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Afrika

Niger: Die Stimme des Volkes statt Phrasen von Politikern

Seit 2013 hat die nigrische Journalistin Balkissa Sidi Ahmed regelmäßig an Trainings zu konfliktsensibler Berichterstattung teilgenommen. Wie hat das ihre Arbeit verändert? Das berichtet uns Sidi Ahmed nach der Wahl.

Konfliktsensitiver Journalismus in Niger

Im westafrikanischen Niger wurde am 20. März gewählt. Balkissa Sidi Ahmed schildert aus journalistischer Sicht

Als ich am Morgen des 17 März 2016 in die Redaktion komme, reden alle durcheinander. Die Atmosphäre bei Radio Fara'a ist aufgeheizt. Die Kollegen tauschen wild gestikulierend und ziemlich laut ihre Meinungen zu aktuellen politischen Geschehnissen aus. Damit sieht es in der Redaktion aus wie im Rest des Landes: In nur drei Tagen sollen die Nigrer in einer Stichwahl über den Präsidenten abstimmen, einige Oppositionsparteien boykottieren die Wahl.

Ich setze mich an den großen Redaktionstisch. Nach einigen Momenten ist es mir zu laut und eindringlich fordere ich die Kollegen auf, sich zu beruhigen. "Wir brauchen jetzt Ruhe!" sage ich. Ich bin Chefredakteurin bei dem Privatradio Fara'a in Gaya. Die Stadt liegt an der Grenze zu Benin, rund dreihundert Kilometer von der nigrischen Hauptstadt Niamey entfernt. "Wir müssen die Gemüter unserer Hörer beruhigen, also beruhigt euch selbst erst einmal" mahne ich. Im ganzen Land ist die Stimmung zwischen den Gegnern und Befürwortern des amtierenden Präsidenten, Issoufou Mahamadou, enorm aufgeheizt. Viele Nigrer haben Angst vor einer Zunahme an Gewalt und Instabilität.

Aufruf zum Dialog

Niger Wahlen 2016, Foto: DW/B.S. Ahmed

Weite Wege für Stimmabgabe

Die Kollegen setzen sich zu mir an den Redaktionstisch und gucken mich erwartungsvoll an. Ich erinnere sie an die vergangene Woche: Wir hatten einen Vertreter der Regierungspartei zum Studiogespräch eingeladen, danach hatte sich der regionale Kandidat der Opposition beschwert. "Wir müssen aufpassen, dass wir unabhängig bleiben!", erinnere ich die anderen Journalisten. "Ja, aber wie?", fragen einige. Wir sollten eine unabhängige integere Person ins Studio einladen, schlage ich vor. Das könne die Gemüter aller Bürger besänftigen. Die anderen sind einverstanden und die Wahl fällt auf Adamou Idé, einen von allen respektierten Weisen. Ich lade ihn in das Mittagsmagazin unseres Radios ein. Mit bebender Stimme erinnert er die Hörer daran, dass die Zukunft ihres Landes in ihrer Hand liege: "Niger kann ein leuchtendes Beispiel für Demokratie werden. Wir müssen miteinander sprechen, dann können wir die Unstimmigkeiten überwinden. Frieden wollen wir alle, also müssen wir uns auch alle dafür engagieren!", fordert er.

Der Beitrag ist bei allen Kollegen gut angekommen und nach der Sendung beglückwünschen wir uns zu der der guten Entscheidung. Es wird vorgeschlagen, vor dem Wahltag nun täglich Beiträge zu senden, die die Hörer an ihre Verantwortung für ihr Land erinnern sollen. Und um vor der Anheizung ethnischer Konflikte zu warnen, die jüngst von Politikern vorgenommen wurde.

