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Kultur

Nicht ohne meine Mutter: Nava Ebrahimi über ihren Debütroman "16 Wörter"

"Sechzehn Wörter" ist das Erstlingswerk der in Teheran geborenen Autorin Nava Ebrahimi. Der Roman richtet den Blick auf das Leben der Frauen in Iran - dabei kam Ebrahimi schon mit drei Jahren nach Deutschland.

Ein Mädchen inmitten von Rosenblüten. Foto: IRNA

Um Frauen im Iran geht es in Nava Ebrahimis Debütroman "Sechzehn Wörter"

Persisch ist zwar die Sprache ihrer Mutter, doch die Muttersprache Nava Ebrahimis ist naturgemäß Deutsch. Ihr erster Roman "Sechzehn Wörter" erschien Ende März in der Verlagsgesellschaft Random House. Darin zeichnet Ebrahimi das Porträt ihrer Protagonistin Mona, die wie sie selbst in zwei Kulturen aufwuchs: Mona, eine Ghostwriterin, reist mit ihrer Mutter in den Iran. Die Fahrt bringt für Mona eine Konfrontation mit der eigenen Identität und Herkunft, über die manches im Ungewissen bleibt. Die Autorin erzählt flüssig und spannend - und wie nebenbei erfährt der Leser dabei viele Details über den Iran und Deutschland und darüber, wie es sich anfühlt, zwischen zwei Kulturen zu wandeln.

Deutsche Welle: Frau Ebrahimi, fühlen Sie sich nun als Iranerin oder als Deutsche?

Nava Ebrahimi: Inzwischen mehr als Deutsche.

Inzwischen heißt?

Seit ich aufgehört habe, mir dauernd die Frage zu stellen, ob ich mehr Iranerin bin oder mehr Deutsche. Jedenfalls bin ich eine Deutsche, pflege aber meinen inneren persischen Garten. Wobei das Erinnerungen sind, die mit meinem jetzigen Leben nichts zu tun haben.

Während Iranerinnen immer alles durch die Blume sagen, spricht Ihre Protagonistin Mona zumindest eines ihrer der sechzehn Schlüsselwörter des Romans ganz unverblümt aus - sie spricht von "Muschi", wenn sie das weibliche Geschlechtsorgan meint. Ein Wort, das Iraner in der Öffentlichkeit vermeiden…

Nava Ebrahimi im Porträt. Foto: Katrin Ohlendorf

Nava Ebrahimi

Ehrlich gesagt, habe ich beim Schreiben darüber überhaupt nicht nachgedacht, weil ich zunächst gar nicht ans Publizieren oder an irgendwelche Auswirkungen gedacht hatte. Es war mir tatsächlich ein Bedürfnis, diese Geschichte einfach aufzuschreiben. Daher war mir zunächst nicht bewusst, was ich da mache. An dem Tag, an dem das Buch erschienen ist, habe ich abends kurz vor dem Einschlafen gedacht: "O Gott! Was habe ich da getan?" Aber vorher war mir das nicht richtig klar. Mona hat zwar nicht meine Charakterzüge, aber doch meine Empfindungen. Sie hat viel aus meiner Geschichte. Und dadurch zeigt sich schon, wie stark ich das Bedürfnis hatte, meine Geschichte mit all ihren Facetten zu erzählen. Kurzum: Ich wollte mich aus diesen ganzen Tabus freischreiben.

Wieviel Nava steckt denn in Mona?

Als ich drauflos schrieb, steckte relativ viel von mir in der Hauptfigur. Im Verlauf des Schreibens hat sich das dann geändert. In der komplett fiktiven Handlung musste ich die Figuren agieren und reagieren lassen. Deswegen musste ich die Charakterzüge von allen, auch der Hauptfigur, verändern. So haben sich die Figuren allmählich von meiner ersten Vorstellung entfernt.

Haben Sie je über eine persische Übersetzung des Buches nachgedacht?

Das werde ich oft gefragt. Im Grunde habe ich an eine deutsche Leserschaft gedacht. Mir war nie klar, was und wie ich auf Persisch schreiben würde. Aber es wäre natürlich interessant und schön.

Was sagen Ihre Eltern oder Verwandten - besonders zu den unverblümten Stellen?

