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Deutschland

"Niemand hat sich abgewandt"

Die erfundene Geschichte vom Tod eines syrischen Flüchtlings hielt ganz Berlin in Atem. Der Verein "Moabit hilft" klagte vorschnell die Behörden an und erntete harsche Kritik, vor allem seine Sprecherin Diana Henniges.

DW: Frau Henniges, was hat sich geändert für Ihren Verein seit sich die dramatische Facebook-Schilderung als Lüge herausstellte, wonach ein Syrer auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben sei, nachdem er tagelang in der Kälte vor einer Behörde in Berlin-Moabit anstehen musste?

Nichts, gar nichts, was unsere tägliche Arbeit betrifft. Wir haben genauso viel zu tun, haben genauso viele Helfer und auch die Spenden sind nach wie vor ganz gut.

Kein Nachlassen der Spendenbereitschaft?

Nein, obwohl das viele ihrer Kollegen immer hören wollen. Von denen, die wichtig für uns sind, hat sich niemand abgewandt. Wir haben erst vergangene Woche 12.000 Euro von der Fernsehsendung "Circus HalliGalli" bekommen.

Sie sehen Ihre Glaubwürdigkeit nicht beschädigt?

Wir haben das nicht vorsätzlich gemacht, sondern einem Helfer geglaubt, der sehr engagiert aber gleichzeitig offenbar überfordert war durch die Zustände hier am LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales, d.A.). Denen die Geflüchteten übrigens nach wie vor ausgesetzt sind. Wir haben uns öffentlich entschuldigt Aber man kann sich auch fragen, wieso alle, auch die Medien uns sofort geglaubt haben.

Diana Henniges spricht für die Initiative Moabit hilft

Diana Henniges spricht für die Initiative "Moabit hilft"

Warum denn?

Hier in Berlin wird täglich das Asylbewerber-Leistungsgesetz mannigfach gebrochen, mit dramatischen Folgen für die Geflüchteten. Das ist kein Geheimnis. Allein was die Situation der besonders Schutzbedürftigen betrifft, die in Berlin komplett unberücksichtigt bleibt. Da gibt es Schwangere in Turnhallen, Behinderte, die im 4. Stockwerk untergebracht sind, ohne Fahrstuhl. Krebskranke, die keine Chemotherapie erhalten, weil die notwendige Bescheinigung zur Kostenübernahme so lange dauert.

Es gibt aber direkt am "Lageso" einen medizinischen Stützpunkt der Caritas.

Die Kapazität reicht nicht aus, hier können pro Tag vielleicht 15 bis 20 besonders Schutzbedürftige behandelt werden. Aber mindestens 50 müssten es sein.

Nachdem bekannt wurde, dass es den verstorbenen Syrer gar nicht gibt, sprach der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) von der "miesesten und perfidesten Aktion" die er je erlebt habe. In den sozialen Netzwerken ergoss sich ein Shitstorm über Sie persönlich.

Wenn Herr Henkel etwas sagt, ist das die Nachricht in der Zeitung, in die morgen Fisch eingewickelt wird. Mir ist vor allem wichtig, dass die Leute an uns glauben, die unsere Hilfe brauchen. Es stimmt, wir haben an die 500 hämische oder Hass-Mails bekommen: "Ihr schafft es wohl nicht mehr, Spenden einzusammeln, da musste ein toter Flüchtling her. Aber davon haben wir ja genug". Wir werden aus der rechten Ecke auch privat bedroht, darum müssen wir uns kümmern, denn die stehen bei uns vor der Haustür. Da laufen mehrere Anzeigen bei der Polizei.

Wie sieht die tägliche Arbeit von "Moabit hilft" aus?

Sachen aller Art sortieren und herausgeben, die gespendet werden. Hygienemittel einkaufen, Leute beraten, Spenden akquirieren. Bei uns rufen Polizei, Jugendamt, Sozialamt an und stellen Fragen. Wir sind Multiplikatoren. Der harte Kern der Helfer, das sind ungefähr 60 Leute, arbeitet im Zwei-Schicht-System. Die Hälfte davon sind selbst Geflüchtete.

Moabit hilft heißt Flüchtlinge willkommen

"Moabit hilft" heißt Flüchtlinge willkommen

Das Berliner "Lageso" gilt deutschlandweit als schlechtes Beispiel für den Umgang mit Flüchtlingen. Lange Wartezeiten, undurchsichtige Strukturen. Kürzlich wurde der Chef ausgewechselt. Sehen Sie Anzeichen, dass sich das Chaos lichtet?

Der neue Chef und einige Berater kommen von McKinsey, auch Personal aus der Polizei verstärkt die Behörde. Externer Sachverstand könnte die verkrusteten Strukturen aufbrechen, denn in anderen Bundesländern läuft es ja auch besser. Beispielsweise hat der neue Behördenleiter dafür gesorgt, dass registrierte Geflüchtete wenigstens schnell 100 Euro Vorschuss erhalten, wenn es wegen des großen Rückstaus schon nicht rechtzeitig mit der Regelversorgung klappt. Vorher gab es manchmal wochenlang gar kein Geld für die Geflüchteten. Wir haben dann in einer Woche aus Spendenmitteln manchmal Lebensmittelgutscheine für 10.000 Euro ausgegeben.

In Ihrem Regal hier stehen zwei Megaphone. Wofür sind die?

Die haben wir erst vergangene Woche an eine Gruppe von afghanischen Flüchtlingen verliehen, die gegen die Zustände hier am Lageso protestiert haben.

Das Interview führte Bernd Gräßler

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