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Deutschland

"Niemand hat gefragt, ob wir dieses Leben wollten"

Der Amoklauf am 11. März 2009 veränderte das Leben in der schwäbischen Kleinstadt Winnenden grundlegend. Der Ort stand unter Schock und wurde von den Medien belagert. Drei Monate später jedoch hat sich das Bild geändert.

Container als Provisorium der Albertville-Schule (Foto: DPA)

Der Unterricht findet vorläufig in diesen grauen Containern statt

Winnenden ist zur Ruhe gekommen. Äußerlich erinnert kaum noch etwas an den Amoklauf. Viele Beete sind frisch bepflanzt, in den Cafés genießen Menschen die Sonne, das Freibad ist gut besucht. An den Häusern hängt kein Trauerflor mehr, die Flaggen auf Halbmast sind verschwunden, ebenso die Blumen, Kerzen und Gedenkkarten vor der Albertville-Realschule. Nach Ostern hat die Stadt begonnen, die Zeichen der Trauer zu entfernen, um Schritt für Schritt ein Stück Alltag zu ermöglichen. Das große City-Fest im Juli wurde allerdings abgesagt.

Eltern der Opfer kämpfen gegen Waffen

Gisela Mayer, die Sprecherin des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden (Foto: DPA)

Gisela Mayer, die Sprecherin des Aktionsbündnisses "Amoklauf Winnenden"

Im Nachbarort Leutenbach liegt das Büro des "Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden". Die Initiative wurde von acht Opferfamilien gegründet; gemeinsam kämpfen sie für gesellschaftliche und gesetzliche Veränderungen. Sie wollen im Nachhinein dem Tod ihrer Kinder einen Sinn geben und verhindern, dass es in Deutschland zu weiteren Amokläufen kommt.

Sprecherin Gisela Mayer hat am 11. März ihre 24-jährige Tochter verloren, die als Referendarin in der Albertville-Realschule gearbeitet hatte. Heute sammelt sie Unterschriften, gibt Interviews und nimmt die Politik in die Pflicht: "Die derzeit geplanten Änderungen des Waffengesetze gehen uns nicht weit genug. Wir fordern, dass großkalibrige Waffen nicht mehr als Sportwaffen gelten. Sie gehören nicht in Privatbesitz." Die Minimalforderung der Initiative sei, so Mayer, dass Sportwaffen und Munition konsequent getrennt werden - so wie es in der Schweiz bereits der Fall sei.

Trauma-Experten aus Erfurt im Einsatz

Blumen vor der Albertville-Schule (Foto: DW)

Trauerbekundungen nach dem Amoklauf am 11. März 2009

Seit dem Amoklauf sind mehrere hundert Schulpsychologen und Trauma-Experten in Winnenden im Einsatz gewesen. Schräg gegenüber der leer stehenden Albertville-Realschule steht inzwischen ein Containerbau. Hier können sich Schüler, Lehrer und direkt oder indirekt betroffene Bürger Hilfe holen. Die hier arbeitenden Psychologen bringen zum Teil Erfahrungen aus dem Erfurter Amoklauf mit.

Der Kölner Diplom-Psychologe Thomas Weber koordiniert die langfristige Betreuungsarbeit. Man habe es immer noch mit sehr komplexen Trauer- und Trauma-Prozessen zu tun, erzählt Weber. "Mit vielen Kindern reicht es aus, dass wir mit stabilisierenden Übungen arbeiten und die Eltern einbeziehen, andere Menschen wiederum werden von uns umfassend betreut, und wiederum andere werden von uns direkt in eine individuelle Psychotherapie übergeleitet."

Neue Schule aus Containern

Auch die Schüler der direkt betroffenen Albertville-Realschule werden seit der Tat von Psychologen betreut. Nach der Tat wurden die Klassen auf andere Schulen in der Umgebung verteilt; seit Mitte Mai haben die Schüler wieder ein eigenes Gebäude. Auf dem Gelände eines Sportplatzes steht eine neue, provisorische Albertville-Schule aus grauen Containern. Alle Klassen werden immer von zwei Lehrern gleichzeitig unterrichtet.

Doch schon im nächsten Jahr soll der Unterricht wieder im alten Schulgebäude stattfinden. Dafür hat sich ein Arbeitkreis aus Schülern, Lehrern, Eltern, Psychologen, Stadt und Schulbehörden ausgesprochen. Bis dahin soll die Schule so umgebaut werden, dass nichts mehr direkt an den Amoklauf erinnert.

Autor: Till Opitz

Redaktion: Silke Wünsch / Kay-Alexander Scholz