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Asien

"Nicht jeder ist ein potenzieller Attentäter"

Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Drohnenangriff in Pakistan und dem Reisehinweis Washingtons über eine erhöhte Terrorgefahr in Deutschland? Darüber sprach DW-WORLD.DE mit dem Politikwissenschaftler Jochen Hippler.

Jochen Hippler (Foto: Jochen Hippler)

Jochen Hippler

DW-WORLD.DE: Herr Hippler, die USA warnen vor einer erhöhten Terrorgefahr in Europa. Jetzt der Drohnenangriff in Pakistan, bei dem deutsche Islamisten getötet worden sein sollen. Gibt es da einen Zusammenhang?

Jochen Hippler: Das ist Spekulation - mehr nicht. Denn erstens stammen die uns vorliegenden Informationen teilweise aus Quellen, die nicht ganz so einfach sind. Die immer wieder genannte Hauptquelle Fox News ist kein sehr seriöser Fersehsender. Fox hat sich nur auf Geheimdienstquellen bezogen, ohne diese konkreter zu benennen. Insofern ist noch unklar, was da dran ist. Zweitens haben die Drohnenangriffe in den pakistanischen Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan eigentlich schon seit ein paar Wochen deutlich zugenommen, die Anzahl hat sich verdoppelt. Insofern ist es vielleicht ein bisschen zu weit hergeholt, dass beides jetzt zu stark in Verbindung zu setzen. Natürlich kann es auch sein, dass die Spekulationen zutreffen. Aber das können wir nicht unabhängig bestätigen.

Nach Geheimdiensterkenntnissen sollen sich zur Zeit mehrere Dutzend türkischstämmige und auch gebürtige Deutsche in Terror-Ausbildungslagern in Pakistan aufhalten. Was weiß man konkret darüber?

Darüber wissen wir schon länger Bescheid. Im Prinzip gibt es seit 2008 / 2009 immer wieder Meldungen darüber, dass sich einzelne Deutschstämmige, Deutsche, Konvertiten oder extreme Muslime aus deutschen Städten dort befinden. Die Zahlen schwanken ein bisschen. Manchmal ist von knapp zwei Dutzend die Rede, manchmal geht die Schätzung mit bis zu 100 etwas höher. Wir denken, dass es so um die 40 sein könnten, die manchmal auch mit der Perspektive nach Pakistan gehen, den bewaffneten Kampf nach Europa zu holen. Häufiger aber - soweit wir es wissen - möchten sie einfach für ein paar Monate in Pakistan oder Afghanistan an einem Dschihad teilnehmen, um dann wieder zurück zu gehen und in Deutschland weiter ein normales Leben zu führen.

Das bedeutet, nicht jeder, der in ein solches Ausbildungs-Camp geht, ist bei seiner Rückkehr nach Deutschland ein potentieller Attentäter?

Nein. Es gibt Hinweise darauf, dass manch einer der Meinung ist, ein heiliger Krieg sei beispielsweise in Afghanistan angebracht: gegen amerikanische Besatzungstruppen und vielleicht auch gegen deutsche, britische oder andere Truppen. An Gewaltaktionen in Deutschland oder Europa haben viele aber kein Interesse und würden sie auch nicht rechtfertigen. Aber es gibt auch Leute, von denen wir wissen, dass sie es anders sehen und die gerade deshalb in ein solches Ausbildungslager gehen, um sich für Anschläge auch in Europa ausbilden zu lassen. Beides gibt es, und man muss aufpassen, mit welcher dieser beiden Gruppen man es zu tun hat.

Warum gelingt es denn nicht, diese Leute schon vorher abzufangen - bevor sie in die Ausbildungscamps gehen?

Das ist nicht so einfach. Ich selbst bin auch häufig in Pakistan, und wenn ich schon am Flughafen abgefangen würde, weil ich theoretisch in ein Terror-Camp gehen könnte, dann wäre das problematisch. So etwas geht natürlich nicht. Man kann nicht alle Deutschen oder alle Ausländer, die nach Pakistan oder in die Richtung reisen, präventiv abfangen. Es gab ja auch eine ganze Reihe von Fällen, in denen Unschuldige in Verdacht geraten oder sogar misshandelt worden sind - denken Sie an Murat Kurnaz. Er war vielleicht in gewissem Sinne politisch oder religiös naiv, aber er war nun wirklich kein Verbrecher und kein Terrorist. Trotzdem kam er in der Gegend in Schwierigkeiten mit den pakistanischen Behörden, wurde verhaftet und an den amerikanischen Geheimdienst verkauft, von dem er auch gefoltert wurde. Insofern muss man aufpassen, dass man die ernsthafte Bedrohung eben auch als solche behandelt, aber keinen Generalverdacht gegenüber Leuten erhebt, die aus persönlichen Gründen mal nach Pakistan fahren, weil sie beispielsweise Verwandte oder Freunde besuchen wollen. Das ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass man gefährlich ist.

Kommen wir noch einmal zurück zum Reisehinweis der USA. Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière hat darauf relativ gelassen reagiert. War das Ihrer Meinung nach die richtige Reaktion?

Ja, Besonnenheit ist sehr vernünftig. Das Problem ist, dass wir einerseits natürlich in Deutschland nie sicherstellen können, dass es nicht zu Terrorakten kommt. Das geht einfach nicht, genauso wie man nicht hundertprozentig verhindern kann, dass irgendwelche Hooligans beim Fußball randalieren oder dass es zu Chemieunfällen kommt. Das heißt: Wenn drei oder vier extremistisch eingestellte Leute das Bedürfnis haben, irgendein Ziel anzugreifen, dann kann man das nicht immer grundsätzlich verhindern. Deshalb ist auch Aufmerksamkeit notwendig. Aber daraus abzuleiten, dass man ständig in Panik geraten sollte - das erscheint mir nicht klug. Denken wir daran: In England und Frankreich sind die Terrorwarnungen schon seit Anfang des Jahres sehr hoch. Wenn wir aber ständig Terrorwarnungen geben, ist das Ergebnis nicht eine erhöhte Wachsamkeit. Sondern die Leute nehmen es im Gegenteil irgendwann nicht mehr ernst. Wenn man ständig glaubt, ein Anschlag stehe unmittelbar bevor, dann könnte das letztlich zu einer höheren Gefährdung führen, weil die Aufmerksamkeit einfach nachlässt.

Dr. Jochen Hippler ist Politikwissenschaftler und arbeitet am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen

Das Gespräch führte Manfred Götzke
Redaktion: Esther Broders

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