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Deutschland

Niedersachsens erster Afro-Bürgermeister

Seine Wahl war eine Sensation. Seit sechs Monaten ist der gebürtige Kameruner Chicgoua Noubactep Bürgermeister eines kleinen Dorfes in Norddeutschland. Dort kommt er immer noch gut an. Gwendolin Hilse hat ihn besucht.

Saftige Wiesen, leuchtend gelbe Rapsfelder und tiefgrüne Wälder: Die Kulisse rund um Rittmarshausen ist malerisch. Das kleine Dorf nahe der Universitätsstadt Göttingen mit seinen alten Fachwerkhäusern und seiner kleinen Burg wirkt auf den ersten Blick wie viele andere in der Region. Aber Rittmarshausen ist alles andere als gewöhnlich: Hier regiert Chicgoua Noubactep.

Die 770 Einwohner haben den gebürtigen Kameruner im September 2016 zu ihrem Ortsbürgermeister gewählt. "Ich habe zwei Tage gebraucht, bis ich das Ganze realisiert habe", sagt Noubactep im DW-Gespräch. Mit 35 Prozent ging er als Erster ins Rennen. Damit gewann er doppelt so viele Stimmen wie der Zweitplatzierte. Mindestens 111 Menschen müssten ihr Kreuz bei seinem Namen gesetzt haben, sagt Noubactep. "Zu dem Zeitpunkt war ich mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt so viele Menschen in Rittmarshausen kenne." Bei seinem Amtsantritt vor einem halben Jahr war Noubactep der erste gebürtige Afrikaner, der in Niedersachsen zum Bürgermeister gewählt wurde - und einer der ersten deutschlandweit.

Vom Geologen zum Lokalpolitiker

Eigentlich ist Chicgoua Noubactep Geologe. 1995 kam der 48-Jährige für seine Promotion nach Dresden. 2002 wechselte er an die Universität Göttingen. Dort lehrt er als Privatdozent Studierende, wie man aus einfachen Mitteln Trinkwasserfilter baut. Noubactep betreut außerdem Trinkwasserprojekte in Kamerun und Tansania. Weitere in Ruanda, Uganda und Südafrika sollen folgen. Seine Frau Nelly arbeitet als Krankenschwester in Göttingen. Sie war es, die vor vier Jahren den Wunsch äußerte, aufs Land zu ziehen. So wurde das Eigenheim im beschaulichen Rittmarshausen zum neuen Zuhause der fünfköpfigen Familie.

Rittmarshausen in Niedersachen: Weiße Häuser mit roten Dächern, im Hintergrund Wiesen, Bäume und Windräder.

Mehr als 100 Einwohner von Rittmarshausen haben Chicgoua Noubactep zum Bürgermeister gewählt.

Sie hätten sich sofort wohl gefühlt, erzählt Noubactep. "Die Menschen hier sind einfach so herzlich und helfen, wo sie nur können." Vor allem die Nachbarn in ihrer Doppelhaushälfte haben die Noubacteps schnell in die Dorfgemeinschaft integriert. Seine Kinder sind in den örtlichen Sportvereinen aktiv. "Das Zusammenleben ist einfach wunderbar. Man lebt nicht einfach anonym aneinander vorbei. Es gibt noch so etwas wie eine echte Kameradschaft. Hier ist die Welt noch in Ordnung."

Im November trat der parteilose Chicgoua Noubactep das Ehrenamt an. "Von Menschen gewählt zu werden und von ihnen eine Aufgabe zu bekommen ist etwas, was ich mir nie zu träumen erhofft habe", sagt er gerührt. Die Familie in seiner Heimatstadt Bangangté ist stolz auf ihren "Monsieur le maire", wie sie ihn nennen. Ein jeder Afrikaner trage die Aufgabe in sich, das Ansehen seiner Familie zu steigern. "Und das habe ich durch meine Wahl als Bürgermeister in einem weißen Land mehr als gut bewerkstelligt," scherzt Noubactep. "Auch wenn das Ganze nicht geplant war."

Noubactep mag es unkonventionell

Zu seinem Job gehören vor allem administrative Aufgaben. Noubactep muss der zuständigen Gemeinde Gleichen zuarbeiten, zu der Rittmarshausen gehört. Auch die Dienstpost und der Dorffriedhof gehören zu seinem Zuständigkeitsbereich. Besonders wichtig ist es Noubactep, dass Institutionen und Vereine bestehen bleiben. Auch möchte der umtriebige Bürgermeister Städtepartnerschaften aufbauen - bevorzugt mit Orten in Kamerun und Tansania.

Chicgoua Noubactep spricht mit Katrin Schlick, der Geschäftsführerin eines Bio-Lieferservices

Dem Politneuling ist der direkte Kontakt zu den Bürgern wichtig

Auch wenn er die deutsche Bürokratie und Ordnung liebt: Noubactep mag es unkonventionell. Viele seiner Amtskollegen bieten zu festen Zeiten Sprechstunden an. Der Neupolitiker macht sich dagegen schon mal nach einem Anruf sofort auf den Weg. An diesem Nachmittag steht ein Besuch bei Katrin Schlick und ihrem Biolieferservice "Lotta Karotta" an. Mehr als 700 Kunden beliefert sie wöchentlich mit frischem Biogemüse aus eigenem Anbau. Ihr Betrieb gehört zu den größten Arbeitgebern des Dorfes. Schlick möchte vor allem das Problem der öffentlichen Verkehrsmittel besprechen. Denn bisher fährt der Bus nach Göttingen nur wenige Male am Tag.

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Niedersachsens erster Afro-Bürgermeister

Jeder wird gegrüßt

Während Chicgoua Noubactep die Hauptstraße entlanggeht, hebt er immer wieder die Hand. Jeder Autofahrer und jeder Fußgänger wird herzlich begrüßt. "Ich kenne zwar noch nicht alle meine Bürger, aber ich bin dabei, sie kennenzulernen", lacht Noubactep. Eine Eigenschaft, die auch Katrin Schlick zu schätzen weiß. "Chicgoua zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er aktiv auf die Menschen zugeht." Das habe sie bisher bei noch keinem anderen Bürgermeister gesehen. "Er kümmert sich wirklich um die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger und ist wirklich interessiert, was wir hier machen."

Noubacteps Wahl vor einem halben Jahr stieß auf ein großes Medienecho. Immer wieder kommen Journalisten in das sonst so ruhige Dorf. Katrin Schlick fühle sich dabei immer etwas zwiegespalten. "Auf der einen Seite ist es schon etwas Besonderes, dass ein Kameruner in so einem Dorf Bürgermeister ist", sagt sie und lässt dabei den Blick in die Ferne schweifen. "Andererseits finde ich aber auch, dass es gar nicht so besonders und bemerkenswert sein dürfte."

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