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Ostmitteleuropa

Nicht von Kommunisten vorbereitet

Vor 60 Jahren begann in der Slowakei der Aufstand gegen Nazi-Deutschland

Bonn, 23.8.2004, DW-RADIO, Vladimir Müller

In einem der vermutlich letzten Prozesse um die Gräuel der Nazi-Zeit muss sich der mutmaßliche NS-Verbrecher Ladislav Niznansky vom 9. September an wegen Mordes in 164 Fällen in München vor Gericht verantworten. Der 86-jähriger gebürtige Slowake soll gegen Ende des Zweiten Weltkriegs für zwei Massaker in der damaligen Slowakei verantwortlich sein. Mit dem Prozess rückt auch der im Westen weit unbekannte bewaffnete Kampf der Slowaken gegen die Hitler-Armee ins Licht der Öffentlichkeit. Am 29. August jährt sich zum 60. Mal der Beginn des Nationalaufstandes. Vladimir Müller hat darüber mit einem slowakischen Historiker gesprochen.

"Die Bedeutung des Aufstandes sehe ich darin, dass die Slowaken und mit ihnen noch andere Nationen - den Aufstand kann man nicht als eine rein slowakische Angelegenheit sehen - den Kampf gegen den Faschismus aufgenommen und sich mit einem demokratischen Programm vom Nazi-Deutschland losgesagt haben. Und sie sind damit zu den europäischen Nationen gestoßen, die gegen den Faschismus gekämpft haben. Der Aufstand ist also ein bedeutendes Ereignis des europäischen Widerstandes,"

sagt der Historiker Jozef Jablonicky. Die Aufständischen kämpften dabei nicht nur gegen die Deutschen, sondern auch gegen die Armee des Slowakischen Staates. Dieser ist entstanden im März 1939 nach der Besatzung des tschechischen Teils der damaligen Tschechoslowakei durch deutsche Truppen. Die Selbstständigkeit des Landes zwischen der Donau und dem Tatra-Gebirge war von Hitlers Gnaden. Das willfährige Regime des katholischen Geistlichen Jozef Tiso befolgte blind national-sozialistische Grundsätze - vor allem das Führer- und das Rassenprinzip: Rund 70 000 slowakische Juden wurden in die deutschen Todeslager deportiert.

Vor allem im Militär regte sich Widerstand: Zwei slowakische Divisionen waren gleich nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941, an dem sie zusammen mit der deutschen Wehrmacht teilgenommen hatten, zur Roten Armee übergelaufen. Die slowakische Armee erwies sich für die Deutschen als die unzuverlässigste von allen ihren Verbündeten. Anfang 1944, als sich die Niederlage des Nazi-Deutschland bereits abzeichnete, brodelte es dann auch unter den slowakischen Einheiten zu Hause. Sie sollten zu den Hauptakteuren des Aufstandes werden. Der Historiker Jozef Jablonicky:

"Früher hieß es, der Aufstand wurde von den Kommunisten vorbereitet und durchgeführt. Das war aber nicht so. Es waren vor allem Soldaten und Offiziere der slowakischen Armee, die dann Angehörige der ersten Tschechoslowakischen Armee in der Slowakei geworden sind. Man kann jedoch auch nicht den Beitrag des politischen - demokratischen und kommunistischen - Widerstandes vergessen."

Der neu gegründete Slowakische Nationalrat war der politische Arm des Widerstandes. Die Aktivisten aus verschiedenen politischen Lagern hielten aber Kontakt auch zur tschechoslowakischen Exil-Regierung in London. In den Gebirgsregionen organisierten inzwischen russische Soldaten die Aktionen der Partisanen.

Am 29. August 1944 schien die Situation für die Deutschen unhaltbar und sie begannen mit der Besetzung des Landes. Dies war der Auslöser für den Aufstand, dessen Zentrum aus strategischen Gründen die Mittelslowakei um die Stadt Banska Bystrica wurde. Dem Aufruf der aufständischen Generäle folgten bis zu 60 000 Soldaten, die von etwa 18 000 Partisanen unterstützt wurden.

Jablonicky: "Das Konzept des militärischen Zentrums war, die slowakischen Truppen zu den Sowjets zu überführen und gleichzeitig das Gebiet der Slowakei für die vorrückende Rote Armee vorzubereiten. Das ist aber in der gewünschten Form nicht gelungen. Die Aufständischen mussten dann aus einer Umzingelung heraus kämpfen. In dieser Lage konnten sie immerhin zwei Monate Widerstand leisten. Es war ein Erfolg, obwohl der Aufstand militärisch niedergeschlagen wurde. Der Partisanen-Kampf ging aber weiter bis zur Ankunft der sowjetischen Truppen in der Slowakei Anfang 1945."

Nach zwei Monaten - am 27. Oktober 1944 fiel Banska Bystrica, das Zentrum des Aufstandes. Die Stadt, in der für kurze Zeit die Souveränität der Tschechoslowakei wiederhergestellt wurde. Der Slowakische Nationalrat gab dort bereits am 1. September eine Erklärung heraus, in der er sich zum gemeinsamen Staat mit den Tschechen bekannte. Unterstützt wurde die neue Macht auch von zehntausenden Slowaken, die bei der Organisierung des Widerstandes halfen.

Es folgte die Rache der Besatzer: Zwei aufständische Generäle wurden gefangen genommen und später in einem deutschen KZ erschossen. Ermordet wurden auch mehr als 5 000 Zivilisten, Tausende Slowaken wurden als Zwangsarbeiter ins Reich verschleppt. (lr)

  • Datum 23.08.2004
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