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Europa

Nie wird das "Hejnal" zu Ende gespielt

Jeden Tag zur vollen Stunde ertönt in Krakau das "Hejnal". Ein Trompetensignal das zu den Sehenswürdigkeiten gehört. Die Melodie wird jedoch nie ganz zu Ende gespielt. Grund dafür ist eine düstere Legende.

Blick aus dem Turm der Marienkirche in Krakau (Foto: Justyna Broska)

Blick aus dem Turm der Marienkirche

Es ist drei Minuten vor elf, auf den mittelalterlichen Marktplatz in Krakau strömen immer mehr Menschen. Alle schauen erst gespannt auf den Kirchturm und dann wieder auf die Uhr. Vor allem Touristen versammeln sich, um einem der Highlights Krakaus beizuwohnen: "Ich komme aus den USA und warte hier auf dieses Trompetensignal", erzählt einer der Umstehenden.

Fotos, Filme und Live-Übertragung

Trompetenspieler Daniel Krzysztof in Krakau (Foto: Justyna Broska)

Trompetenspieler Krzysztof Daniel

Schließlich schlägt es elf Uhr. Oben im Turm geht ein Fenster auf, ein Mann mit Trompete erscheint und stimmt das berühmte Signal an. Bereits seit 200 Jahren ertönt das "Hejnal" in Krakau zu jeder vollen Stunde. Aus vier Fenstern der Marienkirche wird es in alle Himmelsrichtungen gespielt.

Die Touristen schießen Fotos, drehen Filme, oder nutzen wie der ältere Mann das Handy: "Ich habe meine Frau in Deutschland angerufen, damit sie das auch hören kann. Sie fand es sehr schön und beneidet mich, dass ich hier sein kann", sagt er und ergänzt, das "Hejnal" sei ein einmaliger Brauch: "Ich wüsste nicht, in welcher anderen europäischen Stadt es so eine Tradition gibt."

Düstere Legende

Der Krakauer Brauch stammt aus dem Mittelalter. Allerdings ertönte damals die Trompete nur zweimal täglich: Am Morgen war das Signal die Erlaubnis, die Stadttore zu öffnen. Sobald es abends ertönte, mussten die Tore geschlossen werden. Außerdem warnte der Trompetenklang die Krakauer vor Angriffen, Feuer oder verkündete andere wichtige Ereignisse in der Stadt:

Das Trompetensignal wird allerdings nie zu Ende gespielt. Grund dafür ist eine Legende: Danach wurde der Wächter, der die Stadt vor dem Angriff der Tataren warnen wollte, von einem Pfeil getroffen, der ihm die Kehle durchbohrte. Das Warnsignal wurde unterbrochen. Zur Erinnerung daran bricht "Hejnal" bis heute mitten im Spiel ab.

Traumjob über den Dächern Krakaus

Turm der Marienkriche in Krakau (Foto: Justyna Broska)

Hoch oben wird das Signal in alle Richtungen gespielt

Das „Hejnal“ zu spielen ist ein Traumjob für jeden Trompeter. Seit 25 Jahren bläst Krzysztof Daniel das Signal von dem Kirchturm. 239 Stufen muss er jedes Mal hinauf steigen zu seiner Trompete. Dass er einmal diese überaus beliebte Stelle haben würde, hat er sich nie träumen lassen: "Ich dachte immer, das 'Hejnal' dürfen nur auserwählte Leute spielen, Leute mit besonderen Verdiensten. Ich habe mich so gefreut, als ich die Stelle bekam. Meine Familie, meine Bekannten – alle waren stolz auf mich", blickt Krzysztof Daniel zurück.

In der Tat ist der Weg zum "Hejnal-Bläser" nicht einfach, manche müssen mehrere Jahre auf ihr Glück warten. Sieben Feuerwehrmänner dürfen derzeit das Signal auf dem Turm der 700 Jahre alten Marienkirche spielen. Sie gilt als eine der schönsten Kirchen Polens. Besonders berühmt ist der Hauptaltar, der vom Künstler Veit Stoß geschnitzt wurde. Es ist der größte mittelalterliche Altar Europas. Fast 200 Figuren aus Lindenholz wurden mit größter Sorgfalt geschnitzt. Ganze zwölf Jahre arbeitete Veit Stoß daran.

Symbol für ganz Polen

Jeder Pole kennt das "Hejnal". Seit 80 Jahre ist das Trompetenspiel aus Krakau täglich um zwölf Uhr Mittag in ganz Polen zu hören - es wird nämlich im Radio übertragen. "Das ist ein Symbol für Polen, für die polnische Geschichte und polnische Tradition", sagt ein polnischer Tourist. Das Signal gehöre zu ganz Polen, nicht zu Krakau allein. "Das sollte eine lebenslange Tradition bleiben", ergänzt er.

Auch für den Trompeter Daniel ist das "Hejnal" aus Krakau nicht mehr wegzudenken. Manchmal frage er sich zwar, ob man das "Hejnal" noch brauche. Aber wenn er auf die Menschenmenge unter sich auf dem Platz schaue, glaube er doch an seine Notwendigkeit: "Und es soll auch weiterhin live gespielt werden. Die Leute warten darauf, dass ich ihnen winke nachdem ich gespielt habe. Das ist jedes Mal ein großes Erlebnis für mich", sagt der Trompeter.

Sogar in der Nacht sei zu jeder Stunde jemand da, der anhalte, ihm zuhöre und winke: "Das ist ein nettes Gefühl für mich, wenn ich weiß, dass die Leute es hören wollen und sich freuen", strahlt Krzysztof Daniel, während er seine Trompete nimmt. Gleich ist es zwölf Uhr. Wie zu jeder Stunde läutet er zuerst die Glocken, dann öffnet er das Fenster in Richtung Süden, atmet tief ein und setzt die Trompete an die Lippen.

Hören Sie den Beitrag und mehr in der Sendung „Fokus Europa – Das Magazin: Reisen und Genießen“ am 27.02.2009 um 22:15 UTC.

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