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Asien

Niemand kann den Tsunami vergessen

Sechs Jahre nach dem Tsunami an Weihnachten 2004 hat sich Sri Lanka einigermaßen erholt. Die Schäden sind weitgehend repariert und auch Touristen kommen wieder ins Land. Doch niemand kann die Katastrophe vergessen.

Dorfstraße mit Motorroller (Foto: DW)

Auf den ersten Blick deutet nichts mehr auf die Katastrophe hin

Surfer Neil mit einem Einheimischen (Foto: DW)

Neil aus Wales hat Freundschaften mit Einheimischen geschlossen. Er kommt seit der Tsunami-Katstrophe jedes Jahr

Jina geht durch die Veranda seines Restaurants. Nickend grüßt der Wirt des vegetarischen Restaurants in dem kleinen Küstendörfchen Unawatuna ein paar Gäste. Dann deutet er auf das Nebengebäude. Ein gemauertes Häuschen, zweistöckig, etwa 200 Meter vom Strand entfernt. Es erinnert ihn stets an den 26.12.2004, erzählt Jina. "Ich habe diese Bilder noch lebhaft vor mir. Die Zerstörung, wie die Häuser zusammengebrochen sind. Die Schreie." Er deutet hinauf zum Balkon. Dort oben hat er gestanden, als das Wasser kam. "Ich habe meiner Frau zugerufen sie soll zu mir hoch kommen. Aber sie schrie `nein, ich kann nicht, das Wasser reißt mich weg’. Ich bin dann runter gesprungen und habe sie hoch gezerrt. Mein Baby war sechs Monate alt. Wir wussten nicht wo die Kleine war, bis fünf Uhr nachmittags nicht. Der Tsunami kam um neun Uhr früh. Meine Frau hat nur noch geschrien."

Die Bilder haben sich eingebrannt

Idylle pur – ein Kolonialhaus in Unawatuna (Foto: DW)

Idylle pur – ein Kolonialhaus in Unawatuna. Der Tsunami hatte auch hier alles zerstört.

Jina blinzelt – nicht wegen des grellen Lichtes – er hat Tränen in den Augen. Alles war überflutet, erzählt er. "Die Wände sind einfach zusammengeklappt. Und überall schwammen Leichen, zusammen mit Möbeln und Abfall." Bei ihm sei zum Glück alles gut gegangen. Das Baby hat überlebt, der Rest der Familie auch. Natürlich habe auch er Freunde verloren, meint Jina dann etwas gefasster. 60 Tote gab es allein hier im 2000-Seelendorf Unawatuna, 40.000 waren es im ganzen Land. Viele Bewohner seien noch traumatisiert.

Über den Tsunami spricht Jina kaum mit Touristen. Die kennen ihn als den stets gut gelaunten Wirt mit den blitzenden Augen. Jina läuft hinaus auf die Hauptstrasse. Die Schule, der Kindergarten und die Strassen, das alles hatte die Welle zerstört. Aber davon sieht man heute nichts mehr. Vieles ist mit Spenden wieder aufgebaut worden. Und seit einem Jahr laufen auch die Geschäfte wieder.

Aufbruchsstimmung

Am Strand, meint Jina, merke man das noch viel mehr. Dort schleppt Neil aus Wales gerade sein Surfboard aus dem Wasser. Er schüttelt den Sand von seiner roten Shorts und setzt sich erschöpft neben seine Freundin Katy. "Schau dir das an", meint er zufrieden. "Die vielen Touristen, auf einmal sind sie wieder da. Sechs Jahre nach dem Tsunami." Seit der Katastrophe hätten sie jetzt erstmals wieder Kinder am Strand gesehen, sagt Katy. "Heute – vier Familien. Und immer mehr Pauschaltouristen und weniger Backpacker." Neil und Katy sind quasi Stammgäste. Weil sie die Menschen, die im Tourismus arbeiten, unterstützen wollen, kommen sie seit 2005 ganz bewusst jedes Jahr nach Sri Lanka.

Der Hotelmanager Saliya aus Unawatuna (Foto: DW)

Der Hotelmanager Saliya aus Unawatuna

Katy springt auf. Die Wellen kommen schon bis an ihr Handtuch, die Flut kommt herein. Zwei blasse Urlauber neben ihnen retten ebenfalls ihre Utensilien. Mandy und Frank aus Berlin. Etwas irritiert schauen sie immer wieder auf die Fotos in ihrem Reiseführer und dann wieder auf den schmalen Strand der ein Kilometer langen Bucht. "Im Reiseführer steht, dass es in Unawatuna einen Bilderbuchstrand gibt. Wo man gemütlich sitzen kann, mit Restaurants am Strand. Aber wenn man da auf der Terrasse sitzt, dann sitzt man eigentlich fast im Meer", klagt Mandy. Von einem breiten Sandstarnd kann nicht die Rede sein.

Überschwemmte Terrassen und Erosion

Die beiden Surfer Neil und Katy nicken zustimmend. Ja, die Häuser stünden heute tatsächlich näher am Meer als vor dem Tsunami. Sie zeigen hinüber ans Ende der Bucht zum Hotel „Banana Garden“. Saliya, der Manager, könne erklären, was in Unawatuna passiert sei. Saliya ist Ende dreißig und durchtrainiert. Freundlich schaut er über die Terassenmauer. Theoretisch gelte seit dem Tsunami ein Bauverbot direkt am Wasser. Ein Mindestabstand müsse eingehalten werden. Praktisch, so der Manager schulterzuckend, würden die Regeln oft ignoriert. In manchen Orten sei die Anordnung auch bereits abgeschafft worden. Und so stehen beinahe alle Häuser direkt am Wasser. „Weil die Leute wissen, dass man am Strand bessere Geschäfte machen kann“, sagt Saliya. „Die Leute haben am Strand gebaut, obwohl es eigentlich illegal ist. Deshalb ist die ganze Bucht kaputt.“

Optimismus nach Ende des Bürgerkrieges

Aber die Rechnung mit den Geschäften, die gehe jetzt endlich auf, erklärt er weiter. Als Mitglied des Tourismusverbands kennt er die Zahlen. Direkt nach dem Tsunami seien zunächst gar keine Touristen gekommen. Und als es dann gerade wieder bergauf ging, 2006, sei der Bürgerkrieg wieder entflammt. Aber nun herrsche seit fast einem Jahr Frieden. Und endlich kämen auch die Touristen wieder. Saliyas Augen beginnen zu leuchten. „Früher hatten wir von Dezember bis April Saison“, erzählt er eifrig gestikulierend. „Aber seit fast einem Jahr, seit der Krieg zu Ende ist haben wir praktisch das ganze Jahr über Touristen. Ich würde sagen es kommen 40 Prozent mehr Urlauber, seit der Krieg zu Ende ist. Und 2012 werden noch viel mehr kommen.“

Autorin: Miriam Klaussner

Redaktion: Silke Ballweg

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