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Asien

Nicht nur Zustimmung zum US-Truppenabzug

Hamid Karsai ist zuversichtlich nach der Obama-Rede, zumindest nach außen hin. Der afghanische Präsident hat den angekündigten Teilabzug von ersten 10.000 US-Soldaten aus seinem Land bis Ende des Jahres begrüßt.

Hamid Karsai (Foto: AP)

Karsai glaubt an die eigene Kraft der Afghanen

Der angekündigte Truppenabzug sei ein "guter Schritt“, der auch im Interesse Afghanistans sei, so Karsai vor Journalisten in Kabul. Sein Land unterstütze die Pläne von US-Präsident Obama. Zugleich gratulierte Karsai der eigenen Bevölkerung. Die Ankündigung sei ein "Schritt auf dem Weg zu einer Verteidigung des eigenen Bodens durch das eigene Volk".

Tatsächlich sind die Stimmen in der afghanischen Bevölkerung sehr gemischt. Zwar trifft die offizielle Verlautbarung Karsais nach mehr Souveränität im eigenen Land den Wunsch der Bevölkerung. Daneben aber herrscht eine vielverbreitete Skepsis über Zeitpunkt und Wirkung von Obamas Abzugs-Ankündigung.

Afghanische Polizisten mit Gewehren (Foto: AP)

Können afghanische Kräfte schon für Sicherheit sorgen?

Sorge um Zukunft Afghanistans

"Wir billigen die Entscheidung von Obama nicht", sagt Saleh Mohammad Saljuqi, Parlamentsabgeordneter aus der Provinz Herat. Obamas Rede habe ihn in große Sorge versetzt. "Wenn die Übergabe der Sicherheitsverantwortung in Afghanistan zu schnell von statten gehen sollte, wird Afghanistan in ein Chaos gestürzt werden. Ich finde, die Entscheidung von Obama hat nichts Gutes für Afghanistan und wir sind deshalb sehr besorgt".

Ähnlich Esmat Moslim, ein Bewohner aus Kabul: "Das Versprechen, das uns die USA seinerzeit gegeben haben, müssen sie einhalten." Die afghanischen Sicherheitskräfte, findet er, müssten nachhaltig ausgebildet werden. "Wenn die Situation aber so schlecht bleibt wie jetzt und die USA abziehen, werden die alten Kämpfe wieder losgehen und ein Bürgerkrieg und Chaos werden ausbrechen."

Zweifel an afghanischen Streitkräften

Hinter der Sorge vor "alten Kämpfen", "Chaos" und einem "Bürgerkrieg" steckt nicht nur die Angst vor der Rückkehr der Taliban als Ergebnis möglicher Verhandlungen. Viele Menschen in Kabul und den Provinzen fürchten zudem, dass ehemalige Warlords und Milizenführer, die in den 90er Jahren das Land unsicher gemacht haben und zur Zeit durch die Präsenz ausländischer Truppen ruhig gestellt sind, dann wieder freie Hand bekommen könnten.

Auch gibt es verbreitete Zweifel in der Bevölkerung, ob die afghanischen Streitkräfte so schnell die Sicherheit im ganzen Land übernehmen können. Das afghanische Verteidigungsministerium beschwichtigt deshalb: Die Obama-Ankündigung schaffe kein neues Sicherheitsvakuum für die neu ausgebildeten afghanischen Sicherheitskräfte.

US-Konvoi vor Sonnenuntergang (Foto: AP)

Die US-Militärpräsenz in Afghanistan soll bald der Vergangenheit angehören.

"Wir denken, dass mit dem Abzug der amerikanischen Soldaten die afghanische Regierung durchaus in der Lage sein wird, für die Sicherheit im Land zu sorgen", so Ministeriumssprecher Sahir Azimi.

"Stärkung der Taliban ist nicht im Sinne der Afghanen"

Kritiker im In- und Ausland vermissen allerdings ein politisches Konzept des Westens neben der Abzugsankündigung. Bis Sommer 2012 sollen insgesamt 33.000 US-Soldaten vom Hindukusch abziehen. Auch Deutschland will bis dahin erste Kontingente zurückziehen. Zugleich ist unklar, ob und wie schnell Kontakte der US-Regierung zur Taliban-Führung tatsächlich in Verhandlungen münden können. Davon dürfte abhängen, ob und wie der militärische Kampf in Afghanistan weitergeht. Zurzeit jedenfalls fehlen eindeutige Hinweise, dass die Taliban militärisch entscheidend geschwächt sind und damit das erklärte militärische Ziel erreicht ist.

Mahammad Abdu, Parlamentsabgeordneter aus der nördlichen Provinz Balkh, findet die Rede des US-Präsidenten stärke vielmehr Obamas Gegner. "Der Abzug der amerikanischen Soldaten aus Afghanistan wird in erster Linie die Moral der Talibankämpfer stärken", vermutet er. "Die Taliban haben immer gesagt, sie werden solange kämpfen, bis die ausländischen Soldaten das Land verlassen haben. Aber eine Stärkung der Taliban ist nicht im Sinne der Afghanen."

Schon in wenigen Tagen, Anfang Juli, wird die Verantwortung für die Sicherheit in einem halben Dutzend afghanischer Städte und Provinzen an die afghanischen Behörden übergehen. Das werde eine weitere Prüfung, so Esmatullah Ghalzai, politischer Experte und ehemaliger Militär. "Es ist bei der jetzigen Anzahl der Soldaten, die abgezogen werden sollen, abzusehen, dass dies ein Test für die ersten Übergabeorte ist." Die Entscheidung Obamas zu diesem einschneidenden und raschen Truppenabzug sei allerdings logisch, angesichts der Haushaltskrise der USA und der Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung.

Autoren: Waslat Hasrat-Nazimi/Martin Gerner
Redaktion: Ratbil Shamel/Sabine Faber