Militäroffensive schon eine Weile dauern. Und dann wissen wir noch nicht mal, ob sie erfolgreich sein wird."

Während Niger sich zunehmend von Boko Haram unter Druck gesetzt sieht, kann das Militär im Nachbarland Nigeria inzwischen immer mehr

Erfolge im Kampf gegen die Terrorgruppe

vermelden. Mit Hilfe von Truppen aus dem Tschad, Niger und Kamerun hat die Armee kürzlich im dichten Sambisa-Wald Boko Haram-Kämpfer vertrieben und beinahe 700

Frauen und Kinder befreit

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Boko Haram terrorisiert die Region seit Jahren und will dort ein islamisches Kalifat errichten. In den vergangenen sechs Jahren tötete die Gruppe bei Angriffen auf Schulen, Kirchen, Polizei und Armee mehr als 15.000 Menschen. Rund anderthalb Millionen Menschen sind

auf der Flucht

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