Den Bürgern eine Stimme geben

Niger Wahlen 2016, Foto: DW/B.S. Ahmed

Erleben, wie das Land wählt: Sidi Ahmed machte sich auch auf dem Land ein Bild darüber

Am Wahltag gehe ich durch die Stadt. Die Stimmung ist wie an jedem Sonntag - es gibt weder aufgeregte Demonstrationen noch laute Diskussionen vor den Wahlbüros. Ich gehe an verschiedenen Wahlbüros vorbei, um mir vor Ort einen Eindruck zu verschaffen. In Bengou, einem sehr belebten Stadtteil von Gaya, wurde das Wahlbüro direkt neben der Moschee eingerichtet. Viele Frauen bilden eine Schlange, um ihre Stimme abzugeben. Amina, eine Frau im bedruckten Kleid, nickt mir lächelnd zu. Ihr ist die Wahl sehr wichtig: "Ich bin gekommen, um meine Stimme abzugeben. Denn ich liebe mein Land und deshalb will ich wählen. Ich lade jeden ein, dasselbe zu tun!"

Ich fahre hinaus aus der Stadt, denn ich möchte auch sehen, wie die Wahl auf dem Land abläuft. Das hätte ich früher nicht getan, denn es ist sehr mühsam. Aber jetzt möchte ich mir selbst ein Bild von der Situation dort machen und anstatt einfach zu wiederholen, was der Nationalsender in Niamey in seinen Sendungen berichtet. In Bana, einem Dorf rund dreißig Kilometer von Gaya entfernt, liegt das Wahlbüro in einem Hangar aus Strohmatten. Palmen stehen rund um den Platz. Die Wähler haben sich in einer langen Schlange aufgestellt, sie alle kommen aus dem Umland, viele von ihnen sind Viehzüchter. Sie sind weit gelaufen, um hier ihre Stimme abzugeben. Ich zeichne kurze Interviews mit ihnen auf und viele betonen, wie wichtig es sei, wählen zu gehen. Müde, aber zufrieden mit den vielen Eindrücken des Tages, fahre ich zurück nach Gaya.

Ich bin froh, nicht nur mit Politikern gesprochen zu haben. Früher hätte ich sie ins Studio eingeladen und das wäre die Berichterstattung zu den Wahlen gewesen. Heute weiß ich, wie wichtig die Stimmen der einfachen Leute sind. Sie sind ehrlich, direkt und spiegeln die Stimmung im Land wider. Zurück in Gaya winkt mich ein alter Mann zu sich heran. Er möchte etwas ins Mikro sprechen: "Ich bin so froh, dass alles ruhig geblieben ist!", sagt der Mann und spricht damit aus, was an diesem Tag sicher viele Nigrer gedacht haben. Vorbei ist der Wahltag für mich aber noch lange nicht – jetzt setze ich mich an den Computer, um die vielen O-Töne zu schneiden. In meinem Magazin zur Stichwahl sollen möglichst viele Bürger zu Wort kommen und so einen lebendigen und authentischen Eindruck dieses wichtigen Tages vermitteln.

Die Autorin Balkissa Sidi Ahmed ist die Generalsekretärin des nigrischen Netzwerks für konfliktsensible Berichterstattung. Die 34-jährige Journalistin wurde von der DW Akademie zunächst in konfliktsensibler Berichterstattung fortgebildet. Anschließend hat sie eine Trainerausbildung für konfliktsensible Berichterstattung durchlaufen - so wie 11 weitere lokale Journalisten. Seit 2014 bildet sie selbst Kollegen und Bürgerjournalisten bei nigrischen Lokalradios in konfliktsensibler Berichterstattung fort.

Von November 2012 bis Frühjahr 2016 hat die DW Akademie in Niger nachhaltige Strukturen zur Förderung einer konfliktsensiblen Berichterstattung aufgebaut. Finanziert wurde das Langzeitprojekt vom Auswärtigen Amt. Im Rahmen des Projekts haben in dem westafrikanischen Land rund 350 Mitarbeiter privater, öffentlicher und lokaler Radiosender an Trainings der DW Akademie teilgenommen.

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