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Wirtschaft

"Niemand weiß, ob wir das überstehen können"

Er setzt viel Hoffnung in die junge Generation und erwartet wenig von der Pariser Klimakonferenz: Mojib Latif. Der mit dem Deutschen Umweltpreis geehrte Klimaforscher im DW-Interview über Paris und die Jugend.

DW: Sie sind gerade als erster Klimaforscher mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet worden. Was bedeutet für Sie so ein Preis?

Mojib Latif: Ich glaube, dass der Preis das öffentliche Bewusstsein für Klimaprobleme schärft. Das ist enorm wichtig, gerade wenn man bedenkt, dass die Klimakonferenz in Paris im November und Dezember kurz bevorsteht. Wir hoffen ja alle, dass in Paris ein bindendes Abkommen als Nachfolger für das Kyoto-Protokoll zustande kommt.

Wie hoch sind Ihre Erwartungen an die Konferenz?

Ich bin ziemlich sicher, dass ein Abkommen beschlossen werden wird. Aber es ist jetzt schon abzusehen, dass dieses Abkommen nicht ausreichen wird, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, auf das Wissenschaftler sich geeinigt haben. Wenn man mal hochrechnet, was die bisher vorgeschlagenen Lösungen bringen würden, dann müssten wir bis 2100 wohl mit dreieinhalb bis vier Grad Erderwärmung rechnen.

Das wäre ziemlich katastrophal. Können wir uns damit abfinden?

Ich weiß es nicht. Im Moment führen wir ein riesiges Experiment mit unserem Planeten durch und niemand weiß, ob wir eine solche Erwärmung überstehen können oder nicht. Das Risiko, dass wir das nicht überstehen, ist zu hoch, um eine so hohe Erwärmung zuzulassen.

Was müsste den passieren, um eine Erwärmung von dreieinhalb, vier oder sogar fünf Grad zu verhindern?

Die Teilnehmer an der G7-Konferenz diesen Sommer in Elmau haben es eigentlich ganz klar gesagt: Wir müssen die Weltwirtschaft bis 2100 entkarbonisieren. Mehr als 90 Prozent unserer Energie wird durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern produziert. Diese Brennstoffe müssen wir durch erneuerbare Energien ersetzen - Windenergie, Solarenergie, geothermische Energie, und dergleichen.

Jetzt haben wir ja auf der einen Seite diesen enormen Rummel um Paris - alle hoffen, dass die UN-Konferenz der Wendepunkt wird. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass in Paris kein hinreichendes Ergebnis erzielt werden wird. Besteht da nicht das Risiko, dass die Leute sich sagen: "Das ist mir total egal, denn es wird sowieso nicht genug erreicht"?

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir die Erfolge, die es bisher gab, anerkennen, vor allem in Deutschland. In den 1990ern hätte niemand erwartet, dass wir 30 Prozent unseres Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien decken würden. Das hat man der Öffentlichkeit bisher noch nicht genug vermittelt.

Sie denken also, die Medien sollten Erfolgsgeschichten mehr Platz einräumen?

Ich glaube, man muss da ein Gleichgewicht finden. Natürlich müssen die traurigen, die besorgniserregenden Geschichten erzählt werden. Aber wir müssen auch von Erfolgen erzählen, denn wir müssen die Leute motivieren, mitzumachen, Veränderung zu bewirken - wie zum Beispiel in Deutschland bei der Energiewende.

Das Problem werden wir nicht nur durch politische Handlungen lösen können. Die Mehrheit der Leute muss dafür sein, muss das unterstützen. Die Leute müssen mitmachen, auch dabei, kleinere Einheit der Energieerzeugung zu entwickeln, die zu den individuellen Strukturen passen.

Symbolbild Klimaschutz Wetterveränderung

"Die Teilnehmer an der G7-Konferenz haben es klar gesagt: 'Wir müssen die Weltwirtschaft bis 2100 entkarbonisieren.'"

Sie sind hier in Bonn, um mit jugendlichen Nachwuchswissenschaftlern zu sprechen. Diese Schüler sind die für ihre Forschungsarbeit ausgezeichnet worden. Die "Generation iPhone" könnten die Veränderungen, die Sie anstreben, umsetzen. Wie haben sie auf das, was Sie ihnen erzählt haben zum Weltklima, reagiert?

