1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Klimawandel

Niedergang der Alpen-Gletscher unaufhaltsam

Gletscher in den Alpen haben seit 1900 die Hälfte ihrer Masse verloren; seit 1980 hat sich das Gletscherschmelzen extrem beschleunigt. Die meisten alpinen Gletscher dürften bis Ende des Jahrhunderts wohl verschwinden.

"Es ist bald soweit, dass wir uns endgültig von unseren Gletschern verabschieden müssen", sagt der österreichische Bergbauer Siggi Ellmauer und schaut wehmütig auf die zerklüfteten Gipfel, die über dem Pyhrn-Tal thronen. "Als Kind hätte ich niemals gedacht, dass die Gletscher verschwinden könnten. Selbst vor 20 Jahren gab es dort oben auf dem Nordhang noch Eis. Wir alle haben zugesehen, wie die Gletscher hier und anderswo im Land geschmolzen sind", so Ellmauer.

"Wann werden sie komplett verschwunden sein?"

Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass die meisten Gletscher in den Alpen bis 2100 abgeschmolzen sein werden. Es gebe bereits genug Treibhausgas-Verschmutzung in der Luft, um fast das gesamte Eis schmelzen zu lassen, sagt der Klimaphysiker Carl-Friedrich Schleussner, der als wissenschaftlicher Berater der Nichtregierungsorganisation Climate Analytics arbeitet. Selbst dann, wenn die Treibhausgas-Emissionen sofort auf null heruntergefahren würden.

Zwar könnten einige Auswirkungen auf das Klima bei einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius abgemildert werden - den Niedergang der alpinen Gletscher könne das aber nicht aufhalten, so der Klimaforscher. Einige wenige Eisfetzen mögen in den hohen schattigen Felsspalten erhalten bleiben, aber die großen Flüsse aus Eis, die in die Täler stürzten, werden verschwinden. Und es werde in Zukunft vermutlich zu warm sein, damit sich neue Gletscher bilden könnten, so Schleussner.

Keine Besserung in Sicht

Das extreme Schmelzen habe sich vergangenes Jahr fortgesetzt, weiß Andrea Fischer vom Österreichischen Alpenverein, die das Team aus Wissenschaftlern und Freiwilligen leitet, die die jährlichen Messungen vornehmen. Im April haben sie die jüngsten Ergebnisse veröffentlicht.

Zwischen Oktober 2015 und September 2016 sind Österreichs Gletscher demnach im Durchschnitt um 14,2 Meter zurückgegangen. Am Hornkees-Gletscher in den Zillertaler Alpen im Westen waren es sogar 65 Meter. 87 der untersuchten 90 Gletscher seien geschmolzen, so Fischer - zehn davon haben mehr als 30 Meter verloren.

Der Gletscher Landeck Kees hat hingegen überraschenderweise einen Meter dazugewonnen. Es wird vermutet, dass der Gletscher an einer Stelle geschmolzen ist, an der das Terrain ein bisschen steiler ist. So konnte sich das Eiswasser an anderer, schattigerer Stelle sammeln. Dadurch hat der Gletscher leicht an Länge gewonnen. Je mehr Schmelzwasser von oben herunter läuft, desto besser wird die Gletscherbasis angefüttert.

Die Aufzeichnungen des Alpenvereins über die Gletscher gehen zurück bis 1870. Die neuen Messungen bestätigen, dass das Gletscherschmelzen im 21. Jahrhundert rapide zugenommen hat - also genau in dem Zeitraum, in dem die globalen Temperaturen fast jedes Jahr zu Rekordhöhen anstiegen.

Dabei sind Gletscher wichtig für die Wasserversorgung und das Ökosystem in den Bergen. Weniger Wasser oder saisonale Schwankungen im Volumen haben vermutlich größere Auswirkungen auf kleinere Flüsse in den höher gelegenen Tälern und das Ökosystem. Wissenschaftler untersuchen die Auswirkungen auf beispielsweise Fische und Insekten sowie Büsche und Bäume - ohne endgültiges Ergebnis bisher.

Exzessive Schmelze

Trotz relativ guter Bedingungen, war die Gletscherschmelze enorm: Der Frühlingsschnee sorgte für eine reflektierende Schutzschicht, und die schneefreie Saison war kürzer als sonst. Das habe eine noch stärkere Abschmelze verhindert, so Fischer. Im vorherigen Jahr gingen drei Gletscher jeweils um mehr als 90 Meter zurück.

Die österreichischen Gletscher verlieren nicht nur an Länge, sondern auch an Dicke, so der Gletscherforscher Anton Neureiter, der an der Zentralanstalt für Metorologie und Geodynamik (ZAMG) forscht.

Österreich Pasterze Gletscher (Bob Berwyn)

Der Gletscher Pasterze schrumpft immer mehr und fällt auseinander

Neureiter misst die Eismasse von 12 Gletschern nördlich und südlich des Hauptkamms der Alpen. An der Schnauze des Pasterze-Gletschers, Österreichs größtem Gletscher, bereitet der Wissenschaftler seine Messungen vor. Er bohrt dort so lange ins Eis, bis er auf Gestein trifft. Um herauszufinden, wie stark die Eisdecke geschrumpft ist, überprüft er jedes Jahr dieselbe Stelle.

Um den Niedergang der Gletscher zu beobachten, sei die Bohrausrüstung allerdings gar nicht mehr nötig, sagt Neureiter.

Sterbende Gletscher

"Man kann den Wandel von Jahr zu Jahr sehen; sogar von Monat zu Monat - jedes Mal, wenn man den Gletscher besucht", sagt der Forscher. "Dieser Gletscher stirbt. Er fällt auseinander", ergänzt der Wissenschaftler und deutet auf graue und braune Haufen bröckeligen Eises am Rand.

Der Pasterze-Gletscher nahe des Großglockner ist in den vergangenen Jahren durchschnittlich um etwa einen Meter pro Jahr geschrumpft - und um neun Meter in der Nähe der Gletscherschnauze.

Video ansehen 06:31

Das große Gletscher-Schmelzen

Nach Angaben des World Glacier Monitoring Service folgt der Niedergang der österreichischen Gletscher einem weltweiten Trend: Untersuchungen von 130 Gletschern rund um den Globus haben ergeben, dass jeder Eiskoloss 2015 durchschnittlich um rund einen Meter dünner geworden ist. Seit 1980 haben die Gletscher durchschnittlich um 20 Meter an Dicke verloren.

Wenn das Wasser der Gletscher (die Polargletscher nicht mitgerechnet) abgeschmolzen ist, könnte der globale Meeresspiegel um 0,3 bis 0,6 Meter ansteigen. Niedrig gelegene Inseln würden versinken, Überflutungen von Küstenregionen durch Stürme und Hurrikane wären verheerender. Betreffen würde das rund 670 Millionen Menschen.

Audio und Video zum Thema