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Kultur

Niesen verboten

Mit dem Kürzel SARS hat bis vor sechs Wochen noch niemand etwas anfangen können. Die Reaktionen auf die Seuche ähneln aber denen aus vergangenen Zeiten.

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Archaische Bekämpfung der Pest in Surat, Indien, 1994

Pocken, Pest und Cholera verursachten seit jeher in den betroffenen Regionen Angst, Aberglaube und Überreaktionen, die den Einwohnern in den SARS-Zentren Guangzhou, Peking und Toronto bekannt vorkommen dürften. Auch die Vertuschung durch Chinas Behörden, die nur langsam mit der Zahl der Infizierten herausrückten, hat ein historisches Beispiel. Die Londoner Regierung rechnete im 17. Jahrhundert zwar mit der Verbreitung der Pest, warnte die Briten aber erst, als es schon zu spät war.

Beutelschneider und Kurpfuscher

Den Behörden sei klar gewesen, dass sich die Geißel der Menschheit 1664 über den Seehandel mit den Niederlanden auch in Großbritannien ausbreiten werde, schrieb Zeitgenosse Daniel Defoe in seinem Buch "Die Pest zu London". Die Vorbereitungen auf die Epidemie seien vorangetrieben worden, ohne die Bürger zu informieren. Wie heute viele SARS-geplagten Asiaten ihr Heil in Naturkräutern, Wunderrezepten und Aberglauben suchen, machten im britischen Königreich damals skrupellose Beutelschneider und Kurpfuscher ein Vermögen.

Haustüren und Straßenecken waren übersät mit den Adressen von Quacksalbern und Hobby-Medizinern, die sich mit der Angst vor der Pest ein paar Pfund dazuverdienen wollten. "Garantiert sichere Tabletten" und "unfehlbare Präservative gegen die Infektion", zitiert der spätere Autor des Robinson Crusoe von den Werbezetteln. Auch "unvergleichliche Säfte", das "einzig wahre Pest-Wasser" waren damals im Angebot - mit höchst fraglichen Ergebnissen.

Verängstigte Eltern, verlassene Kinder

Holzschnitt Illustration Pest Opfer 1491 aus einem illustriertem Medizinbuch

Holzschnitt-Illustration "Die Pest", Italien 1491.

Reisewarnungen, Quarantäne-Bestimmungen und immer drastischere Vorsorgemaßnahmen sind seit der Antike klassische Maßnahmen der Seuchenbekämpfung, die sogar Aufnahme in die Literatur fanden. Der italienische Renaissance-Autor Giovanni Boccaccio beschreibt in seiner Novellensammlung "Decamerone", wie "jeder den anderen vermied, jeder seine Nachbarn vernachlässigte und selten oder nie seine Eltern und Verwandten besuchte", als seit 1348 die Pest in Florenz wütete. Sogar ihre eigenen Kinder hätten verängstigte Eltern aufgegeben, schreibt der Italiener.

Als die Cholera im 19. Jahrhundert von Indien nach Amerika und Europa kam, konnten auch sanitäre Vorsorge und strenge Quarantäne die Epedimie nicht verhindern. In einigen Ländern lösten die strengen Schutzvorschriften gegen die nahende Epidemie sogar Aufstände aus. Die Quarantäre-Maßnahmen waren damals nutzlos, weil die Übertragung der Bakterien hauptsächlich durch verseuchtes Trinkwasser und schlechte Hygiene erfolgt, nicht über direkten menschlichen Kontakt wie bei SARS. Die damals neuen Verkehrsmittel Dampfschifffahrt und Eisenbahn trugen entsprechend der heutigen Luftfahrt zu der weltweiten Verbreitung der Krankheit bei.

Deutsche Agenten als Bio-Terroristen verdächtigt

Historisch nicht neu waren sogar die - schnell dementierte - Befürchtungen, bei SARS könnte es sich um eine neue Form des Bioterrorismus handeln. Als im Herbst 1918 die Welt von der "Spanischen Grippe", mit 27 Millionen Toten die schwerste Epidemie überhaupt, erfasst wurde, kam der Verdacht auf, deutsche Agenten hätten die Erreger in Theatern und anderen öffentlichen Orten verbreitet. Schulen und öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen, Versammlungen verboten. In einigen Städten der USA war das Tragen von Gesichtsmasken Pflicht. Zeitweise standen sogar das Husten und Niesen in der Öffentlichkeit unter Strafe. Der Umgang mit der schweren Atemwegserkrankung SARS mag heute weniger drastisch erscheinen. Wohl auch, weil SARS als vergleichsweise harmlos erscheint: Die ersten Erkrankungen traten erst vor sechs Monaten auf, doch bereits jetzt ist klar, dass die Krankheit weitaus weniger ansteckend und tödlich ist als ihre historischen Vorläufer. Im Rekordtempo wurde der Erreger identifiziert - der erste Schritt zu einem wirkungsvollen Impfstoff. (sams)