Ich habe den Eindruck, dass diese Generation wirklich etwas bewirken kann. Sie können anders denken, sie hängen nicht so an alten - und veralteten - Denkweisen. Autos bedeuten für sie zum Beispiel nicht so viel wie für uns ältere Leute. Ich bin recht positive überrascht von den jungen Leuten, und ich muss sagen, da hab ich keine Angst vor der Zukunft.

Die jungen Leute, mit denen Sie hier gesprochen haben, haben Preise gewonnen bei einem Wettbewerb, den die Hans-Riegel-Stiftung organisiert. Die Stiftung wurde von einem Süßwarenhersteller gegründet. Wie wichtig ist die Beteiligung vom privaten Sektor bei Projekten?

Es ist enorm wichtig, den Privatsektor zu beteiligen, weil wir die Zivilgesellschaft erreichen müssen. Wir müssen die Leute davon überzeugen, mitzumachen dabei, diesen Planeten zu retten. Und das schließt die Industrie mit ein.

Im Moment verhält sich die Industrie eher defensiv. Die haben Angst vor Veränderungen. Da haben Politiker eine großeVeranwortung, weil sie den rechtlichen Rahmen so stecken müssen, dass sich Umweltverschmutzung für Unternehmen nicht lohnt. Firmen, die die Umwelt schädigen, müssen zur Verantwortung gezogen werden, wenn es auch nur über höhere Steuern ist.

Ich persönlich bin für eine CO2-Steuer. Das ist wahrscheinlich der effizienteste Weg, Nutzer von fossilen Brennstoffen zu bestrafen. Ich würde sagen, wir brauchen sogar mehr als nur eine CO2-Steuer, wir brauchen eine Ressourcensteuer. Ohne klare finanzielle Anreize kriegen wir die Leute nicht dazu, weniger Ressourcen zu verbrauchen.

Symbolbild Klimawandel

"Wir führen ein riesiges Experiment mit unserem Planeten durch und niemand weiß, ob wir eine solche Erwärmung überstehen können oder nicht."

Diese Woche wurde bekannt gegeben, dass China stärker einsteigen will in den CO2 Handel. Vor kurzem haben außerdem China und die USA zusammen eine Erklärung abgegeben zum Thema Klimaschutz. Sind das wichtige Faktoren, die einen Durchbruch in Paris möglich machen könnten?

Das hoffe ich. Aber wenn man sich das genau anguckt, dann sind bisher keine radikalen Veränderungen vorgesehen. Obama bezieht sich auf ein anderes Referenzjahr als vorgesehen - eigentlich sollte er sich auf die Werte von 1990 beziehen, aber jetzt nimmt er 2005. Das ist etwas verlogen, wenn man bedenkt, dass dazwischen 15 Jahre liegen, in denen die USA ihre Emissionen deutlich gesteigert haben. China sagt, dass die Emissionen des Landes bis 2030 weiter steigen werden, sie reden also gar nicht über eine Reduzierung.

Was aber trotzdem gut ist: Wenigstens reden China und die USA über den Klimawandel. Diese beiden Länder waren bisher die stärksten Gegner von Klimamaßnahmen. Sie haben quasi das Scheitern des Kyotoprotokolls ausgelöst. Es gibt jetzt gerade ein Umdenken da und ich hoffe, dass das früher oder später zu weiterreichenden Verpflichtungen führt.

Wir sind ja im Moment mitten in einem großen Emissionsskandal in der Autoindustrie. Manche Experten sagen, dass dies ein Initialzünder sein könnte, der eine Revolution in punkto Nachhaltigkeit in der Transportindustrie möglich machen könnte. Wie sehen Sie das?

Ich stimme zu, dass das eine große Chance ist. Allerdings haben auch viele geglaubt, dass die Finanzkrise eine große Chance bergen würde. Es gab große Worte von Politikern - so etwas würde nie wieder passieren, meinten sie, Gehälter würden gekürzt und so weiter. Aber was ist passiert? Nichts. Die Dinge sind eigentlich genauso wie vorher.

Ich hoffe, das passiert jetzt mit dem Volkswagenskandal nicht nochmal, aber leider ist die Wahrscheinlichkeit wohl recht groß, dass die Dinge weiter ihren Weg gehen und alles beim Alten bleibt, Business as usual.

Interview: Irene Quaile

Mojib Latif ist Professor für Meereskunde und Klimadynamik am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. An diesem Sonntag ist er mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet worden, den die "Deutsche Bundesstiftung Umwelt" verleiht. Bundespräsident Joachim Gauck überreichte den Preis in Essen.

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