Wahlkämpferinnen schwenken iranische Fähnchen. Foto: ILNA

Wahlkämpfende Frauen im Iran

Irgendein Schriftsteller hat einmal gesagt: Wenn man schreibt, sollte man das so tun, als würden die Eltern nicht mehr leben. Daran ist viel Wahres. Irgendwann habe ich mir Gedanken gemacht, was wäre, wenn meine Mutter mein Buch lesen würde. Sie war vorher die ganze Zeit über stolz und hat damit angegeben, dass ihre Tochter ein Buch veröffentlicht. Als sie es dann zu lesen bekam, reagierte sie schon etwas verhalten. Wir hatten vorher nie über den Inhalt gesprochen. Und es fiel ihr dann schon schwer, gegenüber iranischen Bekannten zu sagen, wie direkt ich mich in meinem Buch zuweilen ausdrücke. Aber vergessen wir nicht, dass ein deutscher Leser den Tabubruch überhaupt nicht bemerkt.

Ihr sozialer, psychologischer und historischer Streifzug durch den Iran erinnert an investigativen Journalismus. Wollten Sie mit Mona eher ein Einzelschicksal vorstellen - oder doch die typische Iranerin Ihres Alters?

Es war mir, wie gesagt, ein Bedürfnis, diese Geschichte aufzuschreiben, aber ich würde mir wünschen und hoffe, dass sich viele Deutsch-Iranerinnen in der Figur ein Stück weit wiedererkennen. Das Schöne an Literatur ist doch, dass man mit dem an sich relativ groben Werkzeug Sprache ganz andere Arten der Verbundenheit erzeugen kann.

Wollten Sie mit Ihrem Buch einen Beitrag zur Integrationsdebatte verfassen?

Vielleicht wollte ich darüber schreiben, wie es wird, wenn man sich zu sehr bemüht, sich möglichst schnell zu integrieren und in die neue Gesellschaft einzufügen - und dafür eiligst alles loswerden will, was einem von der eigenen Kultur, Geschichte und Tradition anhaftet. Das kann nämlich Schaden anrichten, denn es bedeutet in der Konsequenz: Entwurzelung. Dann kann es passieren, dass man nirgends mehr hingehört und sein Leben nicht gestalten und nicht mehr selbstbestimmt leben kann.

Männer kommen in Ihrem Roman nicht so gut weg. Selbst Ramin nicht, der Geliebte von Mona. Zeigt sich da Ihre Sicht auf die Männer in Iran?

Buchcover Nava Ebrahimi: Sechzehn Wörter (Verlag Random House)

Buchcover von " Sechzehn Wörter"

Auch. Im Iran halten die Frauen die Zügel in der Hand. Sie sind es, die den ganzen Laden schmeißen: Sie kochen, versorgen die Kinder, managen das ganze Leben, sorgen für das Einkommen und so weiter. Und die Männer? Die sind seltsam abwesend. Ich weiß gar nicht, wo sie den ganzen Tag stecken und was sie machen. Ganz abgesehen vom Drogenproblem, das jeder kennt. Wenn ich zurückdenke, war es in unserer Familie genauso. Dass aus Monas Sicht Männer schlecht wegkommen, liegt daran, dass sie aufgrund ihrer Kulturlosigkeit nicht in der Lage ist, Beziehungen einzugehen. Sie weiß nicht, wie und auf welcher Basis sie Männern begegnen muss. Wenn man nicht weiß, woher man kommt und wo man hingehört, dann ist es schwierig, Beziehungen einzugehen. Letztendlich schildere ich die Männer ja aus ihrer Sicht.

Was sollen die Leser aus Ihrem Roman mitnehmen?

Ich wünsche mir, dass meine Leserschaft ein Gefühl dafür bekommt, wie anders das soziale Miteinander im Iran ist und welch besondere Intimität Frauen miteinander haben. Ein Europäer kann sich das überhaupt nicht vorstellen. Ich bin in den 1980er Jahren in Köln aufgewachsen. Am Ende dieses Jahrzehnts ist das Buch "Nicht ohne meine Tochter" von Betty Mahmoody erschienen. Ich wurde immer wieder mit der Aussage konfrontiert, Iraner hätten nie Spaß und keine sinnlichen Bedürfnisse, bei ihnen sei alles total freudlos und so weiter. Aber dann saß ich bei meiner Oma, die ununterbrochen schmutzige Witze erzählte und sah, wie Frauen untereinander lachten und fröhlich und sinnlich waren. Natürlich habe ich diese Gegensätze nicht zusammengekriegt - einerseits das, was mir über meine iranische Kultur zugetragen wurde, und dann das, was ich tagtäglich erlebte. Seitdem hatte ich das Bedürfnis, der Welt mitzuteilen, wie sich das Leben unter Iranern und besonders unter Iranerinnen abspielt.

Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Deutschland und lebt heute in Graz. "Sechzehn Wörter" ist ihr erster Roman. 

Mit Nava Ebrahimi sprach Eskandar Abadi.

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