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Wirtschaft

Niedrige Löhne in Deutschland

Arbeitnehmer werden über diese Nachricht nicht jubeln: Ihre Reallöhne sind in den vergangenen zehn Jahren geschrumpft. Damit bildet Deutschland das Schlusslicht im Vergleich zu anderen Industrieländern.

Teilnehmer einer Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Bayern protestieren am Samstag (13.11.10) in Nuernberg, Foto: dapd

In Deutschland sind viele unzufrieden mit der Arbeitsmarktsituation

Die deutsche Wirtschaft wächst nach der Krise rekordverdächtig - im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern. Rekordhalter im negativen Sinne ist Deutschland in einem anderen Bereich, nämlich bei den Löhnen. Während in den meisten anderen Industrieländern die Löhne in den vergangenen zehn Jahren stiegen - im Schnitt um ein Viertel - schrumpfte das reale Durchschnittsgehalt in Deutschland. So hatten die Deutschen vor zehn Jahren noch viereinhalb Prozent mehr Geld zur Verfügung als heute. Das zeigten die inflationsbereinigten Zahlen, die die internationale Arbeitsorganisation ILO am Mittwoch (15.12.2010) vorlegte.

Auch wenn in anderen Ländern die Löhne in den vergangenen zehn Jahren real angestiegen sind, die Wirtschaftskrise hat den Anstieg kräftig gedämpft. Während 2006 und 2007 die Arbeitnehmer weltweit im Schnitt bis zu 2,8 Prozent mehr Lohn in der Tasche hatten, waren es in den beiden folgenden Krisenjahren nur noch etwa eineinhalb Prozent mehr.

Infografik Lohnentwicklung in ausgewählten Ländern seit 2000 bis 2009 Deutsch

Infografik Lohnentwicklung in ausgewählten Ländern seit 2000 bis 2009 Deutsch Grafik: DW-Grafik Olof Pock Datum: 15.12.2010 2010_12_15_lohn_gehaltsentwicklung.jpg

Die Zeche für die weltweite Wirtschaftskrise haben aus Sicht der UN-Arbeitsorganisation ILO damit vor allem die Beschäftigten bezahlt. Und das spiegelt sich auch in der Zahl der Arbeitslosen wider. Gegenüber 2007 sei die Zahl der Arbeitslosen weltweit um knapp 30 Millionen auf rund 207 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen.

Der Preis des Wachstums

Arbeitslose informieren sich über freie Stellen, Foto: dpa

Niedrige Löhne und flexible Strukturen haben Arbeitslosenquote in Schach gehalten

Keine der führenden Industrienationen steht im weltweiten Wettbewerb besser da; Deutschland ist Europas Konjunkturlokomotive auf dem Weg aus der Wirtschafts- und Finanzkrise. Gerade wegen des flexiblen Arbeitsmarktes galt Deutschland so manchem anderen als Paradebeispiel dafür, wie man gut durch eine Wirtschaftskrise kommt. Beispiel: Kurzarbeit. Unternehmen haben in der Krise ihre Mitarbeiter nicht entlassen, sondern auf Kurzarbeit umgestellt. Das bedeutet: Die Arbeitnehmer arbeiteten vorübergehend nicht mehr, wurden aber nicht entlassen. Ihr Gehalt wurde zu einem Teil von der Bundesagentur für Arbeit gezahlt, zum anderen von den Unternehmen.

So hielt sich der Anstieg der Arbeitslosenzahlen auch in der Krise in Grenzen. Das lobte die ILO: Durch "intelligente Arbeitsmarktinstrumente" und einen "guten Dialog mit den Sozialpartner" seien die Beschäftigung stabil geblieben und die Löhne nur leicht gesunken. Die Kurzarbeitsregelung sei eine "gute Investition" gewesen, die Entlassungen verhindert und die Binnennachfrage gestützt habe.

Fast leere Werkhallen - die gesamte Belegschaft bei Autoliv war monatelang in Kurzarbeit Foto: Silvia Tagge

Fast leere Werkhallen - die gesamte Belegschaft bei Autoliv war monatelang in Kurzarbeit

Flexibler Arbeitsmarkt - das heißt aber auch: Die Zahl der Menschen, die in einer unbefristeten, sozial abgesicherten Arbeit nachgehen, ist in den letzten Jahren - und zwar schon vor der Krise - gesunken. Immer mehr Menschen arbeiten in Minijobs und immer mehr Menschen verdienen so wenig, das sie vom Lohn ihrer Arbeit nicht leben können. Außerdem ist die Zahl der Leih- oder Zeitarbeiter gestiegen. Diese Arbeitsformen und moderate Tarifabschlüsse trugen nach Angaben der ILO dazu bei, dass die Löhne im Durchschnitt ein Jahrzehntlang gesunken sind. Dadurch sind zwar die deutschen Unternehmen wettbewerbsfähiger geworden, die private Nachfrage wurde aber nicht gestärkt und die Lohnentwicklung orientierte sich nicht an der Produktivitätsentwicklung.

Einkommensschere klafft auseinander

Symbolbild: Jemand wühlt in einer Mülltonne, Foto: fotalia

Arme werden ärmer, Reiche reicher

Auch in anderen Ländern wie Südkorea, den USA und Japan richteten sich die Löhne nicht mehr am Produktivitätswachstum aus, meintMalte Lübker von der ILO. Dadurch werden die Einkommen umverteilt: Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen steigen, während das Einkommen der Arbeitnehmer sinkt. Die ILO fordert daher, eine Produktivitätssteigerung auch mit Lohnzuwächsen einhergehen zu lassen. Zugleich müsse dem Trend zu mehr Geringverdienern und Niedriglöhnen entgegengewirkt werden.

Deutsche fordern mehr Lohn

Es kommt aber wieder Bewegung in die Lohnstruktur. Inspiriert durch den kräftigen Konjunkturaufschwung, steigen in Deutschland auch die Lohnforderungen der Gewerkschaften. Im öffentliche Dienst verlangt man drei Prozent mehr Gehalt, bei der Telekom sechseinhalb Prozent und die Industriegewerkschaft IG BCE fordert für die Mitarbeiter in der Chemiebranche ebenfalls ein Plus von rund sechs Prozent. Und auch die IG Metall will mit einer hohen Lohnforderung in die im Frühjahr 2012 anstehende Tarifrunde gehen.

Autor: Insa Wrede (rtr, dpad)

Redaktion: Klaus Ulrich

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