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Alltagsdeutsch – Lektionen

„Nicht nur reden, handeln!“: Alternative Wege zum Deutschlernen

Bei Deutschlernangeboten für Geflüchtete und Migranten geht der Verein „GIZ“ einen neuen Weg: Geschäftsführerin Britta Marschke im Interview zu einem Pionierangebot im Bereich Alphabetisierung und Bildung.

Dr. Britta Marschke ist Erziehungs- und Islamwissenschaftlerin und war unter anderem wissenschaftliche Referentin im Berliner Abgeordnetenhaus für „Migration und Flüchtlingspolitik“. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins „GIZ“ e.V.  und seit 2009 dessen Geschäftsführerin.

Im Jahr 2000 wurde in Berlin der Verein „Gesellschaft für Interkulturelles Zusammenleben“, „GIZ“, gegründet. Er entstand aus dem Gedankenheraus, dass nicht nur über Integration und pädagogische Angebote für Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten geredet werden, sondern auch praktisch gehandelt werden soll. 2009 war es dann soweit: Mit einem einzigen Mitarbeiter startete die praktische Arbeit. Inzwischen sind mehr als 100 bei der gemeinnützigen Organisation beschäftigt, rund drei Viertel von ihnen sprechen eine andere Sprache als Deutsch. Gefördert wird das Projekt durch das BMBF, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, sowie das BMI, das Bundesministerium des Inneren.

DW: Was macht der Verein  „GIZ“ e.V., wie entstand die Idee zu dem Projekt „ABCami“?

Britta Marschke: Der Verein ist vor allen Dingen in der Bildungsarbeit tätig. Wir sind ein zertifizierter Integrationskursträger für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, BMBF. Wir sind aber auch ein zertifizierter Bildungsträger und bieten verschiedene pädagogische Fortbildungskurse an, auch interkulturelle Trainings. Wir arbeiten auch an Schulen. Und so ist die erste Idee entstanden für das Projekt „ABCami“ – Alphabetisierung und Bildung an Moscheen. „Cami“, das türkische Wort für „Moschee“, beginnt mit einem „C“ – und wir fanden das Wortspiel gelungen für das, was wir vorhatten.

Muslime beim Freitagsgebet in einer Berliner Moschee (Getty Images/AFP/T. Schwarz)

Die Moschee: nicht nur ein Ort zum Beten, sondern auch zum Lernen

Bei unserer Sozialarbeit an Schulen hatten wir schon festgestellt, dass einige Kinder und Jugendlichen, mit denen wir arbeiteten, am Nachmittag oder am Wochenende in die Moschee gegangen sind, wo sie noch Nachhilfe erhielten. Wir haben uns das angeschaut und festgestellt, dass sich die Kinder und Jugendlichen dort ganz anders verhielten als in der Schule.

So haben wir entschieden, auch den Lernort Moschee zu nutzen – auch für Grundbildungsangebote im nicht-schulischen Bereich. 2012 wurde ein beim BMBF eingereichter Projektantrag für Grundbildungs- und Alphabetisierungsangebote in Moscheen genehmigt – für zunächst drei Moscheen.

Wie hat sich das dann weiterentwickelt?

Inzwischen, Stand Frühjahr 2017, beteiligen sich 30 Moscheen in den Bundesländern Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Derzeit laufen fast 40 Kurse, zumeist deutsch-türkische, aber auch einige deutsch-arabische Kurse. Letztere sind durch die durch Geflüchtete entstandenen Herausforderungen entstanden.

Der Projektrat, in dem auch zwei Bundestagsabgeordnete und je eine Vertreterin des BMBF sowie des BAMF vertreten sind, kam dann auf die Idee, das Projekt auch auf Geflüchtete auszuweiten. Im Januar 2016 haben wir die ersten deutsch-arabischen Kurse nach der gleichen kontrastiven Art gestartet.

Die kontrastive Lernmethode ist bekannt aus der Lernpsychologie. Nutzen Sie weitere Erkenntnisse?

Ja, wir haben bei diesem Grundbildungs- und Alphabetisierungsangebot Erkenntnisse aus der Lernpsychologie berücksichtigt. Das erste wichtige Kriterium für uns ist der Lernort. Wir gehen davon aus, dass ich an einem Ort, der mir vertraut ist, mit einer anderen Motivation lerne, nämlich der intrinsischen Motivation. Der zweite Aspekt, der uns wichtig erschien, war die Berücksichtigung der Muttersprache, also eine kontrastive Alphabetisierung.

Sätze in Deutsch und in Arabisch (picture-alliance/dpa/S.Gollnow)

Die Kenntnis der jeweiligen Muttersprache der Lernenden ist hilfreich

Dieser Aspekt ist nicht ganz unproblematisch: Auf der einen Seite wird er ausdrücklich vom BAMF als wichtiges Element in der Alphabetisierung im DaF-Unterricht erwähnt. Auf der anderen Seite gibt es aber weder praktische Beispiele, an denen wir uns orientieren konnten, noch gibt es dazu Lernmaterialien.

So sind wir eigentlich ein wenig Pioniere auf diesem Weg und haben alle unsere Lernmaterialien auch selber entwickelt. Der dritte, nicht ganz unwichtige, Aspekt ist der der Lehrkräfteakquise.

Wer sind die Lehrkräfte, wie gewinnen Sie sie – angesichts der allgemeinen Probleme, ausreichend ausgebildete Lehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache zu finden?

Wir wollten auf Augenhöhe mit den Moschee-Gemeinden zusammenarbeiten und das Projekt nachhaltig gestalten. So haben wir uns entschieden, in den Gemeinden selber zu eruieren, ob es dort nicht Personen gibt, die die Erfordernisse und die Herausforderungen von DaZ- und DaF-Unterricht erfüllen können nach den Kriterien, die das BAMF vorgeschrieben hat. Das sind vor allem Studienabschlüsse im pädagogischen oder im linguistischen Bereich. In all den Gemeinden, in denen wir arbeiten, haben wir diese Personen finden können, die diese Abschlüsse haben und die wir jetzt einsetzen im Unterricht. Und nach Abschluss des Projektes können sie dann weiter für das BAMF, aber auch in einer Volkshochschule oder für einen anderen Bildungsträger DaZ- und DaF-Unterricht geben.

Ist das Projekt nur auf Moscheen beschränkt?

Moschee in Köln Ehrenfeld (picture-alliance/R. Hackenberg)

Der Unterricht findet nicht nur in Moscheen statt

Nein. Wir arbeiten auch mit zwei syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden zusammen. Diese Zusammenarbeit ist entstanden aus dem Wunsch heraus, auch für Menschen, die die arabische Muttersprache haben, aber sich nicht in einer Moschee wohlfühlen, einen besonderen Lernort zu schaffen.

So haben wir das Modell „Unterricht in der Moschee“ jetzt übertragen auf das Modell „Unterricht in der Kirche“. Wir planen, mit weiteren Kirchengemeinden zusammenzuarbeiten. Der Zentralrat der Orientalischen Christen hat uns bereits angesprochen.

Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt, bis 2018. Geht es danach weiter? Wovon hängt das ab?

Abhängig ist das natürlich von den zur Verfügung stehenden Mitteln. Wir haben eine Bewilligung bis März 2018. Aber wir rechnen damit, über diesen Zeitpunkt hinaus die Arbeit fortsetzen zu können. Dann mit anderen Moschee-Gemeinden, auch mit anderen Lehrkräften. Denn zusätzlich zu den Workshops, die wir unseren Lehrkräften, den lokalen Koordinatorinnen und Koordinatoren, vor Ort anbieten, erhalten diese auch eine DaF-Qualifizierung.

Und wir werden die Kurse solange fortsetzen, bis die DaF-Qualifizierung abgeschlossen ist. Und dann begleiten wir die Lehrkräfte dabei, sich zu verselbstständigen und für das BAMF Integrationskurse anzubieten. Das ist unser Ziel und nicht das einer sehr langen oder sehr längerfristigen Förderung vor Ort. Dafür sind auch die Gelder des BMBF begrenzt. Außerdem gibt es dafür, also die Integrationskurse, Mittel des BMI.

Gibt es persönliche Erfolgsbeispiele, an die Sie sich erinnern?

Das sind vor allen Dingen die Geschichten, die die Lernenden selber erzählen. Besonders in unseren deutsch-türkischen Kursen haben wir immer wieder Lernende, die sagen: „Ich habe schon ein, zwei oder drei Kurse besucht, an der Volkshochschule, bei einem Bildungsträger. Ich habe schon versucht, einen Integrationskurs zu machen, mit Alphabetisierung. Aber ich habe es nicht geschafft. Ich habe es einfach nicht verstanden.“

Zwei ältere Deutschlerner (eine Frau mit Kopftuch links, und ein Mann mit Halbglatze, rechts) sitzen in einem Raum und hören einer jungen deutschen Lehrerin in einem Integrationskurs Deutsch zu (picture-alliance/dpa/J. Kalaene)

Viele Flüchtlinge und Migranten haben schon mehrere vergebliche Versuche, die deutsche Sprache zu lernen, hinter sich

Wir haben dann mal mit deutschen Lehrkräften verschiedene Sensibilisierungsworkshops gemacht, in denen wir versucht haben, ihnen ausschließlich auf Arabisch die arabischen Schriftzeichen beizubringen. Und sofort haben alle verstanden, wie schwierig es ist, ausschließlich in einer mir fremden Sprache etwas erklärt zu bekommen, zumal wenn ich auch nicht lesen und schreiben kann.

Dazu kommt, dass es sich bei unseren Lernenden um Menschen handelt, die häufig wenig oder schlechte Lernerfahrung haben. Sie sind relativ demotiviert, haben keine Lust zum Lernen. Und diese Lust wecken wir neu, weil wir ihnen zeigen, dass auch sie etwas können, dass ihre Muttersprache auch eine Wertschätzung hat. Das motiviert – und das ist auch der Motor für die Kolleginnen aus dem Projekt.

Das Gespräch führte Beatrice Warken.

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